Lust und Hiebe

Bild: Saare Yosief

und 30. Mai 2018

Einvernehmlichkeit, Empathie und Toleranz sind die Begriffe, mit denen sich der BDSM-Stammtisch in Bern schmückt. Sadismus und Einvernehmlichkeit – ist das nicht ein Widerspruch? Ein Besuch am Stammtisch soll einen Einblick gewähren.

Die lauen Temperaturen laden zum Feierabendbier, die Bars und Beizen der Berner Innenstadt sind gut gefüllt. Ein frühlingshafter Dienstagabend wie jeder andere. Nur drehen sich die Gespräche an diesem Abend in der Bar «Select» um etwas nicht gerade Alltägliches. Einmal pro Monat trifft sich hier der Berner BDSM-Stammtisch. Die Abkürzung BDSM steht für die englischen Begriffspaare bondage und discipline (Fesseln und Disziplin), dominance und submission, (Dominanz und Unterwerfung) und sadism und masochism (Sadismus und Masochismus). Am Stammtisch sind aber auch FetischistInnen willkommen. Und an diesem Abend die bärner studizytig.

Eine sexuelle Veranlagung?

Hätte ich ein Defilee in Lack und Leder erwartet, wäre ich schwer enttäuscht worden. Das Erscheinungsbild der gut 25 Gäste an diesem Abend gibt keinen Aufschluss darüber, ob ich denn überhaupt in der richtigen Bar gelandet bin. Der Flyer für die nächste «Kinky-Zone Fetischparty Bern», der mir in die Hand gedrückt wird, zerstreut meine Zweifel dann aber schnell.

Doch was genau ist BDSM? Schwierig einzufangen sei es, zu divers die Bedürfnisse. Vom Adrenalinflash wie bei Extremsport ist die Rede, von der absoluten Hingabe oder Fokussierung auf das Gegenüber. Wichtig sei, und das betonen alle aufs Deutlichste, dass BDSM einvernehmlich stattfinde. Auch müssen die Spiele, die im Szene-Jargon auch Sessions genannt werden, nicht zwingend mit Sex zu tun haben. So wie es Sex ohne BDSM gibt, gibt es BDSM ohne Sex.

Trotzdem: Für ihn sei BDSM eine sexuelle Veranlagung, erklärt Bänz*. Schon in der Pubertät erregte ihn die Mischung aus Grobheit und Zärtlichkeit. Bänz ist ein Turm von einem Mann. Der pensionierte Handwerker ist noch immer muskulös. Lachfalten umspielen seinen Mund. Seinen Namen möchte er wegen seiner Kinder nicht in der Zeitung lesen.

Mittlerweile ist der Vater zweier Töchter geschieden. Seine frühere Partnerin hatte kein Interesse an BDSM-Praktiken. «Zuerst dachte ich, dass ich ihr zuliebe auf BDSM verzichten könnte. Schliesslich liebte ich meine Frau.» Doch ohne die Spiele fehlte ihm der entscheidende Reiz in ihrem Sexualleben. «Wäre die Sache mit dem BDSM nicht gewesen, wären wir vielleicht heute noch zusammen.»

Vor fast 20 Jahren fand er übers Internet Gleichgesinnte und kam mit der Szene in Kontakt. Auch seine heutige Partnerin lernte er übers Internet kennen. Sie leben eine gemässigte BDSM-Beziehung, in der die Sexual- und Beziehungsebene klar voneinander getrennt werden. Was auf der Beziehungsebene im Alltag passiert, hat mit ihrem Sexualleben nichts zu tun – und umgekehrt. Nur punktuell durchbrechen sie diese Trennung in gegenseitigem Einverständnis. «Wenn sie etwa eine Busse für zu schnelles Fahren bekommt oder wenn sie vergisst, mit mir anzustossen, de git’s ufs Füdle!» Schon auch mal mit dem Teppichklopfer oder dem Gurt, der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Der beste BDSM-Laden sei für ihn immer noch OBI. Aber auch die Landi oder Reitsport Bühler eignen sich gut. Letzterer wegen der grossen Auswahl an Peitschen.

Zu streng bestrafe er seine Freundin nicht. Ein paar blaue Flecken und einige Tage Schmerzen beim Sitzen gehen aber in Ordnung.

«Der beste BDSM-Laden ist immer noch OBI»

Ausgemachte Safewords sollen während der Sessions die devote Person schützen. Die dominante Person, auch Dom oder, wenn weiblich, Domse genannt, muss dieses Safeword zwingend respektieren. Nur so kann sich die devote Person, auch Sub, hingeben und nur so kann BDSM funktionieren.

Kommunikation als Schlüssel

Bänz teilt diese Intimitäten mit beeindruckender Offenheit. «BDSM heisst auch, ehrlich über seine Bedürfnisse zu reden.» Gerade wenn jemand etwas exotischere Bedürfnisse ausleben wolle, sei es wichtig, diese genau artikulieren zu können. Eine Fähigkeit, die viele Vanillas vermissen lassen. Vanillas ist die Szene-Bezeichnung für Nicht-BDSMlerInnen – die Muggles, wenn man so will. Der Begriff leitet sich vom beliebten Vanille-Eis ab. Geschmacklich zwar solid, aber eben auch etwas langweilig.

«Du bist also der, der über die Perversen schreiben will», begrüsst mich Lisa* scherzhaft, als sie sich zu Bänz, Rina und mir an die Bar gesellt. Die Frau mittleren Alters trägt ein starres ringförmiges Halsband, an dem ein kleinerer beweglicher Ring befestigt ist. Ein sogenannter «Ring der O», zurückgehend auf den BDSM-Roman «Geschichte der O», wie sie mir später erklärt. Einen weiteren solchen Ring trägt sie an der rechten Hand. Eine Domse würde ihn an der linken Hand tragen. «Damit er beim Schlagen nicht stört.»

Lisa staunt immer wieder über das Unvermögen der Vanillas, ihre Bedürfnisse mitzuteilen. Sie kenne viele Männer, die ihrer Freundin nicht einmal sagen können, dass sie auf Reizwäsche oder High Heels stehen. Für eine BDSM-Beziehung sei ein reger Austausch über die eigenen Gelüste aber unerlässlich. Nur wer genau sagen könne, welche Praktiken zur Anwendung kommen sollen, erlebe BDSM als befriedigend.

Die Kommunikation bei BDSM ist nicht zuletzt wegen des Gefahrenpotenzials essentiell. Fesselspiele oder auch Würgen sind weitverbreitete Praktiken und nicht ohne Risiko. Gerade bei neuen, relativ unbekannten Partnern muss man sich vor einer Session über Praktiken und Grenzen verständigen. Verbreitet ist in diesen Fällen auch das sogenannte Covering. «Wenn ich mich mit jemandem für eine Session verabrede, den ich noch nicht so gut kenne, kann es sein, dass ich etwa einer Freundin sage, dass ich sie um eine bestimmte Uhrzeit nach der Session anrufe, damit sie weiss, dass alles okay ist», erklärt die Stammtischleiterin Rina den Schutzmechanismus.

Bild: Levin Sommer

Auch bei der Interessensgemeinschaft BDSM Schweiz (IG) ist man sich der Gefahren bewusst. «Aber auch Klettern ist gefährlich», erklärt Simona, die den national tätigen Verein präsidiert. «Gefährlich wird es dann, wenn man nicht das nötige Know-How hat», erklärt die 31-Jährige. Deshalb organisiert die IG neben Parties auch Infoveranstaltungen und Workshops, in denen BDSMler und BDSMlerinnen lernen, gefahrlos Knoten zu knüpfen und sich anatomisches Grundwissen aneignen. Wo darf man nicht geschlagen werden? Wo verlaufen Nervenbahnen?

Gemeinsam Grenzen ausloten

So facettenreich die Praktiken, so unterschiedlich auch die Bedeutung, die BDSM im Leben der Anwesenden hat. Für die Buchhalterin Lisa ist BDSM die Lebenseinstellung, gemeinsam mit einem Partner Grenzen auszuloten. Entsprechend radikaler sind auch ihre Erfahrungsberichte. Acht Jahre lang lebte sie als Sklavin in einer sogenannten 24/7-Beziehung. Zu jeder Zeit musste sie Befehle ihres dominanten Partners entgegennehmen. Ihre Stellung als devote Dienerin empfand sie als lustvoll. Beim Besuch im vollen Restaurant verlangte er etwa, dass sie sich, von anderen Gästen unbemerkt, ihrer Unter-wäsche entledigte und ihm diese überreichte. Auf gemeinsamen Spaziergängen waren ihre Hände oftmals hinter dem Rücken zusammengebunden, ein übergeworfener Mantel verbarg die Fesseln.

Zu Beginn funktionierten ihre Abmachungen gut. Die permanente Unterwerfung lösten bei Lisa «voll das Flash aus.» Doch ihr Partner verlor zusehends den Respekt vor ihr, setzte sich wiederholt über die festgelegten Grenzen hinweg. Seine Schläge wurden härter – zu hart. Um ihrer Gesundheit willen musste sie die Liaison beenden. «Zu Beginn der Beziehung war sein Ziel, mich mit Schlägen zum Orgasmus zu bringen, gegen Ende der Beziehung wollte er mich mit Schlägen zum Weinen bringen. Das ist ihm auch gelungen.»

Auch Simona von der IG glaubt, dass solche 24/7-Beziehungen schwierig umzusetzen sind. Zwar kenne sie Paare, denen das gelingt. Doch es bestehe die erhöhte Gefahr, dass solche Beziehungen destruktiv werden.

Manche solcher Paare regeln ihre gegenseitigen Rechte und Pflichten in einem Sklavenvertrag. Zwar würde ein solcher Vertrag von einem staatlichen Gericht wahrscheinlich als sittenwidrig und somit wirkungslos eingestuft, weil sich rechtlich niemand seine Freiheit entäussern und zum Eigentum einer anderen Person werden kann. Aber solche Verträge können die Erwartungen der beiden Partner regeln, Strafen festlegen, Tabus bestimmen und sie können als Beweis der Einwilligung dienen. Denn auch der Dom oder die Domse setzt sich einer nicht unerheblichen Gefahr aus. Es wäre der devoten Person ein Leichtes, die blauen Flecken als Folgen häuslicher Gewalt darzustellen. Der Beweis des Doms, diese seien durch einvernehmlichen BDSM entstanden, gestaltet sich ohne schriftliche Einwilligung schwierig. Von solchen Fällen hat Simona auch schon gehört. Dennoch seien schriftliche Einwilligungen sehr selten. Auch sie selbst käme nicht auf die Idee, eine Vereinbarung zu verlangen. «Ich schaue einfach, dass ich solche Spiele mit Leuten mache, zu denen ich genug Vertrauen habe.»

«Warum sollte eine Person, die die einvernehmliche, gespielte Dominanz als erotisch erlebt, nicht auch an der übergriffigen Dominanz Gefallen finden?»

Eskalationen, wie sie Lisa schildert, seien Einzelfälle, und würden nur die Notwendigkeit guter Kommunikation unterstreichen. Bei Lisa scheinen sich solche Einzelfälle aber zu häufen. Bei einem Fesselspiel – Lisa hing kopfüber an der Decke – 
reagierte ein anderer Dom nicht auf das Safeword. Eine Taubheit im Fuss erinnert Lisa bis heute an diesen Vertrauensbruch.

Dass sich jemand wiederholt und ohne Konsequenzen über BDSM-Grundsätze hinwegsetzen könne, sei aber unwahrscheinlich, sagt Simona. Die Szene ist überschaubar: Der nationale Verband zählt 120 Mitglieder; auf Fetlife – dem Face-book für BDSM-AnhängerInnen und FetischistInnen – geben 14’000 Mitglieder einen Schweizer Wohnort an. «Die soziale Kontrolle funktioniert gut», erklärt Simona. Es spreche sich schnell herum, wer die schwarzen Schafe seien. Diese fänden nur schwer neue PartnerInnen.

Manche Leute hätten aber auch die Veranlagung, immer wieder in diese Opferrolle zu geraten, meint Rina. Statistisch seien derartige Vorkommnisse aber selten.

Solche Geschichten führen zum zweifelhaften Image der Szene. Jedoch klagt am Stammtisch kaum jemand über Ressentiments. Im Gegenteil: Viele würden mit leiser Bewunderung auf sein Outing reagieren, meint Bänz. Wohl weil er sich etwas getraue, dass manch einer gerne selber ausprobieren möchte. «Schliesslich steckt in jedem Menschen etwas BDSM, auch bei der Missionarsstellung ist jemand oben und empfindet diese Dominanz als lustvoll.» Und die gelegentlichen Sprüche, die Bänz von Arbeitskollegen zu hören bekam, waren nicht böse gemeint.

Auch dem Erfolg von «50 Shades of Grey» ist es zu verdanken, dass die Bekanntheit von BDSM zu- und die öffentliche Skepsis abgenommen haben. Zwar äussern sich alle der am Stammtisch auf die Roman-Trilogie angesprochenen abfällig. Sie zeige nicht, was BDSM wirklich sei. «Doch wenn es zu etwas mehr Interesse an BDSM führt, ist das gut», meint Rina. Gerade die Anzahl junger Leute, die mit BDSM etwas sexuelle Abwechslung erfahren wollen, habe seit den Büchern und Filmen zugenommen.

Dennoch: In der Öffentlichkeit besteht durchaus Ablehnung. So verlassen denn auch zwei Herren am Nebentisch naserümpfend das Stammtischlokal, als ihnen bewusst wird, wo sie gelandet sind. Auch Lisas Familie reagierte mit Ablehnung auf ihr Outing. Ihre sexuellen Neigungen sind ein Tabuthema. Aus diesen Gründen führt die IG eine Liste mit Fachkräften, wie ÄrztInnen oder AnwältInnen, die BDSM gegenüber positiv eingestellt sind. Zudem sind nicht alle Berufsfelder gleichermassen BDSM-freundlich: Gerade in sozialen Berufen ist ein Outing heikel. Deshalb lassen Bänz und seine Freundin, die als Lehrerin arbeitet, auch die Fahrt auf dem Torture Ship auf dem Bodensee aus. Die schwimmende BDSM- und Fe-tischparty ist ein gefundenes Fressen für die Boulevardpresse. Das Risiko, dass Eltern ihrer SchülerInnen sie in der bildintensiven Berichterstattung erkennen könnten, will die Lehrerin nicht eingehen.

Gegenseitiger Respekt

Durch ihre Stellung als Vereins-präsidentin kennt Simona die Fehlvorstellungen, die in der Öffentlichkeit noch vorherrschen. Nach einem aufsehenerregenden Gewaltverbrechen, das gewisse SM-Elemente beinhaltete, war Simona als «Expertin» gefragt und musste den Medien erklären, dass BDSM-Praktiken, gegen den Willen einer Person ausgeübt, mit BDSM nichts zu tun haben. Doch die Frage drängt sich auf: Warum sollte eine Person, die die einvernehmliche, gespielte Dominanz als erotisch erlebt, nicht auch an der übergriffigen Dominanz Gefallen finden? Bietet BDSM potentiellen Gewalttätern einen niederschwelligen Einstieg? Oder umgekehrt: eine Therapieform?

«Weder noch», meint Simona. Sadismus gegen den Willen einer Person und einvernehmlicher Sadismus seien zwei komplett verschiedene Dinge.

Zum einen hätten die einvernehmlichen SadistInnen nur dann Spass, wenn der oder die andere auch etwas davon habe. «In dem Moment, wo es dem anderen nicht mehr gefällt, macht es auch mir keinen Spass mehr.» Hingegen würde es den nicht-einvernehmlichen SadistInnen erst dann Spass machen, wenn sie eine Grenze überschreiten. Simona glaubt nicht, dass SadistInnen im medizinischen Sinn an einer BDSM-Party Freude haben würden.

Bild: Levin Sommer

Zum anderen sollen erotische Phantasien längst nicht immer Wirklichkeit werden. «Wenn jemand eine Vergewaltigungsphantasie hat, heisst dies nicht, dass diese Person tatsächlich vergewaltigt werden möchte.»

Gerade von den Medien würde sich Simona eine differenziertere Berichterstattung wünschen. Doch auch die WHO listet Sadomasochismus noch als Störung der Sexualpräferenz. Die Einvernehmlichkeit spielt hierbei keine Rolle. Auch die schweizerische Gesetzgebung differenziert nicht: Im «Pornografie-Artikel» des Schweizerischen Strafgesetzbuchs wird der blosse Konsum von pornografischem Material, das Gewalttätigkeiten beinhaltet, unter Strafe gestellt. Solche Bestimmungen würden zu kurz greifen und schadeten letztlich den BDSM-AnhängerInnen.

So komplex und vielseitig sich die Szene auch gibt: Ist BDSM nicht Ausdruck einer Sehnsucht nach klaren Rollen in einer immer unübersichtlicheren Welt?

Doch Simona gibt zu bedenken: «Es stellt sich die Frage, wer in einem Spiel wirklich die Oberhand hat. Der aktive Part bestimmt zwar oberflächlich, was gemacht wird, aber nur in dem Rahmen, den der Passive zur Verfügung stellt.»

«In dem Moment, wo es dem anderen nicht mehr gefällt, macht es auch mir keinen Spass mehr.»

Auch sei es ein Klischee, anhand des äusseren Lebenswandels einer Person bestimmen zu können, welche Rolle sie in einem BDSM-Spiel einnimmt. Das Bild, wonach sich der Hilfsarbeiter nach der dominanten Rolle sehnt, während sich die Verwaltungsratsvorsitzende unterwerfen wolle, treffe nicht immer zu. Auch sei kein Muster erkennbar, nach dem Männer etwa vermehrt in die dominante und Frauen in die devote Rolle schlüpfen. Dazu kommt, dass sich auch viele Personen als Switch bezeichnen, also je nach Spiel und PartnerIn eine andere Rolle einnehmen. So auch Simona selbst. BDSM bietet so die Möglichkeit, sich und seine Partnerin oder seinen Partner in verschiedenen Rollen zu erleben und neu zu entdecken.

Als einer der letzten verlasse ich das Lokal an jenem Dienstagabend. «Geile Albträume», werden mir zum Abschied gewünscht. Diese bleiben aus. Doch das Bild einer Gruppe von herzlichen Menschen wird bleiben.

*Name geändert

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