Kopftuch, Fussball und Symboldebatten

Bild: Sam von Dach

15. Dezember 2015

Von und

Eine junge Frau wird wegen ihres Kopftuchs vom Fussballmatch ausgeschlossen. Die Entscheidung des Schiedsrichters wirft Fragen auf und lässt sich doch rational erklären. Gedanken zu einer Debatte, die häufig auf einer symbolischen Ebene geführt wird.

Ein Samstagmorgen im Oktober, ein Fussballplatz bei Bern. Die Spielerinnen des FC Rotgelb haben sich am Rande des Feldes in einem Halbkreis aufgestellt. Spielerin um Spielerin wird vom Captain aufgerufen, der Schiedsrichter kontrolliert Nummer und Tenue. Nach dem Handshake mit der gegnerischen Equipe verteilen sich die Fussballerinnen auf dem Feld. Im Heimteam kommt plötzlich Aufregung auf. Samira darf nicht mitspielen. Er toleriere kein Kopftuch auf dem Feld, so die Aussage des Schiedsrichters. Den aufgebrachten Spielerinnen und dem Trainer bleibt keine Zeit zum Verhandeln, das Spiel beginnt.

Er toleriere kein Kopftuch auf dem Feld, so die Aussage des Schiedsrichters.

Samira setzt sich auf die Bank. Wütend schaut sie vom Rand aus dem Spielgeschehen zu. Vor fünf Jahren hat sie mit dem Fussballspielen begonnen. Zuerst beim FC Bethlehem, später auch im Selection-Team von YB und nun seit einem Monat in der Damenmannschaft des FC Rotgelb. Samiras Eltern kommen aus dem Irak, sie selbst wurde in Bern geboren. Den Hijab trägt sie, seit sie neun Jahre alt ist. Diesbezügliche Konflikte habe sie noch nie erlebt, berichtet Samira, weder in der Schule noch auf der Strasse oder beim Fussballspielen. Das Kopftuch wurde stets respektiert.

Nach der ersten Halbzeit suchen der Trainer und der Sportchef von Samiras Verein das Gespräch mit dem Schiedsrichter: Im Reglementverzeichnis sei kein Kopftuchverbot zu finden. Doch der Schiedsrichter entgegnet, dass Kopfbedeckungen aufgrund der davon ausgehenden Verletzungsgefahr nicht zulässig seien. Falls sie Samira trotzdem spielen lassen wollten, würden sie die Konsequenzen des Fussballverbandes tragen müssen.

Kopftuchverbot im Fussball?

Das Thema Kopftuch ist im Fussball nichts Neues. Im Jahr 2011 war das iranische Nationalteam von einem Qualifikationsspiel für die Olympischen Spiele 2012 ausgeschlossen worden, weil die Spielerinnen im Hijab antraten. Erst ein Jahr später stimmte das International Football Association Board IFAB der Aufhebung des Kopfbedeckungsverbots auf dem Feld zu. Nach einer zweijährigen Testphase bestätigte die FIFA im Frühjahr 2014 die Zulassung von Kopfbedeckungen, solange diese gewisse Bedingungen erfüllen. So muss die Kopfbedeckung entweder schwarz oder in der Hauptfarbe des Dresses sein, sie darf weder am Dress angemacht werden noch Teile aufweisen, die von der Oberfläche abstehen. Und natürlich darf sie keine Verletzungsgefahr für die Tragenden oder andere SpielerInnen darstellen.

Nach einer zweijährigen Testphase bestätigte die FIFA im Frühjahr 2014 die Zulassung von Kopfbedeckungen.

Samiras Verein legte nach dem Match Einsprache beim Verband ein. Dieser bestätigte, dass der Schiedsrichter in diesem Fall falsch gehandelt habe. Im Schreiben entschuldigte er sich dafür beim Verein und bei der Spielerin und versprach, mit dem Schiedsrichter dieses Spiels Kontakt aufzunehmen. Der Verband beteuerte später am Telefon auch, dass dem Fehlentscheid keine diskriminierende Gesinnung zugrunde läge, er beruhe auf einem Irrtum und einer «Überforderung mit der Situation».

Die Geschichte liesse sich mit entsprechendem Willen für die aktuelle Kopftuchdebatte missbrauchen. Sogenannt «Kopftuchbefürwortende» könnten beispielsweise die Einstellung des Schiedsrichters kritischer hinterfragen oder dem Verband eine Verharmlosung des Fehlentscheides vorwerfen. Die Gegner würden wohl die Konfliktentstehung beim Zusammentreffen zweier Kulturen herausstreichen. Grundsätzlich jedoch ist die Geschichte unspektakulär und bietet kaum Schlagzeilenpotential. Der Ausschluss der kopftuchtragenden Spielerin beruhte auf einem Missverständnis, es gibt in keinem Spielreglement ein Verbot und deshalb keinen Grund für Diskussionen. Warum lohnt es sich trotzdem, darüber zu schreiben?

Folgen einer Symboldebatte

Die «Überforderung mit der Situation», von welcher der Verband sprach, ist ein wunderbares Beispiel für die Konsequenzen der Polemik, welche sich momentan um Hijab, Burkas oder Minarette aufbauscht. Wenn wir uns die Debatten um diese Symbole in Erinnerung rufen, stellt sich unweigerlich die Frage nach Sinn und Verhältnismässigkeit. Die Diskussionen drehen sich oft um Äusserlichkeiten, der Fokus wird stellvertretend für eine viel komplexere Thematik auf Symbolisierungen gerichtet, das grundlegende Problem wird dabei aber meistens vernachlässigt. Im Rahmen von rein politischen Propagandaspielen wird die Debatte zelebriert und schafft dabei kein Problem aus der Welt, sondern wirft eher ein neues auf: In der Bevölkerung wird ein künstlicher Bedarf für Verbote und Einschränkungen erzeugt. Kopftuchtragende Frauen erleben unangenehme und unverhältnismässige Reaktionen, weil sich Autoritätspersonen wie LehrerInnen, ArbeitgeberInnen oder in unserem Fall der Schiedsrichter mit der Situation überfordert sehen. Dabei könnten wir uns mit etwas mehr Gelassenheit im Umgang mit anderen Kulturen manche streitbare Ausei-nandersetzung ersparen. So wie das Kopftuch im Fussball keine Gefahr darstellt, ist es auch in Schulen oder am Arbeitsplatz kein grundsätzliches Problem.

So wie das Kopftuch im Fussball keine Gefahr darstellt, ist es auch in Schulen oder am Arbeitsplatz kein grundsätzliches Problem.

Zentrale Frage

Es gibt sehr wohl gewisse Toleranzgrenzen, insbesondere wenn es um die Verletzung von Grundrechten wie dem Recht auf Bildung oder Gleichberechtigung der Geschlechter geht. Dies ist aber immer noch ein weit umfassenderes und kulturenübergreifendes Problem. Setzen wir unsere Energie für die Förderung und Gewährleistung dieser Rechte ein. Aber machen wir eine Absage an demagogische Kampagnen, die mit billigem Abwehr-, Verbots- und Abschottungsdiskurs politische Geschäfte bewirtschaften.

Nochmals zurück zum Fussball: der mag ja zurzeit nicht unbedingt als Vorbild in Sachen Sportgeist, Fairness und Redlichkeit dastehen. Aber am Beispiel der Kopftuchgeschichte zeigt er uns, wie durch unaufgeregten Umgang mit kulturellen Unterschieden unnötige und sinnlose Polemiken vermieden werden können. Und hätte der Schiedsrichter von vornherein rein funktionell überlegt, hätte er sich nur die Frage stellen müssen: Wird das Spiel durch Samiras Kopftuch beeinträchtigt?

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