«Zunächst hatte ich keinen exakten Plan»

30. März 2017

Als Benjamin Berger die Schweiz verliess, sagte er nicht, er gehe auf Reisen. Sondern, er gehe fort. Dabei ist es geblieben, der gebürtige Berner lebt seit zwei Jahren in Marokko. Von dort aus verkauft er reines Arganöl in die Schweiz.

Ein riesiger Parkplatz in Agadir, kurz nach dem Eindunkeln. Vier grosse Reisecars stehen nebeneinander, Stück für Stück nimmt der Fahrer Rollkoffer und Taschen aus dem Stauraum im Bauch des Cars. Ein lauer Wind heisst die Ankommenden in der marokkanischen Küstenstadt willkommen. «Sälü zäme», aus der Richtung des Busbahnhofgebäudes spaziert Benjamin Berger heran, hebt die Hand zum Gruss. Seine Statur fällt auf, er ist grösser gewachsen als die meisten Einheimischen. Benjamin, der meist Beni genannt wird, trägt ein weisses T-Shirt und eine schwarze Jogginghose – «so bequem wie möglich». Von Kleidervorschriften ist er in seinem Alltag weit entfernt. Er hat sich beruflich selbständig gemacht, sein Arbeitsort ist zuhause an seinem Schreibtisch.

Benis Wohnung

Benjamin wohnt in einem Wohnblock im Quartier Talborjt, nicht unmittelbar am Meer, dafür in leicht erhöhter Lage. Von seinem Wohnzimmerfenster aus ist hinter zahlreichen Dachterrassen der blaue Schimmer des Atlantischen Ozeans zu sehen. Das Wohnzimmer ist zugleich Benjamins Arbeitsort. Auf dem grossen Schreibtisch steht sein Laptop, daneben liegen einzelne, lose Zettel mit kurzen Notizen. Besonders viel Licht dringt nicht in die Zweieinhalbzimmerwohnung. Der Platz in Küche, Bad und WC ist eher knapp. «Ich könnte luxuriöser leben, wenn ich wollte», sagt Beni.

«Früher oder 
später kommt man hier ohnehin mit dem Öl in Kontakt.»

Ende Februar landete er auf dem Boden der Realität, als im Haus während mehrerer Tage der Strom ausfiel. Benjamin musste Zwangsferien einlegen und als der Strom wieder floss, surfte er zunächst im Wireless-Netzwerk des Nachbarn. «Dafür wohne ich zentral, das Wichtigste befindet sich in Gehdistanz», relativiert er. Gleich um die Ecke befindet sich ein kleiner Einkaufskomplex mit Bistros im Innenhof. Beni kennt die Kellner, die dort arbeiten. Bei der Begrüssung erkundigen sie sich gegenseitig mindestens drei Mal nach dem eigenen Wohlbefinden und nach der Familie. «Es interessiert sie wirklich, ob es mir gut geht!», erklärt Beni schmunzelnd.

Benjamin Berger

Wahlmarokkaner Benjamin Berger, geboren und aufgewachsen in Bern. Bild: Kim Pham

Der 29-jährige Berner hat in der marokkanischen Stadt mit rund 600’000 EinwohnerInnen eine Exportfirma gegründet. Sein Produkt: hochwertiges Arganöl, welches in der Kosmetikbranche einen immer grösserwerdenden Stellenwert hat. Arganöl lässt sich ausschliesslich im Südwesten Marokkos gewinnen – der Arganbaum blüht sonst nirgends auf der Erde. Dank seinen Wurzeln, die bis zu 30 Meter tief in den Boden reichen, kann der Baum auch die längsten Trockenperioden überleben. «Früher oder später kommt man hier ohnehin mit dem Öl in Kontakt. Auf dem Souk, wie der Markt genannt wird, ist das Arganöl eines der wichtigsten Absatzgüter», erklärt Beni. Es garantiert in der Grossregion Souss-Massa, die dank den Arganbäumen übrigens als UNESCO-Biosphärereservat gilt, mehr als zwei Millionen Arbeitsplätze.

Arganöl Herstellung

Schon seit vielen Jahrhunderten ist die Region das Zuhause der BerberInnen, eines der Urvölker der Sahara. Das Arganöl ist ein wichtiger Bestandteil ihrer Geschichte und Kultur. Die traditionelle Herstellungsweise von Hand praktizieren sie noch heute und sie ist seit jeher Frauensache. Die Berberinnen lesen die reifen Früchte vom Boden auf, spalten sie mithilfe von zwei Steinen und lösen den Kern heraus. Anschliessend werden die Kerne in einer steinmühlenartigen Presse zu einer dicken Flüssigkeit verarbeitet. Erst durch das Kneten der Masse lösen die Berberinnen das Öl heraus. Rund 30 Kilogramm Kerne müssen sie gepresst werden, um einen Liter Arganöl zu gewinnen.

Kooperativen und 
Kleingrundbesitz

Röstet man die Kerne vor dem Pressen, wird daraus Speiseöl, welches in der marokkanischen Küche häufig eingesetzt wird. Die Berberinnen sind in Kooperativen organisiert, teilen sich Arbeitsinstrumente und Infrastruktur. Eine Kooperative erntet jeweils die Arganfrüchte eines Grundstücks. Vor Grossinvestoren sind die Berberinnen geschützt, die Erträge werden in der jeweiligen Kooperative aufgeteilt. «Es ist aus meiner Sicht unerlässlich, dass die Arbeitsplätze hier in der Region bleiben und nicht ausgelagert werden», stellt Beni klar. «In Marokko ist es allerdings nicht unüblich, ein Stück Land zu besitzen. Der Boden, wo die Arganbäume wachsen, ist deshalb auf viele Kleingrundbesitzer verteilt.»

Die Sprachmelodie, sie 
erinnert an einen Gesang, beher
rscht Beni bereits einwandfrei.

Benjamins FreundInnen sind Leute wie die Kellner im Café oder der Marktverkäufer Houcine, bei dem er oft einkauft. «Man muss sich das ein wenig anders vorstellen als in der Schweiz. Die Grenze zwischen Arbeitszeit und Freizeit ist hier fliessend –
 das bedeutet, dass ich auf dem Markt eine Stunde mit Houcine plaudere, während er arbeitet», erläutert Beni. «Dagegen sind Treffen in der tatsächlich arbeitsfreien Zeit seltener.» Dank der guten Französischkenntnisse der meisten MarokkanerInnen ist die Verständigung für Benjamin kein Problem. Anfangs war es schwieriger, weil Beni «wirklich schlecht Französisch sprach», wie er zugibt. Inzwischen beherrscht er auch bruchstückartig Arabisch. Männer begrüsst er mit «Khoya», was so viel heisst wie Bruder. Und die Sprachmelodie, sie erinnert an einen Gesang, beherrscht Beni bereits einwandfrei.

Herstellung des Arganöls

Der traditionelle Herstellungsprozess des Arganöls: Die Frau rechts spaltet die Argannüsse, diejenige links presst die Kerne. Bild: Kim Pham

Probier’s mal mit 
Gemütlichkeit

Seit zwei Jahren lebt Benjamin Berger in Agadir, rund 250 Kilometer südwestlich der Tourismusmetropole Marrakesch. Beliebt ist die Region bei TouristInnen aus Europa vorab wegen des Surfens, wenn es an den Mittelmeerstränden kalt ist. Das dafür besonders populäre Fischerdorf Taghazout liegt etwa 20 Autominuten nördlich von Agadir. Die Stadt selbst, zu der auch ein internationaler Flughafen mit Verbindungen nach Europa gehört, kommt im Vergleich weniger touristisch daher. Zwar bieten da Schmuckhändler ihre Ketten und Armbänder an der weit ausgedehnten Strandpromenade feil. Der Tourismus ist auch in Agadir einer der wichtigen Wirtschaftszweige. Allerdings zerstörte ein heftiges Erdbeben im Jahr 1960 die meisten historischen Bauten – 
die Zahl der typischen Sehenswürdigkeiten aus Reiseführern hält sich deswegen in Grenzen. In den Strassen Agadirs scheint vor allem die dauerhaft ansässige Bevölkerung unterwegs zu sein. «Dementsprechend ist der Lebensstil in Agadir gemächlicher als in anderen, touristischeren Städten Marokkos. Man nimmt es gerne gemütlich», hält Beni fest.

«Oft regte ich mich auf, weil ein Kollege nicht zu einem Treffen erschien, oder eine Lieferung nicht pünktlich ankam.»

Das behagt ihm, auch wenn die stressbefreite Attitüde der Menschen aus Agadir ihre Tücken hat. «Anfangs brauchte ich schon einige Zeit, um mich an die Gepflogenheiten zu gewöhnen. Oft regte ich mich auf, weil ein Kollege nicht zu einem Treffen erschien, oder eine Lieferung nicht pünktlich ankam. Nur langsam habe ich realisiert, dass ich auch mal bis morgen oder übermorgen warten kann. Inzwischen bin ich sehr froh um die lockere, unkompliziertere Einstellung der Menschen hier», erzählt Beni. Die meisten seien fröhliche, aufgestellte Leute. «Gerade Serviceangestellte beeindrucken mich. Sie arbeiten zwölf Stunden pro Tag, verdienen knapp genug oder gar zu wenig für die Existenzsicherung und trotzdem strahlen sie enorm viel positive Energie aus.»

Rösten der Kerne

Benjamin lässt sich von der Berberin das Rösten der Kerne erklären.

Benis personifiziertes Google

«Sein» Arganöl bezieht Benjamin von einer Kooperative etwas ausserhalb der Stadt. Das Stück Land gehört seinem Freund Abderraham, kurz Abdo. Die beiden kennen sich ursprünglich von einer Wohnungsbesichtigung, mittlerweile ist Abdo nebst anderen Tätigkeiten Hauswart im Wohnblock, wo Beni lebt. «Abdo ist unheimlich zuverlässig und pünktlich, fast schweizerischer als ich», gesteht Beni lachend. Enorm wertvoll für ihn ist ausserdem Abdos riesiges Netzwerk. «Er ist mein personifiziertes Google. Abdo kennt immer jemanden, der jemanden kennt, der die Antwort weiss.» Informationen zu Preisen oder Öffnungszeiten sind in Agadir via normaler Google-Suche oftmals auch eher schwierig zu finden.

Der Wandervogel

Schon im Kindesalter hatte Beni gemeinsam mit seiner Familie Länder auf verschiedenen Kontinenten besucht. «Dass ich mal längere Zeit woanders leben möchte, war mir immer klar». Im Februar 2014 war der Zeitpunkt gekommen. Zunächst besuchte er einen Freund in den USA, lebte und jobbte mehrere Monate in Miami. «Ich hatte keinen exakten Plan. Entscheidend war meine Kommunikation: Ich sagte, ich gehe fort. Hätte ich erzählt, ich gehe auf Reisen, hätte das bedeutet, dass ich irgendwann nach Hause zurückkehre.»

In der Schweiz sei allerdings gerade auf dem Ausbildungsweg vieles vorgeschrieben. Auszuscheren und eigene Ideen umzusetzen sei unheimlich schwierig.

Zuhause war für Benjamin Berger seit der Geburt die Bundeshauptstadt Bern. Seine Kindheit hat er in Bern–Bümpliz verbracht, später wohnte er in verschiedenen Quartieren der Stadt, bezeichnet sich als «klassisches Stadtkind». Nach abgeschlossener KV-Lehre arbeitete Beni in verschiedenen Büros und schaffte es bis ins Sekretariat der damaligen Bundesrätin Micheline Calmy-Rey. Eine hervorragende Arbeitsstelle, aber letztlich nicht das, wonach Beni gesucht hatte. «Ich wollte mir möglichst lange möglichst alle Optionen offenhalten. Ich bin ein Mensch, der stets eine Vision braucht.» In der Schweiz sei allerdings gerade auf dem Ausbildungsweg vieles vorgeschrieben. Auszuscheren und eigene Ideen umzusetzen sei unheimlich schwierig, meint Beni. Er wollte einst eine Plattform für Reisende ins Leben rufen. Eine Sammlung von Unterkünften, Restaurants und Bars in aller Welt, die den Besuchenden das Leben der lokalen Bevölkerung möglichst nahe bringt. Der Kontakt zu Einheimischen beim Reisen hatte bereits zu seinen zentralen Interessen gehört bevor er seinen ständigen Wohnsitz nach Marokko verlegt hat. «TripAdvisor existierte damals noch nicht», erinnert sich Beni. Das Projekt scheiterte letztlich an fehlenden Investitionen, Beni konnte die Ausgaben irgendwann nicht mehr stemmen, wollte keine weiteren Risiken eingehen. Doch er hat dabei viel gelernt und heute kommt ihm die Erfahrung zugute.

Via Tokio, wo ein Freund aus Benis Kindheit lebt, landete er schliesslich in Agadir. Zunächst war ein Besuch dreier Freunde geplant, aber wie bereits vor dem Abstecher in die Vereinigten Staaten definierte Benjamin kein Ende seines Aufenthalts. Bald entschloss er, sein eigenes Projekt vor Ort zu lancieren, und blieb.

Kernspaltung

Spalten der reifen Frucht. Bild: Kim Pham

Arganöl für sein Grosi

Einen gewissen Anteil an Benis Entscheidung hat seine Grossmutter in der Schweiz. Sie hatte oft Schmerzen wegen ihrer brüchigen Haut, konnte in der Nacht kaum durchschlafen. Das änderte sich, nachdem Beni ihr ein Fläschchen Arganöl aus Marokko mitgebracht hatte. Seit nunmehr vier Monaten ist der Onlineshop «The Argan Line» in Betrieb. Benjamin hat den Vertrieb zunächst auf die Schweiz beschränkt, die Fläschchen gelangen via Fed-Ex nach Bern zu seinem Bruder, der den Versand innerhalb der Schweiz steuert. «Ich muss vorsichtig bleiben, darf nicht zu viel wollen», sagt Beni. Bislang unterhält er mit einzelnen Beautystudios in der Region Bern Partnerschaften, versucht den Bekanntheitsgrad seines Unternehmens aber ständig zu steigern. Absprachen und Verhandlungen per E-Mail gehören derzeit zu Benjamins Haupttätigkeiten.

«Instagram ist das Tor zum Weltmarkt»

Noch bevor Beni ins Exportgeschäft einstieg, hatte er, unabhängig vom Vertrieb des Arganöls, auf Instagram einen Beautyblog ins Leben gerufen. Täglich verbrachte er Stunden damit, Fotos anderer zu liken, zu kommentieren und auf seinem Blog zu posten. «Die ersten tausend Follower zu gewinnen, war harte Arbeit», erinnert er sich. Inzwischen erübrigt sich der Aufwand, die Akquisition von neuem Anhang ist zur Selbstläuferin geworden. Beni hat sich gar Wachstumsprognosen erstellen lassen: Bis Ende 2017 will er die Viertelmillion-Marke überschreiten. «Instagram sehe ich als Tor zum Weltmarkt», erklärt er, «irgendwann lässt sich mein Beautyblog hoffentlich mit dem Arganöl kombinieren». Den Fokus will der Jungunternehmer auf die Reinheit des Arganöls legen. Die Grosskonzerne der Branche wie «L’Oreal» und «Garnier» haben das Potenzial in Arganöl-Zusätzen (etwa zu Body Lotions) entdeckt. «Dabei sollte Arganöl als etwas Eigenständiges gelten», beklagt Beni, «ich setze mich für eine Bewegung zurück zum reinen Arganöl ein».

Tourist in Bern

Mehrmals pro Jahr kehrt Benjamin Berger auch in die Schweiz zurück, um Familie und FreundInnen zu besuchen. Die Schweiz sehe er inzwischen mit den Augen eines Touristen. «Vor dem Panorama der Alpen bleibe ich stehen und schiesse Fotos», erzählt er lachend. Und gesteht, dass es schon einzelne Produkte aus Schweizer Läden gebe, die ihm in Agadir fehlen. «Einen feinen Greyerzerkäse zum Beispiel. Oder Linzertorte.» Umso mehr schätzt er es, wenn Gäste aus der Schweiz etwas davon mitbringen. Der Auswanderer hat sich aber längst an die marokkanische Küche und das Leben in Agadir gewöhnt. Ein erneuter Tapetenwechsel steht zurzeit ausser Frage, aber bekanntlich kann sich die Situation schnell ändern. Die Wohnung im Talborjt-Quartier von Agadir mietet Beni möbliert. Sein Hab und Gut passt in wenige Tragtaschen.

Zu diesem Artikel wird noch ein Dokumentarfilm folgen.

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