Restlos glücklich

Foodsave

Die Ässbar gibt Backwaren des Vortages eine weitere Chance im Verkauf. (Foto: Mirjam Klaus)

06. Januar 2020

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Es ist einfach, mit dem Finger auf die grossen Lebensmittelunternehmen zu zeigen – doch ebendieser Finger ist mitunter für rund die Hälfte der Umweltbelastungen verantwortlich, welche durch Food Waste anfallen. Die Frage nach dem Konsumverhalten eines jede*n Einzelnen ist also extrem relevant. Doch der Weg zum eigenen nachhaltigen Konsumverhalten ist steinig und die Lösungsvorschläge diffus: Kaufe ich jetzt die zusätzlich in Plastik eingeschweisste Bio-Gurke oder ist die unverpackte Regional-Gurke aus weniger ökologischem Anbau die nachhaltigere Option? Und warum kann ich eigentlich nicht einfach eine unverpackte Bio-Gurke haben? Und warum gibt es im Supermarkt eigentlich keine unverpackten Bio-Gurken, obwohl die Nachfrage danach gross ist, wie ich in diversen Online-Foren feststellen konnte? Verschiedene Nachhaltigkeits-Apps versprechen, Abhilfe zu schaffen. In Anbetracht der laufenden Klimadebatte habe ich etwas genauer in die Angebote der Stadt Bern inägspienzlet.

Jede Portion zählt

«Too-good-to-go» ist eine App, mit welcher «Überraschungstüten» erworben und in einer vorgegebenen Frist abgeholt werden können. Die Tüten werden mit allen möglichen Lebensmitteln und Menus gefüllt, welche bis Ladenschluss noch nicht verkauft werden konnten. Ein simples Prinzip mit grossem Effekt: 723.267 Mahlzeiten konnten in der Schweiz so schon gerettet werden (Stand: 04.12.2019).
Egal ob Bäckerei, Sushi-Shop oder indisches Take-Away, auf der App lassen sich allerhand Angebot mit massiv vergünstigten Menü-Preisen finden. Die Zahlung erfolgt jeweils direkt über die App und die Abholung muss zuletzt nur noch durch einen Swipe auf der App bestätigt werden. Kein Wunder, dass das Interesse in den letzten Monaten und Jahren stetig zugenommen hat.

«Warum kann ich eigentlich nicht einfach eine unverpackte Bio-Gurke haben?»

Doch mit diesem Angebot und dem damit einhergehenden Hype wurde auch eine Nachfrage geschaffen. So haben diverse Nutzer schon davon berichtet, dass noch zusätzliche Portionen für sie zubereitet wurden, oder dass die App-Verkäufe bereits im Vorfeld einberechnet werden – eine Möglichkeit aus der vorliegenden Trendsituation einen Profit zu schlagen, aber keinesfalls das, was mit der App bezweckt werden soll. Doch wie lässt sich eine solche Entwicklung stoppen? Abholungen werden so gut wie nie storniert, es ist praktisch immer noch einiges verfügbar und ein Grossteil der Zeit bleibt dem/r Too-good-to-go Nutzer*in sogar noch die Auswahl aus verschiedenen Optionen. Wäre es nicht realistischer, dass aufgrund schwankender Verkaufszahlen an gewissen Tagen nichts mehr übrigbleibt? Und wäre das nicht wünschenswert, wenn auch schade für die Abnehmer*innen der Reste? Technisch gesehen sieht die App diesen Fall vor und Rückbuchungen werden durch die Zahlung per App erleichtert. In Realität scheint dies aber kaum vorzukommen.

Illustration: Ivie Onaiwu

Eine weitere Problematik besteht bei der Verpackung der Lebensmittel. Wer sich lieber keine Verpackungsschlacht liefern möchte, ist bei sehr vielen Bäckereien eher schlecht bedient. Es ist zwar verständlich, dass gewisse Betriebe nach Schliessungszeit möglichst schnell ans Aufräumen gehen möchten und deshalb die Überraschungspakete schon vorher zusammenstellen, dass ich dann aber das Birchermüesli im Plastikbecher auch noch aus den Tiefen einer separaten Papiertüte ziehen muss, eher weniger.
Die App fordert in der Beschreibung der einzelnen Angebote jeweils noch die Nutzenden auf, ihre eigenen Behälter mitzubringen oder für 10.- pro Stück eine Recircle-Box zu kaufen. Die 10 Franken sind ein Depot, welches bei der Rückgabe der Boxen rückerstattet wird (Reinigung inklusive). In den meisten grösseren Schweizer Städten finden sich unzählige Betriebe, welche in dieses Sytem eingegliedert sind. Nach einigen fleissigen Wochen des Foodsavings haben sich bei mir zwar einige Recircle-Boxen angesammelt, meine eigene Faulheit lässt sich jedoch kaum dem System vorwerfen – schliesslich findet sich fast auf jedem Heimweg irgendwo ein Abnehmer der Boxen. Sogar die VonRoll-Mensa ist Partner.
Wie eine tägliche Nutzung von «Too-good-to-go» aussieht, verraten Youtube-Videos mit Titeln wie «I only ate rescue food for a week». Für den gelegentlichen Gebrauch ist die App einfach zu nutzen und mit ein bisschen Planung oder Spontanität auch leicht in den Tagesablauf zu integrieren. Insbesondere Menschen mit breiten kulinarischen Interessen kann die App nur empfohlen werden. Es bleibt nur zu hoffen, dass «Too-good-to-go» tatsächlich nur eine Möglichkeit zur Essensverwertung bleibt und nicht durch den Hype zu einer weiteren Ursache für die Überproduktion von Lebensmitteln wird.

Fair-Teilen

Wer mehr Verantwortung übernehmen möchte, kann sich auch bei «Foodsharing» anmelden. Das Projekt «Foodsharing», 2012 in Berlin entstanden, ist mittlerweile zu einer internationalen Bewegung geworden. Das Ziel: Umverteilung von übriggebliebenen Lebensmitteln und Essensresten, die bei Betrieben anfallen. So können in Bern Foodsharer*innen zum Beispiel bei Tibits zu bestimmten Zeiten deren Reste abholen. Sie tragen sich vorher dafür ein und verpflichten sich, alle anfallenden Lebensmittel mitzunehmen. Was durchaus humorvolle Situationen ergibt: Zum Beispiel wenn ein Aufruf umgeht, dass 120 kg Skyr gerettet werden müssen oder man plötzlich 50 Gipfeli zu Hause hat. Gipfeli zum Zmorge, zum Zmittag, zum Znacht. Das ist auch eine Realität von Foodsaving. Für die Betriebe ist die Initiative ebenso nützlich wie für die Foodsharer*innen, da erstere so ihre Lebensmittelabfälle beträchtlich reduzieren können und letztere kostenlos zu gutem Essen kommen. «Foodsharing» geht dabei noch einen Schritt weiter als «Too-Good-to-Go»: Wer sich bei ihnen registrieren möchte, muss zunächst einen Online-Test machen, um sicherzugehen, dass die Richtlinien und Grundlagen des Foodsharings verstanden wurden. Anschliessend werden drei Einführungsabholungen mit einem bereits etablierten Mitglied unternommen. Im Vergleich zu anderen Initiativen ist «Foodsharing» dabei um einiges formeller, gleichzeitig aber auch überhaupt nicht kommerziell ausgerichtet. Und es gäbe noch einiges Entwicklungspotenzial in Bern: Gerne würden mehr Betriebe in am Projekt teilnehmen – im Moment gibt es allerdings noch zu wenige Foodsaver*innen, um die Nachfrage von ihrer Seite abzudecken.

«Das Prinzip ist sehr simpel: Die mitgebrachten Behältnisse werden zuerst gewogen und mit ihrem Eigengewicht beschriftet, anschliessend können sie nach Lust und Laune mit den verschiedenen Produkten gefüllt werden.»

Socialshopping

Es ist ein nasskalter Donnerstagnachmittag, als ich den kleinen Laden in der Nähe des Münsters betrete. Das Wetter scheint jedoch kaum jemanden vom Einkaufen abzuhalten – der Laden ist gestossen voll. Gesprächsfetzen in allen Landessprachen dringen an meine Ohren, es wird mit Kinderwagen und Schnullern hantiert und parallel noch Lebensmittel in verschiedenfarbige und -förmige Boxen aus allen möglichen Materialien abgefüllt. Das Prinzip ist sehr simpel: Die mitgebrachten Behältnisse werden zuerst gewogen und mit ihrem Eigengewicht beschriftet, anschliessend können sie nach Lust und Laune mit den verschiedenen Produkten gefüllt werden. «Palette – unverpackt einkaufen» existiert seit 2017 und ist mittlerweile genossenschaftlich organisiert. Die Gründer*innen selbst beschreiben den Einkauf in ihrem Geschäft als interaktives Erlebnis und bereits nach dem ersten Besuch verstehe ich, was sie damit meinen. Denn mit Ausnahme der Einkäufe an Märkten ist unser Kaufverhalten kaum noch an soziale Interaktionen gebunden. Wir stürmen vor Ladenschluss durch die Regalreihen mit unseren «noise-cancelling»-Kopfhörern auf den Ohren, suchen und finden auch praktisch immer genau die Produkte, die wir gerade wollen und bezahlen anschliessend im Self-Check-Out. Ein weiterer Lebensbereich, in dem wir uns der Effizienz und Produktivität verschrieben haben. «Im Palette» erlebt man in dieser Hinsicht fast schon einen Kulturschock: Die Atmosphäre ist energiegeladen, man kommt schnell ins Gespräch mit seinem Gegenüber und spätestens, wenn man sich als Unverpackt-Noob outet, erhält man durch eine der Mitarbeiter*innen eine kurze Einführung in ihr Einkaufssystem. Überhaupt lebt das ganze System vom Dialog: Dialog zwischen den Lieferant*innen und den Ladenbesitzer*innen, Dialog zwischen den Ladenbesitzer*innen und den Käufer*innen, Dialog zwischen den Käufer*innen.

Die Schwierigkeit des Unverpackt-Verkaufs liegt vor allem im Finden von Produzenten und Lieferanten, welche gewillt sind, Lebensmittel mit möglichst wenig Verpackungsabfall zu vertreiben. Sie sind meist aufgrund der bisherigen Unbekanntheit des Modells nicht darauf eingestellt und es braucht viel Dialog und Denkanstösse durch die Ladenbesitzer, um eine Veränderung zu erreichen. Dabei scheint unglaublich viel Potential genau in diesem Dialog zu stecken.
Das Unverpackt-Kaufen lohnt sich auch trotz des Anfallens gewisser Abfälle bei den Lieferungen. Der Verpackungsmüll ist nichts im Vergleich zu dem, der im regulären Detailhandel anfällt und die Ökobilanz ist erwiesenermassen besser. Darüber hinaus sind die meisten Anbieter sehr darauf bedacht, lokale Produkte zu vertreiben, womit auch beim Transport weniger CO2-Emissionen anfallen.
Der Einkauf beim Unverpackt-Einkaufen benötigt dafür eine etwas genauere Vorausplanung. Sollte sich das System aber etablieren, dürften sowohl ein viel breiteres Angebot als auch viel mehr Verkaufsstellen entstehen. Es ist die Verfügbarkeit, die in meinen Augen die Nutzung dieser Läden erschwert. Ich musste feststellen, dass insbesondere in der Länggasse noch Entwicklungspotential besteht. Die Unverpacktläden bieten sich aber dennoch sehr gut dafür an, diverse Vorräte wie zum Beispiel Linsen, Tee, Kaffee und Pasta einzukaufen. Man muss nur bereit sein, einen kleinen Umweg in Kauf zu nehmen.
«Frisch von gestern»: Dieser Slogan bringt das Prinzip der «Ässbar» ziemlich gut auf den Punkt. Backwaren, die am ersten Verkaufstag bei ihren Produzenten keinen Käufer finden, erhalten in der «Ässbar» am Folgetag noch einmal eine zweite Chance – und das zu einem stark reduzierten Preis. So werden in den «Ässbar»-Filialen jährlich bis zu 600 Tonnen Lebensmittel gerettet, die ansonsten einfach weggeworfen würden. Was nach zwei Tagen in der «Ässbar» immer noch keinen Käufer gefunden hat, wird von Bauern als Tierfutter verwendet oder zu Biogas gemacht.
Mittlerweile sind die Filialen in der ganzen Schweiz zu finden. In Bern konnte diesen Sommer mit dem Laden an der Länggassstrasse 26 bereits die zweite Filiale eröffnet werden. Dabei ist auch positiv zu bewerten, dass die Abnahmen nicht ohne Willen zur Verbesserung erfolgen. Fällt in einem gewissen Geschäft regelmässig zu viel vom gleichen Produkt an, wird besprochen, ob die Produktion in dieser Hinsicht nicht optimiert werden könne. Die «Ässbar» bleibt also nicht einfach nur stummer Abnehmer, sondern nimmt auch eine aktive Rolle ein, damit Überproduktion gar nicht erst stattfindet.

«Was nach zwei Tagen in der «Ässbar» immer noch keinen Käufer gefunden hat, wird von Bauern als Tierfutter verwendet oder zu Biogas gemacht.»

Die Gründer*innen der «Ässbar» haben es nicht nur bei den Backwaren belassen, sondern auch noch ein zweites Projekt ins Leben gerufen: Auch der «Gmüesgarte» gibt Lebensmitteln eine zweite Chance. «chrumm und früsch» lautet die Devise, mit der Gemüse und viele weitere Produkte verkauft werden, welche den Standards der grossen Lebensmittelvertreiber nicht gerecht wurden. Wer der Filiale in der Marktgasse schon einmal einen Besuch abgestattet hat, weiss, dass dies den meisten Lebensmitteln aber kaum anzusehen ist. Es ist unglaublich, welchen Standards Lebensmittel entsprechen müssen, um uns überhaupt erst angeboten zu werden. Wer also zu den Linsen aus «Palette unverpackt» auch noch Lauch und ein paar (leicht krumme) Rüebli für einen frischen Linsensalat braucht, ist hier genau richtig.

Madame Frigo stellt in ganz Bern frei zugängliche Gemeinschaftskühlschränke zum Austausch von noch geniessbaren Lebensmitteln auf. (Foto: Lukas Siegfried)

Wer sich regelmässig mit der Thematik des Foodwastes beschäftigt, dürfte häufig zum Schluss kommen, dass auch die Konsument*innen in der Pflicht sind, ein nachhaltigeres Angebot einzufordern. Brauchen wir wirklich 10 Minuten vor Ladenschluss noch fünf verschiedene Kornbrotsorten zur Auswahl? Ist es das, was wir uns «durch unser tägliches Abkrüppeln verdient haben», um einen Kommentar aus dem Bund zu paraphrasieren? Überproduktion sozusagen als Statussymbol oder Belohnung für harte Arbeit? Es ist erschreckend, wie viel wir als Einzelpersonen tagtäglich zu diesen Zuständen beitragen. Selbst beim Kauf von Bio-Séléction-Mangos erwischen sich viele dabei, wie sie noch versuchen, die Beste davon auszuwählen – die Sélection der Sélection.
Nachhaltigkeit beginnt nicht in den Unverpackt-Läden oder den «Ässbars» dieser Welt. Sie beginnt bei jede*r einzelnen von uns zuhause. Die Recherchearbeit hat mich gezwungen, meinen eigenen Konsum kritisch zu hinterfragen und stärker vorauszuplanen. Der meiste Abfall fällt dadurch an, dass wir in unserem Haushalt nicht alles verbrauchen, was wir haben. Es ergibt wenig Sinn, sich der Rettung von Mahlzeiten über Nachhaltigkeits-Apps zu verschreiben, wenn zeitgleich die Reste von vorgestern im Kühlschrank vor sich hingammeln. Die Apps wecken nämlich permanent die Lust auf frisches Sushi oder selbstgemachtes Frühstücks-Porridge – und verleiten uns dazu, die Resten im Kühlschrank zu ignorieren. Zudem haben wir vergessen, was gerade saisonal ist. Anlass genug, uns mit unserem Konsumverhalten auseinanderzusetzen. Es ist möglich, nachhaltiger zu werden, ohne sich selbst massiv limitieren zu müssen. Nachhaltigkeit heisst nicht unbedingt Unannehmlichkeit. Es lässt sich in gewissen Fällen sogar ein wenig mehr mit gutem Gewissen auswärts essen, wenn diese Lebensmittel ansonsten in der Tonne landen würden. Das Essen, das wir in gebührenpflichtige Abfallsäcke und Kompostkübel stopfen, werden wir wohl kaum vermissen. Wenn also auch nur bereits jemensch die cremigen Dinkel-Tagliatelle von letztem Montag noch ein drittes Mal aufwärmt, dann ist das schon viel wert.

«Es ergibt wenig Sinn, sich der Rettung von Mahlzeiten über Nachhaltigkeits-Apps zu verschreiben, wenn zeitgleich die Reste von vorgestern im Kühlschrank vor sich hingammeln.»

Auf das Bio-Gurken Dilemma lässt sich leider vorerst keine abschliessende Antwort finden. Das Fehlen einer Plastikfolie fördert die Lebensmittelverschwendung, da die Gurken durch Wasserverlust schneller schrumpelig werden und dadurch auch schneller auf dem Kompost landen. Andererseits landet viel Plastik in den Meeren oder auf den Äckern dieser Welt und findet nicht selten dadurch wieder den Weg auf unsere Teller. Vielleicht ist es jugendlicher Idealismus, der hoffen lässt, dass irgendwann nur noch so viele Gurken produziert werden, dass sie auch in noch geniessbarer Frist konsumiert werden können.

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