Schwitzen mal anders

Zwei gezielte Kopfangriffe im Headis. Foto: Lisa Linder

12. März 2020

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Wo Bretter wackeln und Köpfe punkten: Ein winterspeck­getriebener Erfahrungsbericht aus den Tiefen des Unisport-Angebots.

Es ist Ende Januar und ich sitze eingemummelt in Duvet und Kissen in meinem Bett vor dem hellen Computerbildschirm. Ich fühle mich faul und träge. Kein Wunder, nach den letzten Wochen: Erst die Weihnachtstage, an denen auch ohne schlechtes Gewissen mal ordentlich zugelangt werden darf, dann der Januar mit Lernstress und all dem «Brainfood»-Knabberzeugs, um die Motivation immerhin ein bisschen aufrecht zu erhalten, schliesslich die Frustschokolade oder eben das Gönnerbier nach der Prüfung. Tja, und so sitze ich jetzt vor meinem Laptop und durchforste das Unisport-Angebot nach Möglichkeiten, die Winterkilos loszuwerden. Während ich alle Angebote von A-Z durchscrolle, stolpere ich aber hier und da über unbekannte Namen. Was ist bitteschön Sypoba, wie funktioniert Headis, und ist Antara ein fernöstlicher Kampfsport oder eher sowas wie eine Yoga-Entspannungstechnik? Von der Neugier gepackt und um für alle Studis, die sich unter diesen Namen auch nichts vorstellen können, mal Licht ins Dunkel zu bringen, habe ich diese wohl eher unpopulären Unisportangebote ausprobiert.

Das erste Mal auf dem Brett

Es ist ein grauer Semesterferien-­Montagmittag und ich stehe im Atrium 12 an der Fabrikstrasse. «Ist das dein erstes Mal auf dem Brett?», fragt mich die Leiterin des Sypobakurses. Ich nicke. Sie zieht die Augenbrauen hoch und die Luft zwischen ihren Zähnen scharf ein. «Na dann, schauen wir mal», meint sie. Diese Aussage und Gestik verunsichern mich ein wenig, aber so ein bisschen balancieren kann ja nicht so schwer sein, denke ich mir. Neugierig schreite ich zum Material, das neben der Tür bereit liegt. Mit meiner Blechrolle, einem Holzbrett und einer Gymnastikmatte stelle ich mich auf. Das Brett gehört auf die Rolle und ich anscheinend auf das Brett. Schon das erste Aufsteigen ist nicht leicht. Schliesslich schaffe ich es, mich für mehrere Sekunden auf dem Brett zu halten, und dann geht es auch schon los. Wir imitieren die Kniebeugen und Streckungen der Leiterin und balancieren dabei ständig auf diesem wackeligen Brett. Um das Gleichgewicht zu halten, schaue ich auf meine Füsse und dabei löst sich endlich das Rätsel um des Kurses Namen: Auf dem Brett steht «System Power Balance», Sy-po-ba eben. Das gesamte Training dauert eine Stunde und dabei machen wir verschiedenste Kraftübungen wie Kniebeugen, Rückenbeugen und Liegestützen, und immer hat die Leiterin eine kreative Idee, wie wir Brett und Rolle miteinbeziehen können. Ich muss mich ständig konzentrieren, um nicht vom Brett zu rutschen. Der Balanceakt soll die vielen kleinen Stabilisationsmuskeln in meinem Körper stärken. Zum Schluss versuchen wir noch, einfach auf dem Brett zu sitzen, ohne mit den Füssen oder Händen den Boden zu berühren. Ich habe keine Chance. Am Ende der Stunde bin ich nassgeschwitzt. Den Muskelkater von dieser einen Sypobastunde spüre ich noch drei Tage lang in den Beinen. Das «bisschen Balancieren», das von aussen wie einfache Zirkusübungen ausschauen mag, lässt mich jede Treppe verfluchen, die in den folgenden Tagen meinen Weg kreuzt.

Erste Balancierversuche auf dem Sypobabrett werden auch zu zweit geübt. Foto: Lisa Linder

Körperkontakt mit dem Tisch ist erlaubt.


Kopf voran

Was sich hinter der Sportart Headis verbirgt, lässt das Foto auf der Uniwebsite vermuten: Es sieht aus wie Tischtennis, wobei aber der Kopf als Schläger dient. Der Ball ist dafür gnädigerweise etwas grösser als ein Ping-Pong-Ball und aus Gummi. Die Sportart wurde vor ungefähr drei Jahren das erste Mal im Unisport angeboten, fiel aber ab und an auch wieder aus dem Programm, da die Teilnehmer*innenzahl doch eher überschaubar blieb. Heute wird Headis gemeinsam mit normalem Tischtennis mittwochabends in der Sporthalle 4 angeboten.
Auf den ersten Blick sieht es aus, als wäre diese Sportart dazu gemacht, zu viele Synapsenbildungen in Student*innengehirnen nach einem langen Lerntag zu verhindern, indem sie das Gehirn durch ständige Kopfballangriffe durchschüttelt. Ich bin nicht gerade eine Weltmeisterin im Tischtennis und nun das Ganze noch mit Stirn, Schädeldecke und Schläfen zu bestreiten – keine leichte Aufgabe. Ein Spiel endet mit 11 Punkten und es sind keine Anspiele übers Kreuz nötig. Körperkontakt mit dem Tisch ist erlaubt, was teilweise echt wichtig ist, um sich abzustützen und beim Kopfball nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Hier und da passieren aber auch mal wilde Hechtsprünge auf die Tischplatte, um den Ball noch zu erwischen. Mein Spielpartner geht sogar so weit, dass er für einen fiesen Angriff ganz auf den Tisch springt, um zu «smashen». Nach den ersten Runden muss ich mir eingestehen, dass diese Sportart, die auf den ersten Blick eher nach einer Bier-Idee aussieht, doch ziemlich herausfordernd ist. Koordinativ verlangt mir Headis einiges ab und ich kämpfe darum, den Ball so zu erwischen, dass er auch wirklich auf der gegnerischen Tischplatte landet. Am meisten merke ich die Anstrengung aber in den Beinen: Damit der Kopf tief genug für einen Konterangriff sitzt, muss man sich immer in den Knien unten halten. Zum Abschluss spielen wir wie im gängigen Tischtennis ein «Ründelen»: Alle laufen um den Tisch und spielen mit einem Ball, wer einen Fehler macht, fliegt raus. Und ich schwöre euch, sowas ist zehnmal schwieriger beim Headis als beim Ping-Pong.

Was mit einfachen Dehnübungen beginnt, wird mit der Zeit immer anstrengender.


Sich den Rücken stärken

Die dritte mir unbekannte Sportart, der ich auf den Grund gehen will, nennt sich Antara. Im Raum Beta des Atrium 12 stehen wir alle auf einer roten oder grünen Gymnastikmatte. Zu weicher Musik imitieren wir die Streckübungen, welche die Kursleiterin vorzeigt. «Und in die Länge ziehen, immer länger muss der Rücken werden», mahnt Marlies Leuenberger, ausgebildete Antara-Leiterin. Was mit einfachen Dehnübungen beginnt, wird mit der Zeit immer anstrengender. Der Fokus liegt ständig auf der inneren Muskelspannung. Erst nach einer halben Stunde wird mir so richtig warm.

Die Streckung des Rückens ist in fast jeder Antaraübung zentral. Foto: Unisport Bern.

Die für Antara charakteristischen Abfolgen von funktionellen Bewegungssequenzen, die kontinuierlich gesteigert werden können, erlauben allen Teilnehmenden, die Intensität des Trainings selbst zu definieren. Laut der Webseite Smartgym von Antara Instruktorin Claudia Vetter steht bei Antara das Core-System, die tiefste Muskelschicht des Rumpfes, im Zentrum. Das Core-System ist verantwortlich für die Stabilität, die Stärkung und damit den Schutz des Rückens. Dass dieses Training besonders für den Rücken von grossem Wert ist, bestätigt mir auch Jürg (46): «Wegen schlimmer werdenden Rückenschmerzen habe ich mit Antara angefangen, und es hat tatsächlich geholfen. Auch wenn es beim Zuschauen vielleicht nicht anspruchsvoll aussieht, die innere Rückenmuskulatur profitiert sehr von diesem Stabilitätstraining». Dies erklärt auch die grosse demografische Vielfalt im Kurs: junge Student*innen, Arbeitstätige und Rentner*innen antaren Matte an Matte. Marlies Leuenberger nennt es ihr persönliches Ziel, den Teilnehmer*innen ein sowohl entspannendes als auch stärkendes Trainingserlebnis bieten zu können. Wenn der Rücken vom vielen Studieren und Bildschirmglotzen reklamiert, könnte Antara genau das richtige Training sein. Auch wer sich für eine Stunde von der Hektik des Alltags lösen will und im Yogakurs keinen Platz mehr ergattert, wird beim Antara den Raum für kraftvolle Entspannung finden.
Mein Fazit: Es lohnt sich, dem riesigen Unisport-Angebot mehr Neugier entgegenzubringen. Hinter manchen kuriosen Namen könnten sich gar neue sportliche Leidenschaften verbergen.

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