«Eine verkalkte Duschbrause beschäftigt mich fast so sehr wie Roger Köppel»

06. Januar 2020

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Renato Kaiser macht Comedy über Themen, die polarisieren – und hat trotzdem keine Feinde. Die studizytig sprach mit ihm über humorvolle Armutsbetroffene, Horden gefähr­licher Queers und das Politische in der Kunst.

Renato, worüber lachst du gerne?

Am meisten lache ich über meine Freundin. Also nicht auslachen – okay, das natürlich auch, aber meine Freundin ist schon sehr lustig. Man lacht ja immer über Dinge, die einen überraschen. Und sie schafft das immer noch, obwohl wir schon recht lange zusammen sind.

Wie hast du gemerkt, dass du gut darin bist, lustig zu sein?

Ich habe vor allem früh gemerkt, dass ich gut reden kann, und dass das eigentlich das Einzige ist, was ich wirklich gut kann (lacht). Schon in der Schule war ich immer ein bisschen der kleine Dicke, aber trotzdem nie der Aussenseiter. Ich kam mit allen sehr gut aus – Mädchen wie Jungs. Ich konnte supergut reden mit den Frauen, also haben sie mit mir geredet und dann einen anderen geküsst.

Als Laferi ist man aber nicht zwingend auch gleich lustig.

Das stimmt. Dass ich lustig bin, habe ich dann auch erst an den Poetry Slams herausgefunden. Auch vorher hatte ich schon humoristische und satirische Texte geschrieben, aber da ist das Feedback halt nicht so direkt, wie wenn du auf der Bühne stehst.

In deiner SRF-Sendung «Tabu» machst du dich über soziale Randgruppen lustig, beispielsweise über armuts­betroffene, behinderte, übergewichtige oder LGBTQI Menschen. Warum?

Grundsätzlich, weil es sonst niemand macht. Wobei, das stimmt so nicht ganz – über Randgruppen wird schon gelacht, aber selten mit ihnen und vor ihnen. Man lacht entweder über sie, und das sind meistens schlechte Witze, die etwa so lustig sind wie die typischen rassistischen Witze: An sich wären sie nicht lustig, wenn sie nicht noch den «Juice» hätten von «Ui, das darf man aber eigentlich nicht». Die andere Variante ist die Übervorsichtige: Man versucht, diese Leute so sehr in Watte zu packen, dass Humor gar nicht mehr möglich ist.

«Über Randgruppen wird schon gelacht, aber selten mit ihnen und vor ihnen.»

Und wo ist «Tabu» in diesem Schema?

Mit der Sendung wollten wir genau zwischen diese beiden Extreme gehen. Einerseits wollten wir zeigen, was das für Leute sind, ohne sie blosszustellen, und ihnen so viel Platz wie möglich geben, sich selber zu zeigen. Andererseits geht es um Inklusion und Exklusion. Diese Menschen werden eben auch vom Humor ausgeschlossen. Jeder dahergelaufene Lehrer, jede Bankerin kommt zu dieser zweifelhaften Ehre, irgendeinmal von einem Komiker einen Witz über sich erzählt zu bekommen – aber diese Randgruppen nicht. Denen traut man das nicht zu, und das ist das Diskriminierende daran.

Witze über Menschen mit Behinderungen machen – das könnten auch deren enge Verwandte oder Freund*innen. Wieso braucht es dich?

Ja, natürlich. Oft liegt aber genau hier das Problem, weil viele von diesen Menschen sozial ausgeschlossen sind. Gerade von Armutsbetroffenen habe ich häufig erfahren, dass Freundinnen und Freunde sich von ihnen abgewendet haben. Dementsprechend wird der Kreis von Menschen, die sich über einen lustig machen können, immer kleiner. Und wenn man sagen würde, dass das soziale Umfeld die Rolle als «Lustigmacher» übernehmen soll, entspräche das ja genau wieder der Haltung von «Ja ja, Witze über Menschen mit Behinderungen ist schon okay, aber macht das bitte unter euch». Es ist ein sehr schmaler Grat zwischen Acht geben und sich rausnehmen.

Und dieser schmale Grat ist Humor?

Humor kann ein Teil der Lösung sein, aber natürlich ist es mit dieser Sendung nicht gemacht. Ein paar Witze über Menschen im Rollstuhl reichen nicht aus, um diese Gesellschaft zu verändern. Wer «Tabu» schaut, sieht auch: Ja, du kannst schon Witze machen über die, aber die Chronologie ist klar: zuerst damit auseinandersetzen, zuhören, nachdenken, und dann kannst du Witze machen.

«Es ist ein sehr schmaler Grat zwischen Acht geben und sich rausnehmen.»

Dieses «netter Typ von nebenan»-Bild haftet dir etwas an. In den Medien wirst du mit Adjektiven wie «liebevoll», «laut und freundlich» oder mit «man muss ihn einfach mögen» beschrieben. Ist das dein Erfolgsrezept?

Ich weiss auch nicht, wieso mich alle mögen – anscheinend bin ich schon nicht so unangenehm. Das deckt sich auch damit, dass ich noch nie wirklich Feinde hatte. Und gerade bei den «Tabu»-Sendungen ist es natürlich auch immanent wichtig, dass ich nicht ein «huere Tubel» bin.

«Die Chronologie ist klar: zuerst damit auseinandersetzen, zuhören, nachdenken, und dann kannst du Witze machen.»

Wie bekommst du mit, dass dich alle mögen?

Mich erstaunt vor allem, dass ich eigentlich nie in einem Shitstorm lande, obwohl ich recht heikle Themen anspreche – Homophobie, Rassismus, Sexismus oder was auch immer. Auch Hassnachrichten erhalte ich kaum.

Wie erklärst du dir das?

Ein Grund dafür ist wahrscheinlich, dass ich meine Arbeit gut mache. Ich gebe mir beim Schreiben die grösstmögliche Mühe, Idioten so wenig Angriffsfläche wie möglich zu bieten. Mit Idioten meine ich natürlich alle, die anderer Meinung sind als ich (lacht). Nein, mit Idioten meine ich die, die es sich zu einfach machen, eine andere Meinung zu haben. Dementsprechend schreibe ich meine Texte so, dass sie es sich gut überlegen müssen, wenn sie etwas dagegen sagen möchten. Und wenn jemand mir dann schreibt, ich sei eine «linke Zecke», dann ist mir das eh egal.

Du bist in deiner Kunst also so etwas wie «liebevoll politisch».

Ich bin vor allem unabsichtlich politisch, habe ich gemerkt. Erst mit der Zeit merkte ich, dass das, was mich interessiert und was ich wichtig finde, politisch ist. Das geht in die gleiche Richtung, wie wenn Leute mich fragen, weshalb ich eigentlich so Themen wie Sozialhilfe, Rassismus oder Flüchtlinge behandle. Meine erste Antwort ist immer: Ich habe mir das noch nie überlegt, aber ich finde es einfach interessant. Solche Themen will ich dann genau anschauen und zerpflücken. Vor allem absurde Dinge sind interessant und meistens auch lustig. Da kann ich dann auch nichts dafür, wenn das politische Themen sind (lacht).

Du hast also nicht das Ziel, mit deiner Themensetzung etwas zu verändern?

Nein. Ich fände das einen extrem unökonomischen Ansatz. Beispiel Flüchtlingskrise: Wenn man bedenkt, wie seit fünf oder sechs Jahren sehr offensichtlich und für alle sichtbar Menschen im Mittelmeer sterben – immer noch, die ganze Zeit und auch jetzt – und du schreibst darüber und es ändert sich eigentlich nichts, dann ist das höchst frustrierend. Ich finde es am erfolgsversprechendsten, wenn ich einfach die Dinge mache, die mich interessieren.

Wieso?

Weil es höchst wahrscheinlich auch andere Leute gibt, die sind wie ich. Die Chance, dass es diese auch interessiert, ist dann relativ gross. Das ist schlussendlich wohl auch, was es ausmacht, warum es bei mir funktioniert und warum die Leute mir nicht böse sind: Sie merken, dass die Dinge, die ich mache, mir irgendwie wichtig sind. Mich beschäftigt eine verkalkte Duschbrause fast so sehr wie Roger Köppel. Deshalb mache ich auch beides mit der gleichen Leidenschaft und der gleichen Detailversessenheit.

Und Leute zu erreichen, die das, was du interessant findest, noch nicht interessant finden, ist überhaupt nicht dein Ziel?

Nicht aktiv. Das wäre das Unökonomischste und Unpragmatischste überhaupt. Wenn du dich zu stark darauf konzentrierst, dass die von der ganz anderen Ecke des Verständnisses auf dich hören, dann arbeitest du ja für die, bei denen die Erfolgsaussichten am geringsten sind. Du läufst damit die Gefahr, dass du alle anderen verlierst, weil du ihnen immer noch dieselben Dinge erzählst, nur weil es die anderen noch nicht begriffen haben. Es ist ähnlich wie die Diskussion, ob man «mit Rechten reden» soll.

Sollte man?

Ich finde, man muss mit allen unbedingt so viel reden wie möglich, darf dabei aber nicht vergessen, dass man nur beschränkt Zeit und Energie hat. Ich habe zum Beispiel nicht mal ansatzweise ein Interesse mit Erich Hess zu sprechen. Bei allem, was ich von dem gelesen oder gesehen habe, fand ich einfach nur: Oh, das bringt ja überhaupt nichts.

Wäre aber genau das für den politischen Diskurs nicht wichtig?

Vielleicht. Diese Haltung vertreten aber in der Regel nur die Linken. Von einem Rechten habe ich jetzt noch nie gehört: «Was meint wohl der Schwarze Block zu diesem Thema?» oder «Was ist hier wohl die Haltung der Reitschule? Das würde mich jetzt noch interessieren» – diese Austauschbereitschaft besteht nicht auf beiden Seiten.

Sollte Kunst politisch sein?

Kunst ist meiner Meinung nach einfach politisch. Da kann man fast nichts dagegen machen. Meine Antwort auf die Frage ist deshalb: Nein, Kunst sollte nicht politisch sein. Aber sie sollte sich auf jeden Fall nicht zu sehr überlegen, ob sie es ist oder nicht.

Hast du dazu ein Beispiel?

Ich finde, sogar die Kunst von Mario Barth ist politisch. Der macht seit 150 Jahren Witze über Frauen. Das ist höchst politisch – obwohl er selbst das wohl gar nicht checkt. Aber die Art, wie und worüber er Witze macht, ist klar politisch. Es geht um Mann und Frau und damit um Sexismus, um Gender, um alles Mögliche. Das heisst, es ist sehr, sehr viel früher politisch, als man denkt. Darum lieber einfach machen, und wenn man merkt, dass es politisch ist, nicht gleich vor Angst zusammenzucken.

Künstler*innen können aber durchaus auch absichtlich politisch sein, oder nicht?

Klar. Aber extra etwas Politisches machen zu wollen, bringt meiner Meinung nach nichts. Ich nenne das «Lehrerkabarett». Die stehen auf der Bühne, erzählen, was die SVP gemacht hat und bringen dann einen schlechten Witz, in dem Blocher vorkommt. Wenn ich das sehe, finde ich das nicht weniger flach, als wenn Mario Barth sagt, dass seine Freundin lange im Bad hat.

Du sagst in Interviews, es sei für dich ein Privileg, als weisser cis-hetero-Mann über Rassismus und Sexismus zu sprechen. Warum?

Es ist ein Privileg, weil ich mir das selber auswählen kann. Die anderen, die Betroffenen, müssen. Wenn du eine dunkelhäutige Frau bist, hast du bereits zwei Dinge, mit denen du täglich konfrontiert bist, sodass du darüber reden musst.

«Die gesellschaftliche Entwicklung ist viel zu langsam, als dass wir uns von Horden von gefährlichen Queers und Frauen und Ausländern das Leben schwer machen lassen müssten.»

Wieso müssen?

Sie müssen nicht darüber reden, aber sie sind auf jeden Fall betroffen. Wenn du als Frau auf irgendeine Art und Weise am Arbeitsplatz mit Sexismus konfrontiert bis, dann wird dir das aufgezwungen. Du musst irgendwie reagieren. Du kannst es auch ignorieren, aber auch das ist eine Entscheidung – das Thema ist da. Für mich gilt das nicht. Womit werde ich konfrontiert? Vielleicht damit, dass ich aus St. Gallen komme oder dass ich eine kleine Warze im Gesicht habe.

Und als Frau ist das anders?

Wenn du als Frau Videos machst, vor allem im Internet, dann bist du sofort untervögelt, eine Schlampe oder du hast deine Tage. Mein Privileg ist damit, dass ich selber aktiv aussuchen kann, über welches Thema ich sprechen will. Das ist ja das Schönste für uns cis-hetero-Männer: Wir können einfach alles ignorieren, und mindestens unsere Generation könnte noch bis zum Lebensende gut leben. Die gesellschaftliche Entwicklung ist viel zu langsam, als dass wir uns von Horden von gefährlichen Queers und Frauen und Ausländern das Leben schwer machen lassen müssten.

«Wenn du als Frau Videos machst, vor allem im Internet, dann bist du sofort untervögelt, eine Schlampe oder du hast deine Tage.»

Können nicht alle frei wählen, worüber sie sprechen möchten?

Leider nicht – als Gegenbeispiel zu mir kann ich hier Fatima Moumouni nennen, eine fantastische Slam Poetin und Autorin. Wenn sie befragt wird von irgendeiner Zeitung, dann geht es immer um Rassismus. Natürlich ist das auch ihr Thema, sie ist Aktivistin und hat enorm viel Wissen dazu – es wäre einfach schön, wenn sie, weil sie so gescheit ist, auch mal zu Dingen befragt würde, die nicht direkt mit Rassismus oder Sexismus zu tun haben.

Weshalb sprichst du denn über Rassismus, Sexismus und Diskriminierung?

Es ist einfach extrem interessant. Gerade Homophobie oder Queerfeindlichkeit ist aus der Aussenperspektive etwas vom Lustigsten überhaupt. Es gibt nichts, was die Queers den Nichtqueers auch nur ansatzweise antun könnten. Es ist so absurd, wenn Leute sich darüber aufregen – sie haben keinen Grund. Deshalb verlieren sie sich ja auch so verzweifelt in Religion und pseudomoralischen und ethischen Diskussionen, warum denn indirekt so eine «Ehe für Alle» uns irgendwo zerstört. Und je weiter sie argumentieren müssen, desto lächerlicher wird’s. Eigentlich sind die Homofeindlichen so wie ich, also: unglaublich privilegiert, nur erkennen sie ihr Privileg nicht, dass es ihnen ewig gut gehen wird.

Bist du gerade als weisser cis-hetero-Mann auch verpflichtet, über Rassismus und Sexismus zu sprechen?

Eigentlich finde ich, die weissen cis-hetero-Männer wären viel mehr dazu verpflichtet, auch einfach mal die Schnauze zu halten. In den USA gibt es immer mehr Comedy aus der Trans-Community, von Leuten mit einer Behinderung, etc. In der Schweiz gibt es beispielsweise Eddie Ramirez, der vereint einfach gerade alles: Er ist im Rollstuhl, dunkelhäutig und non-binär. Deshalb: Hört Eddie Ramirez zu, der weiss es am besten, und vor allem ist er ganz grundsätzlich sehr lustig, nicht nur, wenn es um diese Themen geht.

Die Schnauze halten – da machst du aber genau das Gegenteil, oder?

Ja. Aber ich bin immer froh, wenn anstelle von mir eine Frau, ein Mann mit Migrationshintergrund oder eine Trans-Frau gebucht wird. Schliesslich bin ich dermassen privilegiert, dass für mich noch genügend andere Spots übrigbleiben. Doch gerade wegen meinen Privilegien glaube ich auch, dass es eben beides braucht. Wenn ich übers Thema Rassismus spreche, kann mir durchaus entgegengehalten werden, ich hätte ja keine Ahnung.

Inwiefern?

Die, die wollen, dass das System so bleibt, wie es ist, können sagen: «Also ich habe einen Kollegen, der hat überhaupt nichts dagegen, wenn man Mohrenkopf sagt». Ich sage dann gern: «Hey, kennst du Fatima Moumouni? Die hat ein Problem damit und sie hat es hier in einem mega schönen Artikel ganz rational aufgezeigt». Gleichzeitig wird ihr entgegengehalten, sie sei halt befangen. Darum braucht sie eben bei gewissen härteren Fällen mich – denn wenn weisse cis-hetero-Männer am liebsten jemandem zuhören, dann anderen weissen cis-hetero-Männern. Dementsprechend braucht es uns beide.

Es braucht dich, aber eigentlich solltest du trotzdem besser die Schnauze halten. Wie wirkt sich diese Diskrepanz auf deine Texte zu den jeweiligen Themen aus?

Ich versuche sehr stark, nicht der zu sein, der hinsteht und sagt: «Schaut, ich bin jetzt da für euch, ich mache eure Themen, ich helfe euch». Das ist extrem gefährlich, denn dadurch wirst du zu einem «White Saviour». Deshalb versuche ich mir auch hier so viel Mühe zu geben wie möglich, sodass es für die betroffenen Menschen nicht unangenehm wird.

«Wenn weisse cis-hetero-Männer am liebsten jemandem zuhören, dann anderen weissen cis-hetero-Männern.»

Gibt es gesellschaftliche Phänomene, die du bisher noch nicht behandelt hast, aber in Zukunft gerne thematisieren willst?

Ich stelle mir solche Fragen nicht wirklich. Satire darf alles, soll alles und sollte alles einmal probieren. Wenn dich etwas interessiert, dann geh dem nach, komm weiter und weiter und irgendwann hast du etwas, und das ist dann gut oder nicht gut und du machst es oder machst es nicht. Wenn du von Anfang an Themen ausschliesst, dann geht Vieles auf dem Weg dahin verloren. Und so wenig, wie ich finde, dieses Thema sollte man nicht ansprechen, genauso wenig sage ich: Über dieses Thema sollte ich unbedingt einmal sprechen. Ich glaube, wenn etwas zu aktiv und zu offensichtlich ein Ziel hat, dann wird es schneller langweilig. Deshalb habe ich keine Ziele – im Leben (lacht).

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