Wie hast du’s mit dem Veganismus?

20. Oktober 2016

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Sie polarisiert, die vegane Lebensweise. Alles oder nichts – scheint bei der Diskussion die Devise, Zwischenwege gibt es keine. Und immer wieder kommt der Vergleich mit der Religion. Ein Essay.

Im August bei der Demonstration zur Schliessung aller Schlachthäuser auf dem Berner Bahnhofplatz, direkt vor der Heiliggeistkirche. Man trifft sich rund um schwarze und weisse Zelte, die Stimmung ist heiter. Nur die Flyer verteilenden Anwesenden hinter Plastiktiermasken, die andächtig schweigend durch die Menge schreiten, gruseln mich ein wenig. Hie und da ein erfreutes «Hallo» und «Schön, dich zu sehen» zeigen: Man kennt sich. Ich schlendere an den reich mit Magazinen, Stickern und Flyern bestückten Tischen vorbei, die Standbetreuenden grüssen freundlich und nicken eifrig bei der Nachfrage, ob man denn diese Sachen auch mitnehmen dürfe. Es herrscht keine offensiv-ablehnende Haltung, und doch schwingt bei den Parolen und Bildern der süssen Tierbabys, die für deinen und meinen «Lifestyle» ausgenutzt und geschlachtet werden, eine subtile Aggressivität mit.

Eine innere Veganerin?

Trotz der freundlichen Stimmung beschleicht mich das Gefühl, hier deplatziert zu sein. Meine überteuerten, neuen Nikeschuhe schreien in dieser Umgebung geradezu «Kinderarbeit!», «Tierausbeutung!» und «leider geil!»; auch das H&M-Shirt mutet als moralischer Fehlgriff an. Aber woher kommt diese Unsicherheit? Sind es die akuten äusseren Einflüsse, die mich zweifeln lassen, oder meldet sich tatsächlich meine innere Veganerin? Es ist eine den Abstand fördernde Differenzierung zwischen «euch» und «mir». Ich fühle mich schlecht, «ihr» scheint euch besser zu fühlen. «Ihr» seid gut, während ich das Leid der Welt unermüdlich vorantreibe. Als agnostische, offene Person bin ich interessiert an neuen Erkenntnissen und Strömungen. Und doch gerate ich in eine defensive Haltung. Was prägt meine Empfindungen in diesem Ausmass?

Die falsche Gleichung

In Bezug auf die vegane Lebensweise entfachen sich gerne emotionale Diskussionen – nicht nur unter empörten Facebookusern und in den Kommentarspalten von Onlineportalen, sondern auch auf grösseren Plattformen: Watson ärgert sich über selbstgemachte Kindergeburtstagsküchlein, die schnöde als nicht-vegan zurückgewiesen werden, die NZZ urteilt über fehlendes Verständnis von real-ökologischen Zusammenhängen, während bei der BaZ eine ketzerische Verfolgung der Karnivoren gefürchtet wird und 20 Minuten vor der gefährlichen Orthorexie (dem zwanghaft «gesunden» Essverhalten) warnt, die aus der Ersatzreligion Ernährung hervorgeht. «Gesundheitswahn – die neue Religion», «Essen – die neue Religion?», «Ist Fitness unsere Ersatzreligion?» oder in der Sendung Club des SRF: «Vegan – die neue Religion?». Die vegane Lebensweise fällt durch proaktive Menschen und Events auf und tritt manch alteingesessenem Karnivoren auf die Füsse. Berichterstattungen scheinen einer einfachen – und falschen – Gleichung zu folgen: Religion ist suspekt, Veganismus ist suspekt, daraus folgt: Veganismus ist Religion. Und genau diese Schlussfolgerung scheint – beinahe unbemerkt – meine Empfindungen gegenüber dem Veganismus zu beeinflussen.

Religion – rette sich wer kann

Die Begriffe «Religion» und «das Religiöse» scheinen aufgeklärte Bürgerinnen und Bürger in Aufruhr zu versetzen. Der Ausdruck hat einen schalen Beigeschmack, haben wir uns doch nach der französischen Revolution von der Religion in öffentlichen Belangen vermeintlich verabschiedet: Berichten heute Medien wie Watson, BaZ und 20 Minuten über Veganismus, schreiben sie diesem gerne negative Eigenschaften zu, die wir normalerweise mit Religion assoziieren: Missionierung, Beeinträchtigung der Lebenswelten durch Massregelung sowie ein Gut-Böse-Dualismus sind Attribute, die sowohl VeganerInnen als auch religiösen FundamentalistInnen zugeschrieben werden.

Gesundheitswahn – die neue Religion?

Dabei werden positive Aspekte einer Religionsgemeinschaft völlig ausgeklammert, eine ganzheitliche Definition des Religionsbegriffes fehlt. Für die Effekthascherei in Medienbeiträgen noch nützlicher ist es, den Begriff (wie beim Club des SRF) als Hingucker im Titel zu verwenden. In der ganzen Sendung wurde der Begriff «Religion» aber lediglich während drei von 118 Minuten aufgenommen und kaum definiert. Es scheint klar zu sein, dass mit Religion niemand in Verbindung gebracht werden möchte. Geschieht das dennoch, kommt es zu einem bereits aus anderen Bereichen wie Migration und Integration bekannten Zusammenspiel von Reizwörtern und diffusen Ängsten, das eine unnötige Trennung der Gruppen verursacht.

Kein Mittelweg

Die natürliche Definition einer Gruppe geschieht oft durch ihre Abgrenzung von einer anderen. Mein Erlebnis auf der Kundgebung zur Schliessung aller Schlachthäuser wird durch die Lektüre des ansprechend gestalteten und informativen Magazins «Blaufux» der Veganen Gesellschaft Schweiz weiter verstärkt. Dort ist zu lesen: «Die vegane Lebensweise denkt wortwörtlich über den Tellerrand hinaus und betrachtet die Zusammenhänge, die mit dem Verzehr tierlicher Produkte einhergehen.» In der Ausgabe Nr. 3 über «Verzicht» werden «Lifestyles» wie Vegetarismus, Veganismus und Flexitarismus vorgestellt. Letzterer ist eine flexible Kombination aus karnivorer und veganer Ernährungsweise. Ich lerne, dass ebendies absolut absurd sei, da man sich entweder ganz für oder gegen den Veganismus entscheiden müsse: «Es ist ein fragwürdiges Merkmal unserer Zeit, dass etwas weniger Schlechtes zu etwas Gutem erklärt wird.» So muss man annehmen, dass hier nur «ganz oder gar nicht» zählt. Auf alle tierischen Produkte verzichten – oder die Regenwälder zerstören, Menschen hungern lassen und Tiere in barbarischer Art und Weise massenhaft schlachten. Kein Mittelweg, all in.

Missionarischer Eifer

Ähnlich undifferenziert argumentiert auch die Gegenseite: Vegan Lebende sollen ihre «Religion» zuhause ausüben, zudem sei es ihnen eigen, ihre Meinung mit missionarischem Eifer allen Karnivoren aufzuzwingen, wenn nötig auch mit Gesetzesänderungen. Veganismus propagiere eine gesundheitsschädigende Mangelernährung und sollte daher auf keinen Fall breit unterstützt werden.

Auf alle tierischen Produkte ver-zichten – oder die Regenwälder zerstören, Menschen hungern lassen und Tiere in barbarischer Art und Weise massenhaft schlachten.

Alles Ansichten, die mir oft in Unterhaltungen in meinem Umfeld begegnen. Durch die in den Medien gemachte Verknüpfung mit der ungeliebten Religion wird die vegane Lebensweise zu einem genussverweigernden, sich ungemütlich verbreitenden Trend, vor dem es sich zu schützen gilt. Damit verschliesst man aber die Augen gänzlich vor tatsächlichen Problemen, denen wir heute gegenüberstehen: Die Auswirkungen der Fleischproduktion oder die ethisch nicht vertretbare Tierhaltung sind schliesslich nicht wegzudiskutieren. Die positiven Veränderungen, die mit einem gemässigten Konsum an tierischen Produkten erreicht werden können, sind selten Gegenstand der Gespräche.

Graustufen

Distanziert man sich aber von dieser Schwarz-Weiss-Diskussion, wird klar: Die offensive Gesprächstaktik bringt keine Meinung weiter. Kaum ein leidenschaftlicher Omnivore wird beim Vorwurf, die CO2-Emissionen der Fleischproduktion in die Höhe zu treiben, kurzerhand die vegane Lebensweise annehmen. Ebenso unwahrscheinlich ist es, dass vegan Lebende in die nächste Migros springen und sich mit Fleisch, Milch und Eiern eindecken, wenn sie mit einer möglichen Mangelernährung konfrontiert werden. Beide Parteien scheren die Individuen der anderen Gruppe über denselben Kamm, es gibt keinerlei Schattierungen, nur Schwarz oder Weiss. Eine positive Entwicklung kann jedoch nur erreicht werden, wenn dieses Denken überwunden wird. Warum sollte ich mich auf einer Kundgebung zur Schliessung aller Schlachthäuser in meinen Markenturnschuhen schlecht fühlen? Es ist mir ja erlaubt, ist gar erwünscht, die Anliegen der Kundgebenden zumindest teilweise zu verstehen und zu unterstützen – ohne dass ich fortan auf alle tierischen Produkte verzichten muss. Den Verallgemeinerungen standzuhalten und die Schattierungen zu erkennen, darin besteht die Herausforderung.
Als kritisch denkende Person muss ich gegenüber anderen Ansichten nicht grundsätzlich misstrauisch sein. Suspekt sind eher schwarz-weisse Auffassungen, die Graustufen ausblenden und Begriffe wie Religion undifferenziert und einseitig verwenden.

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