«Mir einen Regenbogen vorzustellen ist schwierig»

In ihrem Bauernhaus in Walkringen kennt Daniela Moser jeden Winkel - ein Umzug in die Stadt kommt für sie deshalb nicht infrage. Foto: Adrian Moser

12. März 2020

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Die Bernerin Daniela Moser ist seit ihrer Kindheit blind. Deshalb profitiert sie besonders von der Digitalisierung.

Der Mensch verlässt sich meistens darauf, was er sieht. Daniela Moser nicht – sie verlässt sich auf ihr Gehör und ihren Tastsinn, denn sie ist von Geburt an blind. Sie sitzt in der Küche ihres Elternhauses in Walkringen und schenkt sich ein Glas Wasser ein. Dabei hält sie ihren Finger ins Glas, um die Menge abzumessen. Einer der vielen kleinen Tricks, den sie für den Alltag ohne Augenlicht braucht. 
Die 26-jährige Bernerin wirkt lebensfroh. Das war nicht immer so: Als Kind hatte sie eine schwere Zeit. Sie wurde dutzende Male an den Augen operiert und verbrachte viel Zeit im Spital. Statt auf dem elterlichen Hof herumzutollen, musste sie dann oft im Haus bleiben. Seit sie fünf Jahre alt ist, ist sie auf dem linken Auge komplett blind. Mit dem rechten Auge kann sie Farben erkennen und zwischen hell und dunkel unterscheiden. Moser erkennt zum Beispiel einen Fussgängerstreifen als gelben, verschwommenen Fleck am Boden. Die Ampel hingegen ist zu weit weg, als dass sie die Lichtsignale wahrnehmen könnte. Personen, die ganz nahe neben ihr sitzen, erkennt sie als dunkle Kontur. In der Blindenschule Zollikofen und in der Lehre als Kauffrau nagte die Frage «Warum gerade ich?» immer wieder an ihr. Andererseits kenne sie nichts anderes, sagt sie im Gespräch: «Für jemanden, der erst im Laufe seines Lebens erblindet, muss es viel schlimmer sein.»
Obwohl Moser nichts sehen kann, zeichnet sie für ihr Leben gern. «Wenn Du willst, zeichne ich Dir ein Pferd», sagt sie. Ein Tier könne sie anfassen und gewinne dadurch eine gewisse Vorstellung davon. Auf dem Papier sehe das Pferd zwar etwas abstrakt aus, aber das sei für sie nicht wichtig: «Ich habe meinen eigenen Weg gefunden, wie ich zeichne.» Schwierig wird es bei Motiven, die Moser nicht berühren kann: «Mir einen Regenbogen vorzustellen ist sehr schwierig.» Ihn zu zeichnen sei deshalb eine Herausforderung. Trotzdem probiert sie auch das. Nebst dem Zeichnen hört Moser sehr gerne Hörbücher, liest und singt in zwei Jodlervereinen. Im Winter stehe sie gerne auf die Ski. Dabei wird sie von einer eigens dafür ausgebildeten Person begleitet, die hinter ihr fährt und Anweisungen gibt. «Dafür braucht es viel Vertrauen in die Begleitperson», sagt Moser. Auch zum Joggen habe sie endlich jemanden gefunden, der sie begleitet. Die Suche dauerte lange, weil nur wenige es sich zutrauen, mit einer blinden Person joggen zu gehen. 
Moser arbeitet beim Blinden- und Sehbehindertenverband. «Für blinde Menschen ist es nicht einfach, eine Arbeitsstelle zu finden», sagt sie. Arbeitgebende könnten sich oft nicht vorstellen, dass eine blinde Person eine Tätigkeit genauso zufriedenstellend ausführen kann wie eine sehende Person. «Bei den Arbeitgebern herrscht noch eine grosse Berührungsangst», so Moser. Dabei haben Arbeitgebende keinen zusätzlichen Aufwand, wenn sie eine blinde Person anstellen. Die Beschaffung der Hilfsmittel, wie die Sprachausgabe auf dem Computer oder die Braillezeile, sei Aufgabe der blinden Arbeitnehmer und werde von der Invalidenversicherung übernommen.
Der Bauernhof der Familie Moser, der seit zwanzig Jahren nicht mehr betrieben wird, liegt etwas abgelegen auf einem Hügel oberhalb von Walkringen. Wäre es für Moser nicht praktischer, in der Stadt zu wohnen, wo sie auch arbeitet? «Ich bin in Walkringen aufgewachsen und kenne das Haus sehr gut», sagt Moser. Sich hier zu orientieren ist für sie kein Problem. In einer neuen Wohnung müsste sie zuerst lernen, sich zurechtzufinden. Dafür gibt es eigens Dienstleistungen, die Blinde in Anspruch nehmen können. Während solchen Trainings lernt die blinde Person zudem, wo sie in der Nähe einkaufen kann und wo die Verkehrsanschlüsse sind. «Es ist alles lernbar», sagt Moser.
Moser ist beruflich oft mit dem Zug unterwegs. Ihre wichtigsten Hilfsmittel sind dabei der Blindenstock und ihr Smartphone. Menschen, die nicht gut sehen, profitieren stark von der Digitalisierung. Zahlreiche Apps werden eigens für ihre Bedürfnisse entwickelt. Der Schweizerische Sehbehindertenverband (SBV) betreibt beispielsweise den «E-Kiosk», eine App, die sehschwachen Menschen Zugriff auf über 70 Zeitungen und Magazinen verschafft und sie ihnen vorliest.
Doch auch die integrierte Sprachausgabe ihres Smartphones leistet Moser gute Dienste: Sämtliche wichtigen Informationen kann sie sich vorlesen lassen, zum Beispiel die Gleisnummer ihres Zuges auf der SBB-App. Früher musste sie fremde Leute am Bahnhof ansprechen, damit sie ihr auf der Anzeigetafel die Gleisnummer ablesen konnten. Heute zückt sie einfach ihr Handy, wenn sie am Perron steht. Und kann sie in einer Alltagssituation doch einmal nicht auf sehende Augen verzichten, zum Beispiel, wenn sie vor dem Küchenschrank steht und zwei unterschiedliche Dosen nicht auseinanderhalten kann, benutze sie die App «Be my eyes». Die App nimmt per Videoanruf Kontakt mit einer sehenden Person auf, die dann Rat geben kann.
Um Nachrichten auf dem Handy zu schreiben, braucht Moser die Brailleschrift. Dabei erscheinen die sechs Punkte der Blindenschrift auf dem Bildschirm anstatt der herkömmlichen Buchstaben. Am Küchentisch lässt sie sich ein SMS vorlesen und stellt ihr geübtes Gehör unter Beweis. Die Sprachausgabe ist so schnell eingestellt, dass nur Moser etwas versteht. Über die verblüffte Reaktion der Autorin muss sie lachen. Dass sehbehinderte Menschen besser hören können als sehende, glaubt Moser aber trotzdem nicht: «Wer gut sehen kann, braucht bloss sein Gehör zu wenig.»

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