Lieber Experte #1

Illustration Experte

Illustration: Tobias Bolliger, www.tobiasbolliger.ch

05. Oktober 2015

Von und

Maria (27) aus Bern (BE) fragt:
Wieso liegt hier Stroh rum?

Liebe Maria,

Fragen wir uns nicht alle gelegentlich, wieso hier Stroh liegt? Und jedes Mal bleibt uns das Universum eine Antwort schuldig und wir fühlen uns, als würde die geballte Sinnlosigkeit des Seins danach trachten, uns zu ersticken. Aber ich als Experte für auflodernden Nihilismus, allgemeine Daseinsbeschissenheit und Pornodialoge, weiss selbstverständlich, wieso hier Stroh liegt. Die Frage nach dem Stroh entstammt originär dem Werk «Achtzehneinhalb 18» – dem, wie der renommierte Filmkritiker Waldemar Fürchtegott Hardwigsen schreibt, «kulturellen Höhepunkt von 5000 Jahren Zivilisationsgeschichte». In der wohl berühmtesten Szene wird die, von einem maskierten Herrn formulierte, Strohfrage von einer leichtbekleideten Dame mit der Gegenfrage «Wieso hast du eine Maske auf?» gekontert. Dann herrscht beidseitige Ratlosigkeit, bis der Maskierte gekonnt das peinliche Schweigen überwindet: «Na dann blas mir doch einen…» Ein rhetorischer Kniff übrigens, den der Experte auch empfiehlt, wenn man bei einem Bewerbungsgespräch von einer Frage auf dem falschen Fuss erwischt wird – nicht rumdrucksen, Spontanität demonstrieren!

Aber taminomau! Wieso liegt denn jetzt da Stroh rum?! Nun, weil «er» eine Maske trägt. Jetzt laufen wir Gefahr, uns im infiniten Regress zu verlieren. Aber der Experte weiss zum Glück, wieso «er» eine Maske trägt: Aus demselben Grund, wieso die Jungs von Enzian Sturmhauben tragen, wenn sie dir die Tür eintreten – um beim «professionellen Eindringen» die eigene Identität zu schützen. Obwohl der Regisseur Nils Molitor alles andere als erfreut war, dass der Maskierte maskiert auf dem Set erschien und nicht minder maskiert drehen wollte, gab er schliesslich nach. Denn der Maskierte sei zu gut bestückt gewesen, um ihm den Wunsch auszuschlagen. Man habe dann eben improvisiert und einfach «richtig Trash» gemacht. Selbst in Pornodialogen scheint also noch Luft nach unten vorhanden zu sein. Letzten Endes ist die Szene – auf die du, liebe Maria, dich beziehst – vor allem ein schönes Beispiel für phatische Kommunikation: Der Inhalt der ausgetauschten Worte ist dabei völlig wumpe, es geht um den reinen Austausch. Ein Mindestmass an sozialer Interaktion muss eben sein, bevor Körperflüssigkeiten ausgetauscht werden. Es ist schliesslich ein Porno und nicht tinder.

Ich hoffe, ich konnte helfen.

Phatische Grüsse,

Dein Experte

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