Bären unter uns

Bär

Bild: Carlo Bischoff

05. Oktober 2015

Von und

Die Männer der Bärenszene nennen sich gegenseitig Panda- oder Gummibär, Otter oder Wolf. Sie sind am ganzen Körper behaart, schwer wie eine Waschmaschine – und schwul.

Beni ist ein Gummibär – ein Bär, der auf Bären steht. Sex mit einem unbehaarten Mann hat er zwar schon gehabt, wiederholen will er das aber nicht. Er habe halt einen Haarfetisch, wie die meisten Männer, die sich von Bären angezogen fühlten. Der 22-jährige Geologie-Student streicht sich durch den Bart: «Das Non-Plus-Ultra», sagt er, «ist der Typ Holzfäller.»

Dass Benis Schönheitsideal ein anderes ist als das der meisten Gleichaltrigen, hat sich schon früh abgezeichnet. Mit elf fing er an, Schwulenpornos zu schauen – meist mit Jack Radcliffe, einem Holzfällertyp, in der Hauptrolle. Im Gymnasium hatte Beni seinen ersten Freund. Seine Mitschülerinnen schwärmten für die Buben von Tokyo Hotel, Benis Freund hatte einen runden, haarigen Bauch und war fast ein halbes Jahrhundert alt – ein Papa-Bär.

Männerbesuch ist tabu

Die Treffen mit ihm fanden heimlich statt. Oft verliess Beni morgens das Haus, aber statt ins Klassenzimmer, ging er zu seinem Partner. Benis Familie und FreundInnen wussten lange nichts von seiner Homosexualität und noch weniger wussten sie, dass er auf ältere, behaarte Männer steht. «Ich habe einen Halbtag bezogen, ich übernachte bei einer Kollegin.» Beni fand immer neue Ausreden.

«Freundinnen erzählen mir manchmal, sie ekelten sich vor Körperbehaarung, weil sie stachelig sei. Das stimmt doch nicht! Eine behaarte Männerbrust ist flauschig und kuschelig.»

Als erstes fiel seiner Mutter auf, dass da was nicht stimmen konnte, und als er eines Abends von der Schule heimkam, stellte sie ihn zur Rede. Beni holte Malstifte und Papier aus dem Zimmer, fertigte eine Zeichnung eines Regenbogens an und liess sie über den Küchentisch gleiten. «Ich bin schwul», sagte er. Benis Mutter und seine beiden Brüder haben kein Problem mit seiner Homosexualität. Sie wissen sogar Bescheid über seine Vorliebe für Bären und seine Mutter amüsiert sich darüber, dass sie und Beni offenbar den gleichen Männergeschmack haben. Sein Vater bekundet mehr Mühe: Beni ist mittlerweile 22 Jahre alt, Männerbesuch ist aber immer noch tabu bei ihm zu Hause. Ausser die Besucher sind hetero.

Blick zwischen die Beine

Bild: Carlo Bischoff

Fellstruktur

In der Gay-Community, die rasierte Männerachseln bis weit in Hetero-Gefilde salonfähig machte, fristet die Bärenszene ein Nischendasein. Ursprünglich stellte sie sich gegen Fitnesswahn und Ausgrenzung, heute hat sie selber strenge Normvorgaben. Ein schlanker Bär? Unvorstellbar. Ein Bär muss Raum einnehmen – entweder durch Muskeln oder Fettgewebe. Auch der Bart ist ein Muss: «Ein Bart macht jedes Männergesicht schöner», sagt Beni, und grinst: «Man muss schliesslich die Behaarung auch sehen, wenn der Bär Kleider anhat.» Wenn es um Körperbehaarung geht, sprechen Bären gerne von Fellstruktur. Richtungswechsel im Wuchs, glatt anliegendes oder gekraustes Haar; jede Brust hat eben ihr eigenes Muster. «Freundinnen erzählen mir manchmal, sie ekelten sich vor Körperbehaarung, weil sie stachelig sei. Das stimmt doch nicht! Eine behaarte Männerbrust ist flauschig und kuschelig», meint Beni.

«Du, Bock auf Ficken?»

In der Schweiz scheint es, als wären die Bären seit zehn Jahren im Winterschlaf. Die Swiss Bears, die bis Mitte der Nullerjahre noch regelmässig Bärenparties veranstalteten, haben ihren Betrieb eingestellt. Mit Chrigu, einem Berner aus dem Aargau, wurde 2004 der letzte Mr. Bear Switzerland gewählt. Auch an Schwulenparties steppt der Bär scheinbar nicht. Deshalb ist Beni dort nicht mehr anzutreffen. «Zu viele Bartmädchen», sagt er. Männer, die zwar im Gesicht behaart sind, sonst aber jede Körperbehaarung vermissen lassen, stellen für Beni sowas wie einen Betrug dar. Gleichgesinnte findet er nicht im Ausgang, sondern übers Internet – u4bear und growlr sind quasi die tinder-Apps für Bären. Es ist nicht verwunderlich: Sex spielt eine grosse Rolle in der Szene, die sich primär über das Äus-sere definiert. Als Bär könne man jederzeit Sex haben, meint Beni. Da reiche manchmal ein plumpes «Du, Bock auf Ficken?» übers Internet und fünf Minuten später lande man in der Kiste. «Männer haben vermutlich eine tiefere Hemmschwelle, was Sex mit Fremden anbelangt», sagt er. Gerade letztes Wochenende hat er sich mit einem Bären getroffen, den er neu via u4bear kennengelernt hatte: ein Rothaariger mit unglaublich schöner Fellstruktur, den Bart auf der Seite gestutzt und unten im Wildwuchs.

«Ein Bart macht jedes Männergesicht schöner. Man muss schliesslich die Behaarung auch sehen, wenn der Bär Kleider anhat.»

Einen Panda probieren

Bär? Fell? Die Analogien aus der Tierwelt sind zahlreich. Beni findet es süss, einen weisshaarigen Bären Polarbär zu rufen, und erklärt, dass auch Otter und Wolf Teil der Bärenszene sind. Was ihnen zum echten Bären fehlt, ist die Statur. Der Otter ist zu schmächtig und der Wolf zu sehnig, um als Bär durchzugehen. Aber eines haben sie alle gemeinsam: die Körperbehaarung. Und dass die bei jedem anders ist, macht für Beni den Zauber aus. Er will immer neue, immer schöner bewachsene Körper kennenlernen.

Längere Partnerschaften hatte Beni auch schon, aber im Moment sucht er die Abwechslung. Es fiele ihm schwer, einem Partner zu vertrauen, und es sei daher einfacher, keine feste Bindung einzugehen. Mit der Treue hat Beni keine guten Erfahrungen gemacht: Sein erster Freund – der Papa-Bär – führte mit ihm eine Dreiecksbeziehung. Das wurde Beni zu viel, als er bei einem Besuch den dritten im Bunde aus dem Haus huschen sah. Beni mag keine Versteckspiele. Ihm ist es lieber, von Anfang an klar zu stellen, worum es geht. Und das sei im Moment halt Sex mit verschiedenen interessanten Männern.

Er ringt mit dem Gedanken, sein Geologie-Studium abzubrechen. Beni möchte arbeiten gehen, um sich eine eigene Wohnung zu finanzieren. So könnte er auch mal einen Bären bei sich zu Hause empfangen, was er ja im Elternhaus nicht darf. Pandabären zum Beispiel kennt Beni nur von Bildern. «Einen schönen Panda würde ich gerne mal ‹ausprobieren›», lacht er. Auf growlr und u4bear sind gut 5 000 Schweizer Bären angemeldet. Da sind bestimmt noch welche dabei, die in Benis Beuteschema passen.

behaarter Oberkörper

Bild: Carlo Bischoff


Die Bären-Terminologie:

«Die Bären-Terminologie ist durchaus selbstironisch zu verstehen. Nicht alle Bären mögen die Bezeichnungen. Ich finde sie süss und verwende sie gerne», sagt Beni.

Hier eine Auswahl:

Gummi-Bär: Bär, der auf Bären steht

Polarbär: weisshaariger Bär

Koalabär: blonder Bär

Pandabär: asiatischer Bär

Daddy-Bär: älterer Bär (Haarfarbe egal)

Otter: behaarter Mann mit normaler oder schmächtiger Statur

Wolf: behaarter, sehniger Mann

Bärenjäger: meist unbehaarter Mann, der auf Bären steht

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Obda
21. April 2017 20:33

Spannend!

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