Aller guter Rat kommt von oben

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Bild: Sam von Dach

01. Juni 2016

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Unkritisch und schlecht angezogen seien die Studierenden heute. Dies veranlasste den Rechtsprofessor Peter V. Kunz, einen «Weckruf für Studierende» zu schreiben. Wir haken nach.

«Inter gravissimas pastoralis officii nostri curas…» Mit diesen und mehr Worten proklamierte Papst Gregor XIII im Jahre 1582 die Einführung des bis heute gültigen gregorianischen Kalenders. Einer Laune der menschlichen Natur folgend, ist es seither Brauch, wenn der gregorianische Kalender das Jahresende verkündet, in sich zu gehen und sich auf das neue Jahr hin Ziele zu stecken, die wie Wegmarkierungen unseren rasanten Höllenritt wenigstens ansatzweise in geordnete Bahnen lenken sollen. Wer die Weisheit mit Löffeln gegessen hat, dem steht es sogar zu, diese Vorsätze nicht nur für sich selbst zu definieren, sondern sie majestätisch für alle auszurufen.

Kein Zufall also, dass sich im Dezember 2015, genau 423 Jahre nach Gregors «real talk», ein anderes Oberhaupt einer erzkonservativen Institution an den ergrauten Schläfen rieb und mit fester Hand eine ebenso zukunftsweisende Botschaft schreiben sollte: Es war Professor Doktor Kunz, seines Zeichens Dekan der rechtswissenschaftlichen Fakultät. Weisser Rauch stieg aus den Abluftschächten des UniS-Neubaus, als sein Text im letzten Dezember im universitären Bulletin «UniPress» den Weg an die grosse Öffentlichkeit fand.

Unter dem Titel «Weckruf für Studierende» erschien eine Art Mini-Ratgeber mit derart pointierten Thesen über die aktuelle Studierendengeneration, dass sich sogar die «UniPress»-Redaktion von dessen Inhalt distanzierte. Nebst alltäglicheren und oft gehörten Weisheiten war da die Rede von einem «Dresscode» an der Uni, von «rationalem Egoismus» und «Leistungsgesellschaft». Den ganzen Text lesen Sie hier.

Herr Kunz, der Journalismus scheint Sie zu beschäftigen, immerhin waren Sie früher Teilzeit-Journalist beim katholisch-konservativen «Vaterland», und gemäss eigenen Angaben lesen Sie auch «20 Minuten» und «Blick am Abend». Wie stehts um die bärner studizytig?

Peter V. Kunz: Da muss ich passen, zwar lese ich viel, doch leider kannte ich bis zu diesem Zeitpunkt die bärner studizytig noch nicht.

Im Dezember letzten Jahres erschien ihr Beitrag «Weckruf für Studierende» im UniPress. Weshalb jetzt? Was war der Grund für diesen Text mit dem schon fast alarmistischen Titel?

Im Prinzip habe ich nichts geschrieben, das ich nicht schon jahrelang mit mir herumtrage. Der eigentliche Anlass war, dass ich seit letztem August als Dekan tätig bin und es mir ein Anliegen ist, Studierende darauf hinzuweisen, dass gewisse Dinge heutzutage nicht mehr so einfach sind wie früher. Allerdings denke ich, dass momentan, zumindest bei uns Juristen, eine sehr fleissige Generation an der Uni tätig ist. Zuweilen habe ich aber das Gefühl, dass man denkt, alles ginge von alleine. Nun als Dekan hatte ich die Gelegenheit, etwas zu sagen, das mich schon lange bewegt.

Wir sind also nicht verschlafener als früher, aber die Anforderungen sind gestiegen?

Ja, und das trifft auf alle Berufsrichtungen zu. Bei Juristen ist es beispielsweise so, dass die guten Jobs an diejenigen mit den besten Noten gehen. Mir fällt auf, dass ich seit etwa fünf Jahren vielen disziplinierten Studierenden begegne, die auch sehr motiviert meine Vorlesungen besuchen. Man muss sich aber bewusst sein, dass einem niemand hilft im Leben, wenn man sich nicht selbst hilft. Einer der wichtigsten Punkte ist daher die Eigenverantwortung.

Wie war Professor Kunz als Student? Auch verschlafen?

Ehrlich gesagt habe ich mehr nebenbei studiert, da ich viele andere Tätigkeiten ausübte. Ich arbeitete als Journalist, politisierte als Gemeinderat und waltete als Friedensrichter. Ich war mir bewusst, dass es gute Noten braucht und habe mich seriös auf Prüfungen vorbereitet; die Vorlesungen selbst besuchte ich aber nicht so oft.

In ihrem Weckruf schreiben Sie auch von einem Dresscode für die Uni. Ich habe anschliessend noch Vorlesungen; bin ich angemessen gekleidet?

(lacht) Ja, ja, das ist perfekt.

Ihr Beitrag besteht aus acht Punkten, in denen Sie Ratschläge geben, wie man sich als StudentIn zu präsentieren hat, wem man Dankbarkeit schuldet, und dass schon früh am Lebenslauf gearbeitet werden muss. Zum Schluss wünschen Sie sich dann aber doch wieder «mehr konstruktive Querdenker». Ist das kein Widerspruch?

Es wäre ein Missverständnis, zu denken, dass ich Angepasstheit fordere. Die heutige Generation ist sehr diszipliniert und ruhig. Dass mir aber kritische Fragen gestellt werden, erlebe ich heutzutage kaum noch. Vor zehn Jahren war das noch anders. Geistig sollte man durchaus kritisch sein, das ist auch später im Beruf wichtig. Sie können aber auch kritische Fragen stellen und sich gleichzeitig angemessen kleiden.

Das fehlende kritische Denken ist doch auch eine Folge der universitären Bildungsreform?

Das ist durchaus möglich; unser System ist auf Bachelorstufe sehr schulartig, was ich in der Tat bedaure. Auf Masterstufe ist das aber keine Rechtfertigung und leider nehme ich auch Master-Studierende als sehr passiv wahr. Es wird zwar zugehört, doch es kommt selten zu einer Diskussion, weil die kritischen Rückmeldungen fehlen.

Sie thematisierten auch die Studienwahlfreiheit und fordern in dem Zusammenhang mehr «rationalen Egoismus». Wünschen Sie sich schlussendlich eine marktorientierte Bildung?

Das Thema Studienwahlfreiheit ist eine grosse Illusion. Diese existiert schon lange nicht mehr, es sei denn, Sie stammen aus reichem Hause und können sich das leisten. Die meisten wählen zum Glück ihr Studium anhand der späteren Berufsmöglichkeiten aus. Viele Studiengänge richten ihre Inhalte aber zunehmend an wirtschaftlichen Interessen aus. Das ist eine wichtige Diskussion, die auch bei uns in der Fakultät geführt wird. Ich habe kein Problem mit drittmittelfinanzierten Professuren. Von irgendwoher muss das Geld kommen. Die Uni Bern erhält weniger Geld pro Student vom Sitzkanton als jede andere Universität in der Schweiz.

Wenn also der Nationalfonds oder der Kanton nicht zahlen, gibt’s nur zwei Möglichkeiten: Sie streichen Studiengänge oder akzeptieren drittmittelfinanzierte Professuren. Das Letztere bedingt natürlich absolute Unabhängigkeit vom Sponsor. Zudem möchte ich etwas klarstellen: drittmittelfinanzierte Lehrstühle unterliegen nicht unbedingt einer stärkeren Beeinflussung als staatlich finanzierte Lehrstühle. Persönlich habe ich vom Nationalfonds sogar stärkere Interventionen erlebt als von privaten Geldgebern. Die Finanzierung durch den Staat ist keineswegs unproblematischer als die Finanzierung durch die Privatwirtschaft.

Anfangs dieses Jahres lehnten Sie es ab, das Manifest gegen die Durchsetzungsinitiative zu unterschreiben, mit der Begründung, dies sei nicht Aufgabe eines Professors. Drei Jahre zuvor bezogen Sie aber in den Medien gross Stellung gegen Minders Abzockerinitiative. Wie entscheiden Sie, zu welchen politischen Themen Sie sich äussern?

Ein guter Punkt. Ich äussere mich dort, wo es mein Fachgebiet betrifft und habe kein Problem damit, wenn dies andere Professoren ebenfalls so tun. Bei der Minderinitiative war das klar der Fall; ich habe mich dort nicht politisch positioniert, sondern bezog mich auf ein juristisches Gutachten. Die Professoren, die das Manifest gegen die Durchsetzungsinitiative unterschrieben, taten dies aber als professorale Staatsbürger und dies widerspricht meiner Auffassung.

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