«Das plakativ-Provokative einiger Juso ist nicht mein Stil.»

12. März 2020

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Cathrine Liechti ist Juso-Mitglied, 25 Jahre alt und bereits Parlamentspräsidentin einer Berner Grossgemeinde. Mit der bärner studizytig sprach sie über Quotenfrauen, Politik-Treffs im Altersheim und darüber, was in der Schweizer Gesundheitspolitik alles schief läuft.

Cathrine, mit 25 bist du Parlamentspräsidentin in Köniz, der viertgrössten Gemeinde des Kantons Bern. Wie schafft man das?

Parlamentspräsidentin zu werden ist relativ einfach. Im Könizer Parlament stellt im Turnus jedes Jahr eine andere Partei eine Vertreterin oder einen Vertreter für dieses Amt. Und 2020 ist nun die SP dran.

Das ist jetzt nur die technische Seite – wieso aber wählte die Partei genau dich?

2018 wurde ich für das Vizepräsidium angefragt. Dieses Amt interessierte mich. Es war für mich eine gute Möglichkeit, um bekannter zu werden. Als junge Frau ist es zudem mein Ziel, weitere junge Frauen zu motivieren, damit diese sich in der Politik engagieren.

Das erklärt aber immer noch nicht ganz, warum du und nicht eine erfahrene Kandidatin nominiert wurde.

Die SP in Köniz will den politischen Nachwuchs fördern. Und da passe ich sehr gut rein. Das geschieht sicher nicht ohne Hintergedanken: Indem die Partei Junge aufstellt, ist es einfacher, junge Wählerinnen und Wähler zu erreichen.

Könnte man sagen, dass du eine junge Quotenfrau bist?

Ein paar Leute sehen das sicher so, dass muss ich akzeptieren. Der Begriff Frauenquote hört sich für mich aber zu sehr nach einem Schimpfwort an –
doch manchmal braucht es genau solche Mittel, weil eine Frau oftmals immer noch weniger Chancen hat als ein Mann. Ich will aber beweisen, dass ich mehr als eine junge Quotenfrau bin.

«Frauenquote ist mehr als ein Schimpfwort – oftmals haben Frauen weniger Chancen als Männer, da braucht es solche Mittel.»

Wie willst du die Kritiker*innen überzeugen?

Obwohl noch jung, bringe ich bereits viel Erfahrung und jede Menge Qualitäten in das Amt. Beispielsweise habe ich bereits Erfahrung darin, ein Präsidium zu führen, da ich unter anderem Co-Präsidentin der Eidgenössischen Jugendsession war und auch Co-Präsidentin des Jugendparlaments Köniz.

Das klingt, als hätte dich die Politik bereits früh gepackt.

Ja. Mit 14 regte ich mich so sehr über die Politik der Erwachsenen auf, dass ich entschied, mich politisch zu engagieren. Ich fand es unfair, dass alte Männer und Frauen Entscheide treffen, die sie weniger lange betreffen als uns Junge. Wir sind es, die mit den Konsequenzen der heutigen Beschlüsse leben müssen. Deshalb nahm ich an der Eidgenössischen Jugendsession teil und kandidierte schliesslich für das Parlament in Köniz. Da habe ich gemerkt, dass ich auch als Jugendliche etwas verändern kann.

War für dich von Beginn weg klar, dass du den Juso beitrittst?

Nein, zu den Juso ging ich erst mit 18. Ich schätzte sehr, dass man im Jugendparlament Politik machen konnte, ohne in einer Partei sein zu müssen. Mit 14 hätte ich mich noch keiner Partei zuordnen können oder wollen. So hatte ich den Raum herauszufinden, was überhaupt meine eigene Meinung ist. Im Parlament politisiere ich heute in der SP-Fraktion, bin aber nach wie vor Juso-Vertreterin.

Für eine Juso-Politikerin wirkst du sehr unaufgeregt. Wo bleibt die Wut, die viele Jungpolitiker*innen antreibt?

Ich befürworte eine lösungsorientierte Politik – das ist problemlos auch als Juso-Politikerin möglich. Dazu gehört, dass man Themen ausdiskutiert und auch andere Meinungen einbindet und akzeptiert. Die eigene Meinung ist nie absolut. Es gilt für alle, die eigenen Standpunkte regelmässig zu hinterfragen. Allein mit Wut als Antrieb ist es schwierig, lösungsorientiert zu politisieren.

«Mit Wut als Antrieb ist es schwierig, lösungsorientiert zu politisieren.»

Sind dir die Juso deshalb teilweise zu extrem?

Das plakativ-Provokative einiger Juso ist sicher nicht mein Stil. Aber logisch: eine Partei definiert sich über klare Positionen und bei einer Jungpartei können diese auch mal provokativer sein. So erregt man Aufmerksamkeit für gewisse Probleme. Eine Partei setzt sich glücklicherweise aber immer aus verschiedenen Meinungen zusammen.

Nun bist du Parlamentspräsidentin einer Grossgemeinde. Eine eigene Homepage hast du aber nicht. Dabei ist das heute schon fast Voraussetzung für eine erfolgreiche Politkarriere. Hast du keine weiteren Ambitionen?

Doch. Momentan fokussiere ich mich aber vollständig auf die Gemeindepolitik. Es macht Spass, politische Prozesse mitzuprägen, deren Folgen direkt vor der eigenen Haustür sichtbar sind. Hier kann ich am meisten bewirken. Ob ich eines Tages auf die kantonale oder gar die nationale Ebene wechsle, habe ich noch nicht entschieden.

Was ist der Grund, dass sich viele Junge nicht für die Politik interessieren?

Ich sehe das ein wenig anders, viele Junge interessieren sich für die Politik. Meist ist das Interesse halt einfach stärker themenspezifisch. Das sieht man beispielsweise bei vielen Klimajugendlichen: Das Thema Klima interessiert und mobilisiert, andere politische Themen sind ihnen dann oft aber bereits wieder egal.

«Zwischen der 9. Klasse und ihrem 18. Geburtstag verlieren viele Jugendliche den Bezug zur Politik.»

Ist das Desinteresse also gar nicht so gross?

Das ist schwierig abzuschätzen. Was aber sicher ein Problem ist, ist die relativ grosse Lücke zwischen der 9. Klasse und dem 18. Geburtstag. In der Schule werden politische Themen noch eher behandelt als in der Lehre. Wird ein Jugendlicher mit 18 stimmberechtigt, ist die Politik oftmals bereits zu weit weg.

Als Parlamentspräsidentin hast du dir zum Ziel gesetzt, die Politik näher zu den Leuten und damit auch zu den Jungen zu bringen. Wie soll das gehen?

Wir werden Parlamentssitzungen in der ganzen Gemeinde Köniz abhalten. Als nächstes beispielsweise in Niederscherli, meinem Heimatdorf. Dort findet die Sitzung in der Schule statt. Die Schülerinnen und Schüler werden dem Parlament in einem Beitrag präsentieren, was sie sich für die Gemeinde Köniz wünschen. In Wabern gehen wir ins Altersheim, dort wir es um die Frage gehen: Wie wird man in Köniz alt? Die letzte Sitzung ist dann in Niederwangen. Dort politisieren wir im Jugendtreff. Es gab auch den Vorschlag eines Livestreams, damit die Leute von zuhause zuschauen können. Diese Idee kam aber nicht zustande.

«Ich will politische Prozesse mitprägen, deren Folgen direkt vor der eigenen Haustür sichtbar sind.»

Als diplomierte Pflegefachfrau ist die Gesundheitspolitik deine Paradedisziplin. Viele Pfleger*innen hören bereits jung auf zu arbeiten oder wechseln die Branche. Wie erklärst du dir die Unbeliebtheit dieses Berufs?

Das Hauptproblem sind die Finanzen. Ich arbeite bei der Insel im Kinderspital. Jedes Jahr schreibt der Betrieb rote Zahlen – und dann heisst es: sparen, sparen, sparen. Und gespart wird natürlich da, wo es am effektivsten ist, beim Personal. Wenn jemand kündet, wird niemand neues eingestellt. Die verbliebenen Pflegefachpersonen müssen dafür umso mehr arbeiten, die Arbeit fällt ja nicht weg. Das führt zu Stresssituationen und lässt vielen die Lust am Job vergehen. Wer die Beliebtheit des Pflegeberufes steigern will, muss sich deshalb zwingend für mehr Geld in dieser Branche einsetzen.

Wie stehst du zur Pharmaindustrie?

Ich finde vor allem das finanzielle Ungleichgewicht krass. Sowohl Pflege als auch Pharma kümmern sich ja grundsätzlich um das Wohl der Patienten. Bei uns wird gespart, in der Pharmaindustrie sind aber immer genügend finanzielle Mittel da, um ein zusätzliches Medikament herzustellen, das noch teurer ist als sein Vorgänger.

Was kann die Politik dagegen unternehmen?

Die Schweizer Politik sollte den Pharma-Multis besser auf die Finger schauen. Kontingente für Medikamente und starre Preisvorgaben lehne ich ab, das wäre ein zu starker Eingriff in die Wirtschaft. Statt aber die Entwicklung neuer Medikamente den privaten Pharma-Firmen zu überlassen, plädiere ich dafür, vermehrt in die Forschung an den Universitäten und in die Pflegeausbildung und Pflegestellen zu investieren. Das ist, was am Ende den Patienten und Patientinnen zugutekommt.

Befürwortest du eine Einheitskrankenkasse?

Zumindest in der Grundversicherung, ja. Der heute herrschende freie Markt hat nicht einen Preiskampf zwischen den Anbietern, sondern höhere Preise zur Folge. Es gibt zu viele unterschiedliche Krankenkassen, Angebote und Preise. Da den Durchblick zu behalten ist fast unmöglich.

Wo siehst du sonst noch Verbesserungspotential?

Die Lohnstruktur in den Spitälern und im Gesundheitswesen generell sollte einmal genau unter die Lupe ­genommen werden. Klar, eine Ärztin trägt mehr Verantwortung als ein Pfleger, der Lohnunterschied, der zwischen den beiden besteht, ist aber krass. Solche Differenzen sind in keiner Art und Weise gerechtfertigt.

«Die Lohnstruktur in den Spitälern sollte einmal genau unter die Lupe genommen werden.»

Deine Amtszeit als Parlamentspräsidentin ist noch sehr kurz. Kannst du bereits ein erstes Kurzfazit ziehen?

Die Aufgabe gibt viel zu tun: Sitzungen organisieren, Mails beantworten, Dossiers vorbereiten. Pro Woche investiere ich dafür rund acht Stunden. Es ist nicht immer einfach, das mit meiner Vollzeitstelle im Kinderspital unter einen Hut zu bringen.

Und wie ist die Arbeit im Parlament?

Vor meiner ersten Sitzung war ich noch sehr nervös. Als es dann aber losging und ich merkte, dass mein junges Alter keine Rolle spielte, begann ich mich zu entspannen. Ich hatte das Parlament im Griff. Als ich das realisierte, sagte ich mir: «Mou, das fäggt.»

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