Von einer, die nicht ins Schema passte

20. Februar 2020

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Sie hinterging ihren Vater, verliess ihr Zuhause, wurde von ihrem Mann verlassen und tötete schliesslich ihre beiden Söhne. Die Geschichte von Medea hat im Verlauf der europäischen Kunstgeschichte immer wieder fasziniert und zu neuen Interpretationen inspiriert. Nun eröffnet die Theatergruppe Edith. Theateremulsion aus Bern eine neue Perspektive darauf.

Der Medea Stoff – die Geschichte der Mutter, die ihre eigenen Kinder tötete – ist älter als Euripides’ Tragödie. Doch bleibt die Version aus dem antiken Griechenland die wohl gängigste Verhandlung des Stoffs. Die ostdeutsche Autorin Christa Wolf  versuchte sich in den Neunzigerjahren der Ur-Medea, in der die Protagonistin positiv dargestellt wird, zu nähern. Selbst zu Wort kam Medea aber noch immer nicht. Bis jetzt. Die Autorin und Regisseurin Nora Steiner widmet der Figur der Medea nun ein Ein-Frau Stück, in dem diese ihre Sicht der Dinge darlegt.

Flucht aus dem Patriarchat

Schon allein der Akt, Medea selbst erzählen zu lassen, ist in sich feministisch. Als Protagonistin, deren Geschichte meist von Männern erzählt und interpretiert wurde, holt sie sich somit die Deutungshoheit über sich selbst zurück, im Sinne eines writing back. Dies wird denn auch im Stück selber reflektiert, etwa als Medea sagt, Iason habe «unsere Geschichte zu der seinen gemacht.» Doch nicht nur die Tatsache, dass sie erzählt, auch Medeas Erzählung selbst beinhaltet feministische Kritik. Immer wieder scheint ein Hauptmotiv ihres Handelns das Gefühl zu sein, wegen ihres Geschlechts nicht ernst genommen zu werden. Ausserdem gibt sie als Grund für die Flucht aus Kolchis an, raus aus dem Käfig zu wollen. Damit meint sie unter anderem das starre patriarchale Rollenverständnis ihres Vaters und der kolchischen Gesellschaft. Der Ausbruch gelingt leider nicht, denn wohin sie auch flieht, patriarchale Strukturen und misogyne Kommentare verfolgen sie überall hin.

Lieber tot als fremd?

In ihrem Exil in Iolkos und Korinth stösst Medea ausserdem auf eine weitere Schwierigkeit: Zum Stigma, dass sie als Frau trägt, kommt jenes der Fremden. Gerade nach der Flucht aus Iolkos wird dies immer sichtbarer. Iason beginnt sich für Medea zu schämen, die von vielen als Barbarin gesehen wird. Er schreibt ihr und ihrem Fremdsein die Schuld dafür zu, nirgends aufgenommen zu werden. So erstaunt es am Ende nicht, dass Iason in Korinth Medea verstösst und Glauke heiraten will. Medea und die Kolcher*innen, die mit ihr geflohen sind, leben von da an ein Schattendasein am Rande der korinthischen Gesellschaft. Das Stück schafft es somit, die doppelte Marginalisierung der Medea aufzuzeigen und ist damit ein Lehrstück für den Intersektionalismus. Am Ende lässt sich Medeas Handeln durch ihre zahlreichen Diskriminierungs- und Marginalisierungserfahrungen nachvollziehen. Auch das grosse Tabu, für das sie berühmt wurde, der Kindsmord, wird in diesem Stück dadurch erklärt: Medea wollte ihre Söhne vor denselben Erfahrungen und einem Leben als Menschen zweiter Klasse bewahren und sah als einzigen Ausweg deren Tod. Mit Rachegelüsten oder Eifersucht, wie die Tat bis anhin meist begründet wurde, habe das nichts zu tun.

Nicht frei von Schuld

Dennoch will das Stück Medea nicht verteidigen oder von ihrer Schuld befreien. Das wird spätestens dann klar, als die Protagonistin sich dagegen wehrt, als hilfloses Opfer dargestellt zu werden. Sie will die Verantwortung für ihre Taten tragen. Nach der Tötung ihrer Söhne sei eigentlich ihr eigener Suizid geplant gewesen. Medea konnte sich aber nicht verzeihen und wählte das Leben mit der Bürde der Schuld. Die Stärke des Stücks liegt darin, dass es an dieser Stelle auf ein moralisches Urteil verzichtet und dieses – wenn überhaupt – dem Publikum überlässt. Ferner stellt es nicht den Anspruch, die eine wahre Fassung der Geschichte darzustellen. Es ist jedoch die Fassung, die Medea zu einer eigenen Deutung verhilft und uns dazu bringt, ihre Geschichte aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. In einer Welt von schnellen Urteilen und Filterblasen ist das enorm wichtig.

Zwischen Slapstick und Emotion

Neben dem Inhalt und der Dramaturgie vermag denn auch die Inszenierung des Stücks zu überzeugen. Die Schauspielerin Mélanie Carrel spielt nicht nur Medea überzeugend, innerhalb dieser Rolle schlüpft sie auch immer wieder in die Rollen anderer. Dabei werden durch gezielte Überzeichnung stereotyp männliche Verhaltensweisen parodiert. Generell findet häufig Humor Einzug ins Stück – gerade in der ersten Hälfte kommen einige slapstickartige Szenen vor. An den entscheidenden Stellen gelingt es Carrel hingegen, die emotionale Zerrissenheit Medeas glaubwürdig zu vermitteln. Dabei kommt die Inszenierung mit wenigen Requisiten aus: Neben dem Kostüm bestehen diese lediglich aus einem Sparschäler sowie dem Bühnenbild. Dieses besteht aus zahlreichen Stühlen, Schemeln und Hockern, die mal aufeinander gestapelt als Baum, mal zusammengefaltet als Fernrohr fungieren.

Alles gesagt

Die Theatergruppe Edith.Theateremulsion hat es mit Medea geschafft, die Aktualität eines Jahrtausende alten Stoffs zu verdeutlichen, ohne diesen in die heutige Zeit zu verlegen. Zudem gelingt es dem Stück, eine neue Perspektive auf die Geschichte um Medea zu eröffnen und sich selbst in deren verschiedensten Interpretationen einzuordnen. Auch auf die Frage, warum letztere so zahlreich sind, gibt es eine Antwort: «Menschen denken über Frauen nach, die nicht ins Schema passen.» Damit ist eigentlich alles gesagt.

 


Medea läuft noch am 21. und 22. Februar jeweils um 20 Uhr im Kunst und Kulturhaus VISASIS.

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