Wie wird hier eigentlich internationalisiert?

Sie setzt die Internationalisierungsstrategie der Universität Bern um: Ellen Krause hinter dem Infodesk der internationalen Abteilung. bild: fabio endrich

17. Oktober 2019

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Die Universität Bern will internationaler werden und wirbt verstärkt um Studierende und Forschende aus dem Ausland. Für Geflüchtete bleiben die Hürden zum Studium allerdings unverändert hoch. Basisorganisationen fordern Massnahmen.

Das Tor zur Welt verfügt über einen Infodesk mit Hochglanzbroschüren. «Die Welt steht ihnen offen», steht da etwa geschrieben, oder: «Neues entdecken. Perspektiven verändern». Mittlerweile arbeiten 14 Personen für die internationale Abteilung der Universität Bern. Sie pflegen Partnerschaften mit Universitäten weltweit, reden in internationalen Wissenschaftsnetzwerken mit und entwickeln Programme, welche die Universität Bern attraktiver für internationale Studierende und Nachwuchsforschende machen sollen. «Die Universität Bern erzielt in Lehre und Forschung hervorragende Leistungen», sagt Abteilungsleiterin Ellen Krause. «Wir arbeiten mit daran, dass diese Leistungen auch international wahrgenommen werden.»

Aufgrund mangelnder Parkplätze empfiehlt die internationale Abteilung statt dem Auto das Fahrrad zu benutzen.

Vor zwei Jahren hat die Unileitung der Abteilung zusätzliche Mittel gesprochen und mehrere neue Projektstellen eingerichtet. Mit dem Geld lancierten Krause und ihr Team unter anderem eine Website für ein internationales Publikum. Diese enthält nützliche Infos für Studium und Arbeit in der Stadt Bern. Aufgrund mangelnder Parkplätze wird beispielsweise empfohlen anstatt des Autos das Fahrrad zu benutzen. Dazu gibt es Lesetipps zum besseren Verständnis von «Schweizer Kultur und Mentalität». Finanziert werden neu auch jährliche Summer Schools für vorwiegend internationale Studierende. «Früher war die Pflege der internationalen Beziehungen den einzelnen Fakultäten und Instituten überlassen», sagt Krause. «Seit ein paar Jahren legt die Unileitung explizit Wert darauf, dass auch die Universität als Ganzes international mitspielt.»

Integration in den Niedriglohnbereich

Was geschieht hier gerade? Wie wird da ‹internationalisiert›? Und für wen hat die Uni Bern diese Willkommenswebsite gestaltet? Eine Antwort auf diese Fragen gibt Ganga Jey Aratnam. Der Soziologe interpretiert die Bemühungen der Universität Bern als Ausdruck eines international stattfindenden «War for Talents»: Während die Schweizer Wirtschaft früher vor allem an Arbeitsmigration in den Niedriglohnsektor interessiert war, gehe es ihr seit den 1990er Jahren im Kontext von Wissensökonomie und High-Tech-Industrie vermehrt darum, hochqualifizierte Arbeitskräfte aus dem Ausland zu rekrutieren.

Als Aboalros sein Studium an der Universität Bern fortführen wollte, erhielt er eine Absage.

Dieser Trend zeigt sich auch im Bildungsbereich. Das Resultat: Je höher der akademische Grad, desto höher der Anteil von Ausländer*innen an Schweizer Hochschulen. Bloss sage diese Zahl nichts über die Bildungschancen von Migrant*innen aus, die nicht über Studierendenvisa, sondern beispielsweise über das Asylsystem in die Schweiz gelangen. «Weil ihre Diplome von der Schweiz nicht anerkannt werden, machen viele dieser Menschen bei ihrer Migration einen Dequalifizierungsprozess durch», sagt Jey Aratnam. «Gleichzeitig fokussieren die meisten Arbeitsintegrationsprogramme für Geflüchtete auf den Niedriglohnbereich.»

Dies bestätigt auch Ahmad Aboalros. Er sitzt im Studierendencafé Parterre, einen Steinwurf von der internationalen Abteilung der Uni Bern entfernt. Aboalros hat während vier Jahren Sozialwissenschaften in Damaskus studiert. Bis in Syrien der Krieg ausbrach und Aboalros in die Schweiz flüchtete. Doch als er an der Universität Bern sein Studium fortführen wollte, erhielt er eine Absage. Die Universität anerkannte zwar seine Leistungen aus dem Studium in Damaskus und hätte ihm 120 Kreditpunkte gutgeschrieben. Aber sie akzeptierte seine syrische Matura nicht. «Die Uni Bern erklärte mich gleichzeitig für tauglich und für untauglich für das Studium», sagt Aboalros. «Das ist total widersprüchlich.»

Nach der Absage machte sich Aboalros daran, die eidgenössische Matura nachzuholen. Während zwei Jahren stand er jeweils um fünf Uhr morgens auf und pendelte von Bern nach Zürich. Nachdem dies nicht geklappt hatte, verabschiedete er sich widerwillig vom universitären Weg und suchte nach einem passenden Fachhochschul-Studium. Weil er dafür ein Sprachdiplom benötigte, besuchte er während mehreren Monaten einen Deutsch-Intensivkurs in Stuttgart auf der Stufe C2, für dessen Finanzierung er sich mehrere tausend Franken vom Roten Kreuz lieh.

Diesen Herbst konnte er endlich sein FH-Studium der sozialen Arbeit aufnehmen. Rückblickend sagt er: «Ich hätte in dieser Zeit mehr Unterstützung benötigt. Nicht nur finanziell, sondern auch in Form von Beratung.» Die Berner Hochschulen böten zwar zahlreiche Sprachkurse an und verfügten über ein ausgebautes Coaching-Angebot für Studierende und Mitarbeitende. Doch diese Kurse stünden nur immatrikulierten Studierenden offen. «Die Berner Hochschulen könnten dieses Angebot für Studieninteressierte öffnen», empfiehlt Aboalros. «Damit wäre vielen geholfen.»

SUB fordert Verbesserung der Situation

Ähnliche Vorschläge macht Valeria Pisani. Sie leitet das Programm «Offener Hörsaal» der Studierendenschaft (SUB), das einzige Angebot für geflüchtete Personen an der Universität Bern. Der «Offene Hörsaal» ermöglicht Studieninteressierten mit Fluchthintergrund, Uniluft zu schnuppern. Nur: Über die Zulassung zu einem ‹echten› Studium und damit über die Vergabe von Abschlussdiplomen entscheidet die Unileitung.

Und hier sind die Hürden für viele fast unüberwindbar hoch. Pisani fordert deshalb von der Unileitung, die Verbesserung des Hochschulzugangs von Geflüchteten in die zukünftige Internationalisierungsstrategie zu integrieren, welche sich gegenwärtig in Vorbereitung befindet. Sie verweist auf das Beispiel der Universität Genf. Diese biete geflüchteten Studieninteressierten während einem Jahr ein umfassendes Einführungsprogramm mit Beratungsangeboten und Sprachkursen an. In Genf sei es zudem möglich, während des Einführungsprogramms gesammelte Kreditpunkte später als Studienleistungen anzurechnen. Und schliesslich verfüge die Universität Bern auch in ihrer Zulassungspraxis über Entwicklungspotenzial. Pisani nennt Deutschland als Beispiel, wo syrische Maturitätszeugnisse nicht kategorisch abgelehnt würden, sondern ab einem gewissen Notenschnitt zum Hochschulstudium befähigten. Die SUB-Vorständin sagt: «Die Universität Bern hat es bislang verpasst, ihre Internationalisierungsbestrebungen im Sinne der Chancengleichheit zu erweitern. Jetzt wäre der richtige Zeitpunkt, um dies zu tun.»

Die Universität Bern begrüsse das Engagement der SUB, schreibt ihre Medienstelle auf Anfrage. Zu den konkreten Vorschlägen wollte die Unileitung 
allerdings keine Stellung beziehen.

 

 

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Mitmachen beim Offenen Hörsaal: Das Projekt Offener Hörsaal richtet sich an geflüchtete Studieninteressierte und Studierende der Universität Bern. Die SUB möchte mit diesem Projekt geflüchteten Studieninteressierten einen Zugang zu Bildung und Gesellschaft bieten. Möchtest du teilnehmen, eine Person als Mentor*in begleiten oder das Projekt unterstützen? Dann melde dich unter offener-hoersaal@sub.unibe.ch Mehr Infos auf sub.unibe.ch

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Dieser Text erschien in der bärner studizytig #17 Oktober 2019

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