«Der Kühlschrank ist aus Bier gemacht»

Foto Tom Hiller, www.ht-solutions.ch

29. November 2019

Von

Ein junger Theaterverein aus Bern inszeniert ein Stück über das Leben in den Roaring Twenties des Lebens und das Erwachsenwerden. Das Stück «Robin – Eine Performance zu unseren Zwanzigern» ist genauso eine Hommage an einen Lebensabschnitt, wie es eine kritische Auseinandersetzung damit ist. Und das ist absolut sehenswert.

Wie erwachsen bist du? Diese Frage steht am Anfang des Stücks. Sie erscheint auf der Leinwand über der Bühne in einer Form, die vielen während der einen oder anderen dröge-repetitiven Vorlesung auf dem einen oder anderen Bildschirm der Mitstudierenden begegnet ist: ein Buzzfeed-Quiz. Und genau so gebannt wie im Vorlesungssaal schauen wir auch im Theater zu, wie die Fragen beantwortet werden. Damit ist eines der wichtigsten Themen des Stücks «Robin – Eine Performance zu unseren Zwanzigern» schon mal ins Zentrum gestellt: Erwachsen werden und Erwachsen sein – manchmal beides zugleich. «Robin» ­– das ist eine Inszenierung von fünf Texten über die Jahre zwischen Zwanzig und Dreissig. Fünf Berner Autor*innen, die alle an unterschiedlichen Punkten ihrer persönlichen Zwanzigerjahre stehen, haben die Texte eigens für diese Produktion geschrieben. Das Konzept dazu haben Maria Kattner (Regie) und Lea Seiz (Dramaturgie) erarbeitet. Zusammen mit Ludmila Malach (Produktion) wurden die Texte dann in Zusammenarbeit mit den Schauspieler*innen für die Bühne adaptiert.
 
Ein Bunburyaner-Original

Hinter der Produktion steht der Theaterverein Bunburyaner. Der Name ist eine Anspielung auf Oscar Wildes «The Importance of Being Earnest» – das erste Projekt des Vereins. Die Bunburyaner haben sich 2018 im Umfeld von Studierenden der Theaterwissenschaften formiert. Nach eigener Aussage steht für sie die Freude am Spiel und am kreativen Austoben im Zentrum. Der Verein steht für alle offen und für jedes Projekt finden Auditions statt, an denen teilnehmen kann, wer will.
Obwohl der Verein erst seit etwas mehr als einem Jahr besteht, bespielt er mit «Robin» nun schon zum dritten Mal die Bühne – nach zwei Produktionen in der Aula des Schulhauses Lebermatte nun jedoch zum ersten Mal jene des Theater Remise und zum ersten Mal mit einem Bunburyaner-Original.

Wer ist Robin?

Die Inszenierung ist insgesamt sehr rhythmisch gestaltet: Von Live-Musik begleitet, erzählt das Ensemble mittels Tanzchoreographien, Dialogen, Monologen und ganz klassischen Theaterszenen aus dem Leben von Robin. Robin wird von allen acht Schauspieler*innen gespielt – mal alleine, mal zu zweit, mal alle zusammen, denn Robin ist nicht eine bestimmte Person, vielmehr steht Robin stellvertretend für junge Erwachsene zwischen zwanzig und dreissig Jahren. Der Name wurde auch deshalb gewählt, weil er genderneutral ist.
Der erste Dialog beginnt, kurz vor Robins zwanzigstem Geburtstag, mit den Erwartungen an das kommende Jahrzehnt. Alles wird sich ändern: die Freiheit, das Liebesleben, das Berufsleben. «Ab Mitternacht. Punkt Zwölf.» Diese Idealvorstellung der Zwanzigerjahre wird natürlich in der Folge relativiert. Dies geschieht auch durch das Spiel mit Klischees. Manchmal werden sie gebrochen, manchmal aber auch bestätigt. Dabei wird durchaus auch Kritik an der eigenen Generation geübt. Etwa wenn es um Selbstfindungsreisende geht, die ihre eigenen Privilegien nicht hinterfragen, übernimmt die Projektion an der Leinwand die Kommentarfunktion, die in der griechischen Tragödie der Chor innehat. Das Ganze entwickelt einen solchen Sog und ein solches Tempo, dass man sich alsbald unvermittelt am Ende sieht: vor dem Dreissigsten Geburtstag. Und wieder ist die Hoffnung auf Veränderung Gross – ein besseres Gehalt, die Rechnungen werden pünktlich gezahlt und die eigene Arbeit wird mit Anerkennung belohnt.
 
Die Kinder des Neoliberalismus

Die grösste Stärke des Stücks liegt wohl darin, ein Lebensgefühl auf der Bühne zu veranschaulichen und fühlbar zu machen. Dieses Lebensgefühl besteht etwa aus der Diskrepanz zwischen Freiheit und Verantwortung; dem Hin und Her zwischen kindlicher Naivität und erwachsenem Realismus: Während die einen die grosse Liebe gefunden haben und heiraten, suchen andere noch sich selbst. Ist es also ein zeitloses Stück über das Erwachsenwerden? Sicherlich, in Manchem werden sich auch jene (weit) jenseits der Dreissig wiederfinden. Das Lebensgefühl, das hier vermittelt wird, ist aber das Lebensgefühl einer bestimmten Generation. Einer Generation, die in eine Welt hineingeboren wurde, die geprägt ist vom Neoliberalismus. Eine Generation, die nichts Anderes kennt und nun besonders an dessen Folgen leidet. Dies wird etwa dann offenbar, wenn Robin Zukunftsängste plagen; welche Perspektiven bleiben nach einem Studium der Geisteswissenschaften? Ein Leben im Prekariat? Oder ein Job, der so gar nichts mit der Ausbildung zu tun hat und bei dem Robin «Excel arbeiten» muss? Das Lebensgefühl derer, die in einer durchneoliberaliserten Welt aufgewachsen sind, zeigt sich auch im Leiden Robins unter den Erwartungen an die Zwanzigjährigen. Wegen der Ausschlachtung von Jugend und Jugendlichkeit durch Werbung und Medien wird Jungsein – genau wie das Theater selbst – zur Performance. Denn von überall her schallt es «Geniesse dein Leben!» und «Du wirst nie mehr so frei sein.» In diesem Kontext heisst sein Leben geniessen vor allem konsumieren, aber auch Erfahrungen sammeln, um diese später im Beruf verwerten zu können. So hat «die schönste Zeit des Lebens» das Potential zum selbstausbeuterischen Horrortrip zu werden.
 
Wiedererkennung für die Einen, Nostalgie für die andern

Zugegeben, das klingt jetzt ziemlich düster und trist. Zwei Attribute, mit denen das Stück jedoch so gar nicht beschrieben werden kann. Im Gegenteil: Nach einer Performance mit viel Witz und Freude am Spiel steigt das Publikum erheitert aus den Sitzen. Neben all der Kritik und Selbstreflexion ist das Stück nämlich vor allem eine Hommage an die Zeit, die manche als die prägendste ihres Lebens bezeichnen würden. Fragt sich nur, an wen sich das Stück eigentlich richtet. Junge Erwachsene zwischen Zwanzig und Dreissig werden bestimmt ihren Gefallen daran haben, spricht «Robin» dieser Generation doch so oft aus der Seele. Für diejenigen, die ihre Zwanzigerjahre schon hinter sich haben, lohnt es sich schon nur für das nostalgische Schwelgen in Erinnerungen. Im Idealfall nehmen sie aber gerade die Unterschiede zur eigenen Jugendzeit wahr und verlassen das Theater mit etwas mehr Verständnis für unsere Generation. Und die unter zwanzig Jährigen? Die können sich nach dem Theaterbesuch vielleicht etwas besser vorstellen, was auf sie zukommt. Und sie können sich freuen, denn es wird alles anders. «Ab Mitternacht. Punkt Zwölf.»
 
 
 
«Robin – Eine Performance zu unseren Zwanzigern» wird an folgenden Daten im Theater Remise an der Laupenstrasse 51, 3008 Bern aufgeführt:
29.11.19 (Ausverkauft)
30.11.19
06.12.19
07.12.19
jeweils 20:00 Uhr

Hinterlasse einen Kommentar


wpDiscuz