«Momentan werden kritische Stimmen einfach zum Schweigen gebracht.»

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Tamara Funiciello, seit mehr als einem Jahr Präsidentin der JUSO Schweiz (Foto: Sam von Dach)

Kaum jemand politisiert und polarisiert wie sie. Seit etwas mehr als einem Jahr ist Tamara Funiciello Präsidentin der JUSO Schweiz und auch unter ihr agiert die Jungpartei in gewohnt provokanter Manier. Wir haben mit ihr über Gewalt, linke Konsequenz und Gramsci gesprochen.

Mittlerweile hat das Semester begonnen, auch für dich. Du studierst Geschichte in Bern. Besuchst du überhaupt Vorlesungen oder fokussierst du voll auf die Politik?

Für die Uni habe ich momentan keine Zeit, das wäre völlig illusorisch. Das war eigentlich von vornherein klar, auch wenn ich nicht dachte, dass es ganz so schwierig würde, immerhin stehe ich täglich um viertel nach fünf auf. Sicher werde ich mein Studium irgendwann noch abschliessen, sonst bringt mich meine Mutter um (lacht). Hinzu kommt die dumme Regelung der Studienzeitbeschränkung. Ich habe neben dem Studium immer schon gearbeitet, politische Arbeit zählt aber nicht als Grund zur Verlängerung der Studienzeit. Und dann höre ich in den Vorlesungen, dass sich die Jungen mehr politisch engagieren sollten…

Du hast einmal gemeint, die Bücher, die du liest, würden deine Eltern wohl nicht verstehen. Bist du die Intellektuelle in einer Arbeiterfamilie?

Von Zuhause habe ich eine intuitive Empörung mitbekommen, ein Gefühl für Gerechtigkeit. Meine Eltern waren sehr aktivistisch, haben Hilfsorganisationen gegründet und sich in Gewerkschaften engagiert. Die grosse theoretische Arbeit war aber nie ihr Ding. Diese Einstellung habe ich sicher auch übernommen in der Art, wie ich mich ausdrücke. Cédric Wermuth etwa verfasst einen intellektuellen Text nach dem anderen, was sehr wichtig ist, aber ich arbeite anders. Ich kenne meine politische Basis, ich weiss, nach welchen Systemen ich arbeite, aber das muss ich nicht der Welt mitteilen. Die Welt muss mich verstehen. Ich versuche, so Politik zu machen, dass auch der Lehrling aus dem gegnerischen Lager sie versteht. Das ist extrem wichtig, geht aber häufig vergessen. Politik ist etwas, das im Leben der meisten Leute nur noch am Rand stattfindet. Das Ziel müsste doch sein, die Politik wieder ins Zentrum zu rücken und klar zu machen: Jede fucking Entscheidung im Bundeshaus betrifft dich! Genau so versuche ich Politik zu machen, auch wenn ich dabei etwas oft fluchen muss.

Deine Eltern waren haupt­sächlich ausserparlamentarisch engagiert, ganz im Gegensatz zu dir. Unterstützen Sie deinen Weg?

(zögert) Ja, doch. Sie verstehen diesen Weg, auch wenn sie einen anderen gegangen sind. Mir selbst ist es egal wie sich Menschen politisch engagieren, Hauptsache sie tun es. Als ich für die Berner JUSO tätig war, hatte ich keine Probleme damit, wenn Mitglieder von uns sich in der Reitschule engagiert haben oder von der Reitschule zu uns gekommen sind. Ich habe selbst schon Leute zu der Alternativen Linken geschickt, weil sie von der Art zu politisieren dort wohl besser aufgehoben waren als bei uns. Meine Mutter bleibt trotzdem meine grösste Kritikerin. Sie bezeichnet mich immer wieder als arrogant (lacht).

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“Mir selbst ist es egal, wie sich Menschen politisch engagieren. Hauptsache, sie tun es” (Bild: Sam von Dach)

 

Provokation ist ein von dir oft genutztes Stilmittel, beispielsweise als ihr im März BHs verbrannt habt, um für eine Frauen-Demo zu mobilisieren. Weshalb braucht es sowas?

Die Idee mit den BHs war ganz einfach eine Bieridee. Wir haben uns die Frage gestellt, was die Öffentlichkeit am meisten schockieren könnte. Die Aktion ist dann innerhalb von fünfzehn Minuten entstanden. Die Frage nach Sinn und Zweck dieser Aktion ist einfach zu beantworten; wir waren anschliessend während zwei Monaten mit dem Begriff ‹hate speech› in den Medien. Die Leute wissen nun, was das ist, sie wurden sensibilisiert. Und nun auch zu der theoretischen Ebene: Ich bin überzeugte Gramscianerin, es gibt in jedem Herrschaftssystem eine Hegemonie, die den Rahmen des denkbar Möglichen bestimmt – heute ist dies die kapitalistische und ganz speziell neoliberale – und ich versuche links davon anzusetzen und diesen Rahmen zu verschieben. Das ist Diskursverschiebung nach Gramsci. Mit solchen provokativen Aktionen soll der Diskurs an neuen Orten ermöglicht werden, damit sich die Menschen neue Fragen stellen müssen. Häufig ist, was wir machen schon over the top oder zumindest schwer an der Grenze, aber es ist nötig, um gehört zu werden. Es braucht die Provokation, um den Menschen vor Augen zu halten, dass wir nicht in einer freien Gesellschaft leben. Die Calzedonia-Werbung ist siebenmal nackter, als wir es beim BH verbrennen waren, aber niemand schreibt darüber. Wenn ich Soukee zitieren darf: Wir müssen den Mittelfinger in die Wunde halten.

Wieso müsst ihr mit euren Aktionen immer so extrem sein? Hätte eine 35-Stunden-Woche oder eine 1:30-Initiative nicht auch gereicht?

Der sogenannte dritte Weg ist eine Illusion. Die Idee, sich in die Mitte zu bewegen und so den Medianwähler abzuholen ist Bullshit. Die SPD in Deutschland ist an dem zugrunde gegangen, das haben auch die letzten Wahlen gezeigt. Unsere Forderungen sind nicht aus dem Leeren gegriffen. Die 25-Stunden-Woche beispielsweise berechnet mit ein, was wir seit den 60ern an Produktivität zugelegt haben. Dabei haben wir die Stunden um den Profit für die Konzerne gekürzt und auf die Bedürfnisse angepasst. Ich bin überzeugt, dass es keinen Profit für Wenige braucht, sondern dass wir die Bedürfnisse aller Menschen befriedigen müssen.

«Ich distanziere mich auch von struktureller Gewalt, von Staatsgewalt»

Also Protest Ja, Provokation Ja, Gewalt Nein?

Gewalt Nein. Das ist eine schwierige Diskussion, weil Gewalt meist sehr eindimensional verstanden wird. Gewalt kann auch institutionalisiert oder strukturell sein. Wenn ich gefragt werde, ob ich mich von Gewalt distanziere, ist damit meist gemeint, ob ich mich vom vermummten, flaschenwerfenden Sechzehnjährigen distanziere. Und ja, ich finde die Aktion dieses vermummten Sechzehnjährigen nicht zielführend. Aber ich distanziere mich auch von struktureller Gewalt, von Staatsgewalt. Wir haben diese am eigenen Leibe erlebt beim Protest gegen die Miss-Schweiz-Wahl 2014. Wir sassen auf dem Bundesplatz und haben Flyer verteilt, als die Polizei kam und gezielt die jungen Mädchen auf den Posten genommen, ausgezogen und eine Körperöffnungskontrolle durchgeführt hat. Einige haben deswegen ihre Lehrstelle verloren und müssen immer noch mit den Konsequenzen leben. Wo bleibt die Diskussion darüber? Linke Aktivistinnen und Aktivisten erleben diese Art der Gewalt regelmässig, wie wir etwa in Hamburg gesehen haben.

Warst du selber in an den G20-Protesten in Hamburg?

Nein, aber ich wäre gegangen, wenn ich Zeit gehabt hätte. Solche Protest­aktionen sind unglaublich wichtig, denn momentan werden kritische Stimmen einfach zum Schweigen gebracht – und zwar auf sehr gewalttätige Art. In dem Moment, wo man Kritik verstummen lässt, kommt man als Gesellschaft nicht mehr weiter.

Ist die Tamara, die hier spricht, noch dieselbe Tamara, wie die, die vor vielen Jahren in die JUSO eingetreten ist? Inwiefern hast du dich verändert?

Hoffentlich habe ich mich verändert. Ich bin fünf Jahre älter (lacht). Ich versuche aber nach wie vor, viele Rückmeldungen aus allen Ecken zu holen. Ich unterhalte mich mit Feministinnen und Feministen, Anarchistinnen und Anarchisten, Marxistinnen und Marxisten und versuche aus all diesen Stimmen etwas zu schaffen, das für mich stimmt.

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“Die Juso hat sich 2008 dafür entschieden, wieder in die Mitte der Gesellschaft zurückzukehren.” (Bild: Sam von Dach)

Dürfte gar nicht so einfach sein. Als Linke lebst und arbeitest du in einem System, das du ablehnst.

Stimmt, wenn ich könnte, würde ich den ganzen Tag auf der Strasse verbringen anstatt im Bundeshaus mit irgendwelchen Dudes zu sprechen. Aber die Lösung ist eben nicht so einfach. Wir können uns schon zu fünfzehnt in ein stilles Kämmerchen zurückziehen, über die Weltrevolution diskutieren und hoffen, dass die Erleuchtung über die ganze Gesellschaft kommt. Dieser Plan wird aber nicht aufgehen. Wir müssen versuchen, innerhalb des Systems die Regeln zu ändern. Die JUSO hat sich 2008 dafür entschieden, wieder in die Mitte der Gesellschaft zurückzukehren, anstatt am linken Rand zu vergammeln. Das heisst dann auch, mit bürgerlichen Medien zusammenzuarbeiten oder Parlamentsarbeit zu betreiben.

Tamara Funiciello ist auf allen Kanälen präsent, du hast eine riesige Medienpräsenz, von SRF bis studizytig. Weshalb tust du dir solche Auftritte wie bei Glanz & Gloria an?

Ich will 99% der Menschen von unserer Politik überzeugen. Und dafür muss ich sie erreichen. Dazu gehört auch, dass mich die Menschen nicht nur als komplette Psychopathin wahrnehmen, sondern eben auch als Mensch.

«Man unterschätzt, dass es auch innerhalb der SP noch radikale Positionen gibt. Die über 60-jährigen Mitglieder sind radikal as hell.»

Du bist nun schon seit mehr als einem Jahr JUSO-Präsidentin. Dein Weg ist doch schon vorgespurt. Wann gehts definitiv zur SP?

Dass ich zur SP wechsle, ist überhaupt nicht sicher. Klar ist, dass ich politisch aktiv bleiben werde, weil ich ein politischer Mensch bin. Das muss aber nicht zwingend innerhalb einer Partei sein. Ich engagiere mich in der Politik nicht, um gewählt zu werden, sondern um die Welt zu verändern. Aber falls ich mal ernsthaft einen Job ausserhalb der Politik suchen sollte, muss ich wahrscheinlich auswandern (lacht). Ich meine, google mich mal. Im Internet gibt’s sehr viel Trash über mich.

Hätte ein Cédric Wermuth oder ein David Roth vor ein paar Jahren nicht das Gleiche gesagt? Mittlerweile sitzen beide für die Mutterpartei im Parlament.

Keine Ahnung. Aber was Cédric sagt, ist nach wie vor extrem radikal. Vielleicht hat er ein wenig seinen Stil geändert, aber der Inhalt ist nah an seiner alten Position. Man unterschätzt, dass es auch innerhalb der SP noch radikale Positionen gibt. Die über 60-jährigen Mitglieder sind radikal as hell. Das kommt wahrscheinlich daher, dass du am Anfang des Lebens nichts zu verlieren hast und gegen Ende auch nicht mehr. Die Frage ist, ob ich in einem bürgerlichen Kanton wie Bern überhaupt gewählt würde mit meiner Oppositions­politik. Aber ich werde mich auf keinen Fall verstellen. Nächstes Jahr werde ich bei den Grossratswahlen kandidieren.

Was machst du als Ausgleich zur Politik?

Ich habe ein super Umfeld von Freunden und Familie, welches mir unglaublich wichtig ist. Ansonsten mache ich genau das Gleiche wie alle anderen auch. Ich gehe an Partys, an Festivals, und ich reise gerne. Aber in allem bin ich extrem. Ich kann nicht einfach Landhockey spielen, nein, ich muss im Nationalteam sein. Ich kann nicht einfach in der JUSO sein, sondern muss Präsidentin werden. Wenn ich etwas mache, dann zu 150 Prozent und so, dass es mein ganzes Leben einnimmt.

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