Ohne Heute kein Morgen

zukunfts_teleskop

Bild: zvg.

20. Oktober 2016

Über unsere Vorstellung vom «Jetzt» und die Frage,  ob es dies in der virtuellen Welt überhaupt geben kann. Ein Gastbeitrag.

Jeder von uns meint zu wissen, was Zeit ist. Schliesslich bedarf es einer Zeitachse, damit wir Vorkommnissen eine Dauer zuschreiben können, die irgendwann anfangen und irgendwann aufhören. Ob wir nun über Erinnerungen nachdenken, weit zurück in die Vergangenheit blicken, oder Vorstellungen über zukünftig eintretende Ereignisse ausarbeiten; stets orientieren sich diese an unserer individuellen Zeitachse. Unsere Zeitvorstellung zeichnet sich dadurch aus, dass sie als einziger, gleichmässig-kontinuierlicher Strang immer von der Vergangenheit über die Gegenwart hinweg auf die Zukunft gerichtet ist. Die Philosophin Karen Gloy schrieb zu unserer Zeitvorstellung: «Sie nimmt die Gesamtheit der Gegebenheiten der Welt in sich auf und ordnet sie hinsichtlich ihrer Stellung und ihres Verhältnisses zueinander. Wie Newton sich den Raum als eine unendlich grosse Weltschachtel vorstellte, die alle räumlichen Dinge in sich aufzunehmen qualifiziert war, so stellte er sich die Zeit als einen unendlich grossen, ewigen Zeitfluss vor, der alle zeitlichen Dinge in sich enthalten sollte. Die Einsteinsche Relativitätstheorie hat uns belehrt, dass die Vorstellung einer einzigen, unendlichen Zeit eine Idealvorstellung ist, eine Hypothese, und die tatsächliche Zeitordnung von Früher, Später und Gleichzeitigkeit vom jeweiligen Bezugssystem abhängt.» (Karen Gloy, Philosophiegeschichte der Zeit, Wilhelm Fink Verlag München, 2008, S.15)

Gemäss der Relativitätstheorie ist unsere Zeitwahrnehmung abhängig vom Betrachter, ähnlich wie die Perspektive eines Raumes auch vom Standort des Betrachters abhängt. Doch was bedeutet das für unser alltägliches Leben? Schliesslich setzt diese Art der sogenannten «relativistischen» Zeit eine Spaltung zwischen dem erkennenden Ich (Subjekt) und der erlebten Aussenwelt (Objekt) voraus. Und wie verhält sich dieser Umstand, wenn wir gerade in der «virtuellen Welt» sind?

Nicht-lineare Zeitvorstellungen?

Auch die vorsokratische Kultur kannte keine zukunftsgerichtete Zeit. Vielmehr war diese als ewiger Kreislauf zyklisch verstanden worden. Hier wiederholen sich die Abläufe in der Natur, in welcher der Mensch unmittelbar Teil dieser ist und keine Distanz zwischen Subjekt und Objekt angenommen wird.

Auch bei der Zeitvorstellung gemäss der Speziellen Relativitätstheorie handelt es sich um eine nicht-lineare Zeitvorstellung. Unter dem Stichwort «Multitemporalität» versteht man seit Anfang des 20. Jahrhunderts einen Zeitfächer, welcher überall gleichzeitig besteht und jederzeit alle zeitlichen Momente umfasst. Gloy umschreibt diese Auffassung als Beispiel einer menschlichen Entscheidungssituation folgendermassen: «Jede menschliche Entscheidung wird in jeder möglichen Weise zugleich getroffen, so dass der Mensch auf allen Pfaden zugleich wandelt, auch wenn er nachher nur den Pfad seiner Entscheidung kennt und dessen physische und moralische Folgen zu tragen hat.» (ebenda, S.34) Der Unterschied zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wird bei dieser Auffassung der Speziellen Relativitätstheorie aufgehoben, da die Zeit als vierte Raumdimension verstanden wird. Im Alltag erfahren wir dennoch das Frühere und das Spätere als unterschiedlich, nur deswegen scheinen wir ständig «zu wenig Zeit» zu haben.

Virtuelle Zeit

Mobile Kommunikation und soziale Medien schaffen virtuellen Raum und virtuelle Zeit, welche auf dem territorialen Raum übereinanderliegen. Unsere oftmalige Verknüpfung mit den sozialen Medien kreiert einen virtuellen Raum: Physisch sind wir zwar anwesend, während wir auf unser Smartphone oder Computer starren, aber dennoch abwesend, weil wir in eine virtuelle Unterhaltung vertieft sind. Auch dadurch bedingt, dass wir ständig von Nachrichten, SMS, etc. unterbrochen werden, benutzen wir die Zeit selten für die Einkehr in eine einzige, langanhaltende Tätigkeit. Multitasking bedeutet auch eine Fragmentierung der Zeit, was von vielen Personen als «stressig» empfunden wird. Räumliche Distanzen können durch den blitzschnellen Austausch von Nachrichten überwunden werden, die Internettelefonie ermöglicht gar Ferngespräche über alle Zeitzonen hinweg zum Nulltarif. GPS-Systeme ermöglichen uns eine sorglose Orientierung, welche nicht nur beeinflusst, wo wir hingehen, sondern auch unsere Wahrnehmung der Durchgangsorte bestimmt: Wir tendieren dazu, uns nicht so sehr umzuschauen, da uns das Navi ohnehin ans Ziel führt und eine fortlaufende Orientierung den Wegstrecken entlang überflüssig erscheint.

Es gibt viele Formen, wo virtueller und physischer Raum aneinander reiben, ebenso wie dies gleichzeitig mit der Verschmelzung von privater und öffentlicher Sphäre der Fall ist. Die Gemeinsamkeit dieser unterschiedlichen Formen liegt darin, dass sie sich auf die Gegenwart, teils mit der nahen Zukunft im Auge, beziehen. Die Vergangenheit wird sogar geringschätzend, als «nicht mehr aktuell», und irrelevant abgetan oder gar nicht erst thematisiert. Wenn wir also scheinbar alle derart intensiv «im Jetzt» leben, sollten wir auch die Frage beantworten können, was «das Jetzt» ist.

Dein Jetzt ist nicht mein Jetzt

Philosophisch fächert sich die Frage, was «das Jetzt» ist, unter anderem in Folgendes auf: Erstens fragt sich, welche besondere Beschaffenheit «das Jetzt» hat. Zweitens interessiert, welche Dimensionen «das Jetzt» hat und, im Sinne der Vorsokratiker, wie kurz es ist. Schopenhauer und Nietzsche hingegen untersuchten die Frage, wie «ewig» das «Jetzt» ist, Hegel und McTaggart wiederum seine Flüchtigkeit.

Immanuel Kant und Albert Einstein fragten sich, wie allgemein das «Jetzt» ist. Letztere Frage zielt darauf ab, ob dein «Jetzt» auch mein «Jetzt» ist. Das «Jetzt» ist also «allgemein», wenn zwei Personen zum selben Zeitpunkt «jetzt» sagen und dabei auf denselben Moment und Zustand des Weltgeschehens verweisen. Wie bereits angedeutet, widerspricht Albert Einsteins Relativitätstheorie dieser Allgemeinheit des «Jetzts». Wenn sich der jeweilige Betrachter relativ auf ein spezifisch eigenes «Jetzt» bezieht, ist dein «Jetzt» nicht mein «Jetzt». Eine Variante wäre es, vom «Hier-und-Jetzt» zu sprechen und somit die Ortsunabhängigkeit aufzugeben.

Apropos Ortsunabhängigkeit: Ist es nicht genau diese, welche unsere virtuelle Welt auszeichnet? Und bedeutet das nun, dass wir die Idee vom «Jetzt», welches für dich und mich dasselbe ist, in der virtuellen Welt aufgeben müssen? Es scheint so, als wäre der Umgang mit der virtuellen Welt der Weg der Menschheit, sich von der Vorstellung der ortsgebundenen Raumzeit mit einer linearen Abfolge von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu lösen und durch die nicht-ortsgebundene «Lichtzeit» zu ersetzen.

Mehr Zukunft, bitte!

Du Interessierst dich trotzdem für die Zukunft? Auf dem Blog «Zukunft» von philosophie.ch findest du viele weitere Beiträge zum Thema, beispielsweise dazu, wie die Zukunft der Arbeit aussehen wird, weshalb wir das Unerwartete brauchen, ob uns der Datenschutz überhaupt eine individuelle Zukunft ermöglicht, oder welche Rolle Utopien für unsere Zukunft spielen. Text: anja leser, philosophie.ch, bild: zvg

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