Randspalte #3

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13. Oktober 2017

Von
Facebook versucht sein Image als Datenkrake neuerdings mithilfe von Zeitungsinseraten abzuschütteln.

Jede Seite hat die Diagonale eines Segels, jede Zeile die Spannweite eines Albatros’. Es gibt hier keine Randspalten, denn selbst jeder Fünfzeiler in der Zeit übersteigt die Zeichenzahl der ersten vier Kapitel von James Joyce’s Ulysses. Umständlich wälze ich die hauchdünnen Papiere im Überformat und muss dabei achtgeben, dass mir die Zeitung nicht die Tischkante herabrutscht.

„Alle Bilder die du auf Facebook postest gehören nicht uns, sondern dir“, sagt mir ein halbseitiges Inserat, eine Frau in Schlaghose lächelt mich an. Sie trägt einen Schlüssel um den Hals, hinter ihr öffnet sich die Tür zu einem Tresor, in dem sich in der Dunkelheit die Silhouetten von Bildern abzeichnen. Facebook verklickert mir ich besässe den Schlüssel zu meinen eigenen Bildern und diese könnte ich – weil ich ja den Schlüssel besitze – auch gegen unbefugten Zugriff schützen. „Wir beide“, heisst es, hätten einen Vertrag abgeschlossen, der es Facebook verbiete meine Bilder zu verkaufen. Als hätte ich mit Mark Zuckerberg persönlich nach schweisstreibender Diskussion unter Gleichen einen Vertrag mit Handschlag besiegelt. Dabei habe ich unter die vorformulierten Nutzungsbedingungen bei meiner Registration auf der Plattform aller Plattformen lediglich einen Haken gesetzt, ohne Schweiss und ohne Diskussion, nicht einmal gelesen habe ich die ominösen, aus Textbausteinen zusammengeschusterten allgemeinen Geschäftsbedingungen. Wenn ich sie jetzt aufrufe stehen da Sachen wie: „Du gewährst uns eine nicht-exklusive, übertragbare, unterlizenzierbare, gebührenfreie, weltweite Lizenz für die Nutzung jedweder IP-Inhalte [Anm. d. Red.: z.B. Fotos], die du auf bzw. im Zusammenhang mit Facebook postest (IP-Lizenz)“. Facebook könne aufgrund dieser Formulierung die Lizenz für die Bilder seiner User unter Umständen an andere Unternehmen weitergeben, schreibt eine Anwaltskanzlei aus Mainz. Momentan sei das aber ihrer Ansicht nach noch nicht möglich.

Ist Zuckerberg in Wahrheit ein verkappter Stalker, der unsere Bilder ausdruckt und unter Kühlschrankmagnete klemmt?

Beruhigen tut mich das nicht, denn Facebook greift meine Bilder trotzdem ab. Ist eigentlich sogar creepier, wenn Facebook die Bilder nicht verkauft denn dann droht das Narrativ des Profitgeiers aus dem Sillicon Vally ins Leere zu laufen. Ist Zuckerberg in Wahrheit stattdessen ein verkappter Stalker, der unsere Bilder ausdruckt und unter Kühlschrankmagnete klemmt? Und als ich den Computer zu Seite schiebe und die metallene Oberfläche meines Macbooks das darunterliegende Papier wieder freigibt, merke ich, dass die Frau im Inserat nicht lächelt, sondern grinst. Ausserdem trägt sie Facebook: blauweiss gestreiftes Shirt auf blaue Hose. „Fuck, die hat meine Schlüssel geklaut“, denke ich mir. Lieber Mark: Wenn du mich ernsthaft überzeugen willst, dass ihr euch um meine Privatsphäre kümmert, dann rechtfertige lieber eure AGBs, anstatt mich wie ein kleines Kind mit Zeichnungen und Slogans einzulullen.

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