Wir streiken!

Es hat gerade genug Stühle für alle: Sitzung der Frauen*streik-Studentinnen. bild: florian spring

16. Mai 2019

Die Frauen*streik-Bewegung breitet sich auch an der Uni Bern aus. Doch wer sind die Menschen, die sie voranbringen? Wir haben sie besucht.

Immer diese Finanzen. Melina hat eben die Sitzung eröffnet, die Vorstellungsrunde ist durch und noch immer trudeln Leute ein. Doch bereits beim ersten Traktandum tauchen Schwierigkeiten auf. Das Crowdfunding ist nicht gut angelaufen und dümpelt seit Tagen bei ein paar hundert Franken vor sich hin. «Leute, wir brauchen mehr Geld», sagt Melina, «sonst müssen wir das ganze Material selbst bezahlen.»

Die Versammlung des Frauen*streik-Kollektivs der Berner Hochschulen ist gut besucht, die Stühle reichen knapp für alle. Die Mehrheit hier im Raum ist Anfang zwanzig, die meisten studieren an der Universität Bern, Fächer wie Germanistik, Psychologie, Jus, Medizin, einige sind auch von der Fachhochschule hier. Die Gründe, die sie zusammenführen, sind vielfältig. Einige nennen Sexismus, sexuelle Belästigung, männerdominierte Leselisten oder die Diskussionskultur im Studium als Grund. Andere sind hier, weil sie sich mit anderen Frauen* und ihren Anliegen solidarisieren wollen.

«Leute, wir brauchen mehr Geld», sagt Melina, «sonst müssen wir das ganze Material selbst bezahlen.»

Die Gruppe trifft sich seit November, an jeder Sitzung kommen neue Menschen hinzu. Zu Beginn war das Kollektiv gemischt, mittlerweile haben sich die Cis-Männer in eine Solidaritäts-Gruppe abgespalten, sie unterstützen die Frauen* mit Aufgaben wie Kinderbetreuung oder Kochen. Das mache schlicht mehr Sinn, sagt eine der hier anwesenden Studentinnen. Der Streik müsse von Frauen* getragen werden: «Es kann nicht sein, dass Cis-Männer hier in die Sitzung kommen und uns erklären, wie man Forderungen formuliert.»

Das Studium muss weichen

Mit der heutigen Sitzung startet das nunmehr weiblich* besetzte Streikkollektiv in die Mobilisierungsphase: Die Forderungen sind formuliert, Buttons, Kleber, Flyer liegen ausgedruckt auf dem Tisch. Um das Material unter die Leute zu bringen, sind wöchentliche Aktionen geplant, die sich mit je einem feministischen Thema beschäftigen: Mansplaining, Lohnungleichheit, Sexismus. Koordiniert werden diese Aktionen auf «Slack», einem Online-Organisationstool. Für wichtige Entscheide braucht es weiterhin persönliche Treffen. Heute stellen sich zum Beispiel folgende Fragen: Wie machen wir den Streiktag prüfungsfrei? Wie gestalte ich einen Facebook-Post, damit er auch gelesen wird? Oder eben: Wie kommen wir zu Geld?

Melina, 21, moderiert, fasst zusammen, fragt nach. Sie ist seit dem Anfang dabei, heute leitet sie die Sitzung. Im Moment ist der Streik ihre Hauptbeschäftigung, das Biologie-Studium liegt bis auf Weiteres auf Eis. Irgendwo musste sie Abstriche machen, wird Melina nach der Sitzung sagen, denn neben Studium und Politik arbeitet sie zu siebzig Prozent, an der Migros-Kasse und als Hilfsassistenz an der Uni. Ihr politisches Engagement bezeichnet sie als «absolute Notwendigkeit», das Geld aus der Lohnarbeit braucht sie zum Leben – also musste das Studium weichen.

Dabei ist es gar nicht so lange her, dass Melina in die Politik einstieg. Eine Freundin begann letzten Sommer, Melina an feministische Anlässe mitzunehmen. Und seither, sagt Melina, sauge sie alles auf wie ein Schwamm. Bei ihr zuhause stapeln sich feministische Magazine, Flugblätter, Broschüren und manchmal schläft sie kaum noch, weil sie nach all der Action Mühe hat, herunterzukommen. Wenn ihr die Politik über den Kopf wächst, verbringt Melina einige Tage bei ihren Eltern auf dem Land. Und bringt auch das nichts, dann sagt sie zu sich selbst: Das ist eine intensivere Phase. Und diese Phase tut verdammt gut. Sich mit anderen Frauen* auszutauschen und zu solidarisieren, zu merken, dass sie nicht alleine ist: Das sind die Dinge, die Melina motivieren.

Es heisst, nach dem Frauen*streik in Spanien hätten sich reihenweise Aktivistinnen* aus Erschöpfung krankgemeldet.

Wahrscheinlich ist Melina nicht die einzige hier im Raum, die vom Streik beinahe um den Schlaf gebracht wird. Manch eine Teilnehmerin* wirkt müde, später erklärt mir eine, dass sie ein Care-Team für sich und ihre Mitstreiter*innen aufbauen will, denn die Mehrfachbelastung von Politik, Studium, Erwerbs- und manchmal auch Familienarbeit bringe manch eine an ihre Belastungsgrenze. Tatsächlich scheint in aktivistischen Kontexten die Burnout-Gefahr erhöht zu sein. Unter dem Schlagwort «Feminist Burnout» finden sich im Internet jedenfalls zahlreiche Selbsthilfe-Foren und Blogeinträge. Es heisst, nach dem Frauen*streik in Spanien vor zwei Jahren hätten sich reihenweise Aktivistinnen aus Erschöpfung krankgemeldet. Weshalb machen die Frauen* an der Uni trotzdem weiter? Woher nehmen sie ihre Energie? Und was bewirkt ihre Arbeit?

Zähe Strukturen

Mit diesen Fragen beschäftigen sich auch die Historikerin Francesca Falk und die Juristin Manuela Hugentobler. Gemeinsam mit einer Gruppe von Wissenschaftler*innen haben sie ein nationales Streikmanifest geschrieben. Beim Treffen mit der bärner studizytig an der UniS feilen sie an den letzten Formulierungen. Sie sagen: Geht es um Gleichstellung, sei die Hochschule eine Nachzüglerin. In Führungspositionen sind Frauen* an der Uni massiv untervertreten, der Kanon ist männlich dominiert, die steilen Hierarchien und prekären Anstellungsbedingungen begünstigen Machtmissbrauch, zum Beispiel in Form von sexueller Belästigung. «Die Strukturen erweisen sich als zäh», sagt Historikerin Falk.

 

Haben ein nationales Streikmanifest geschrieben: Die Historikerin Francesca Falk und die Juristin Manuela Hugentobler. bild: florian spring

 

Das ist bezeichnend, denn es ist nicht das erste Mal, dass Frauen* an Hochschulen für mehr Gerechtigkeit streiken: Bereits am letzten Frauen*streik im Jahr 1991 beteiligten sich die weiblichen* Hochschulangehörigen zahlreich, in Zürich besetzten sie ein Zimmer der Dozierenden, verteilten Flugblätter, trugen Transparente, organisierten feministische Lehrveranstaltungen. Der Streik hatte zwar wichtige Langzeiteffekte, zum Beispiel die Gründung von Gleichstellungsbüros, die Finanzierung von Mentoringprogrammen oder die Publikation von Leitfäden für geschlechtergerechte Sprache. Trotzdem: Die zentralen Anliegen und Forderungen waren damals dieselben wie heute.

«Ich stelle in meinem beruflichen Umfeld schon eine Dringlichkeit fest, was feministische Anliegen angeht», sagt Juristin Hugentobler. Gerade bei den Anstellungsbedingungen brauche es ein grundsätzliches Umdenken, weg von eng geschnittenen Karrierenormen und den damit verbundenen Mobilitäts- und Flexibilitätserfordernissen, welche sich nur schlecht mit ausserberuflichen Aktivitäten wie Familienarbeit vereinbaren lassen. Sie argumentiert: Solange in unserer Gesellschaft Familienarbeit mehrheitlich Frauen* zugeordnet werde, seien familienfeindliche Strukturen gleichzeitig auch frauen*feindliche Strukturen. «Es ist höchste Zeit, dass solche Erkenntnisse, die im Übrigen an der Uni selbst generiert wurden, selbstkritisch auf die eigene Institution angewandt werden.»

Wie eine selbstkritische Wendung des Blicks an der Hochschule aussehen kann, machte Hugentobler gleich selbst vor. Gemeinsam mit achtzig Angehörigen der juristischen Fakultät unterzeichnete sie einen Brief an das Dekanat, um am 14. Juni einen prüfungsfreien Tag zu erwirken. Es sei schon etwas «gfürchig», sich am eigenen Arbeitsplatz politisch zu engagieren, sagt Hugentobler. «Das muss sich erst wieder normalisieren. Schliesslich ist die Universität darauf angewiesen, dass Mitarbeiterinnen und Studentinnen sie mitgestalten. Auch deshalb ist der Streik wichtig.»

Auch Bibliotheksangestellte sind dabei

Etwas gfürchig findet auch die Bibliothekarin Fabienne Biedermann ihr eigenes Engagement. Auf die Gesprächsanfrage reagiert sie zögerlich, schliesslich kommt sie doch zum vereinbarten Treffen auf der Grossen Schanze. Seit einigen Wochen versucht Biedermann mit ein paar Mitstreiterinnen die Bibliotheksangestellten an der Universität Bern für den Streik zu organisieren, gerade fand ein erstes grösseres Treffen statt.

Als Bibliothekarin arbeitet Biedermann in einem so genannt feminisierten Beruf: Die Mehrheit der Angestellten ist weiblich*, die gesellschaftliche Anerkennung könnte höher sein. Einen männlichen Geniekult, wie am Arbeitsplatz von Falk und Hugentobler, gibt es bei den Mitarbeitenden der Bibliothek nicht. Biedermann sagt: «In vielen Köpfen herrscht ein stereotypes Bild der Bibliothekarin* als strenge Frau* mit Brille, die bloss damit beschäftigt ist, die Besucher*innen zurechtzuweisen, wenn sie ein Sandwich essen.» Tatsächlich sei Bibliotheksarbeit heute sehr vielfältig und umfasse nebst der Ausleihe auch Schulungen oder Forschungsunterstützung.

Ein geschlossener Streik der weiblichen* Bibliotheksangestellten würde wichtige Teile des Betriebs lahmlegen.

Trotzdem gelte die Universitätsbibliothek bei den meisten Angestellten als gute Arbeitgeberin. Als Kantonsangestellte verfügen sie über gute Arbeitnehmer*innenrechte wie Lohntransparenz oder Kündigungsschutz. Biedermann erklärt, dass es falsch wäre, einen ganztägigen Streik zu organisieren. «Wir sind allgemein stolz darauf, wenn der Betrieb zuverlässig funktioniert.» Während die Wissenschaftler*innen Hugentobler und Falk mit der mangelnden Sichtbarkeit ihres Streiks zu kämpfen haben und deshalb ein nationales Manifest lancierten, ringt Biedermann damit, dass ein geschlossener Streik der weiblichen* Angestellten wichtige Teile ihres Betriebs lahmlegen würde. Die Bibliothekarinnen möchten deshalb am Streiktag zumindest bis zur Nachmittagsdemonstration weiterarbeiten, das Ziel ist aber, dass ab 15 Uhr die männlichen Angestellten übernehmen. Zudem sind im Streikmonat in mehreren Bibliotheken Ausstellungen zu feministischen Themen geplant.

Zurück bei den Studentinnen* auf dem Unitobler-Areal. Hier ist es mittlerweile dunkel geworden, die Sitzung ist durch. Und auch das mehrheitlich weibliche* Reinigungspersonal, das hier jeden Abend putzt, ist fertig mit seiner Arbeit. Gelöst strömen die Sitzungsteilnehmerinnen nach draussen, verabschieden und zerstreuen sich. Einige ziehen weiter an die Mittelstrasse, trinken vor dem Sattler ein Bier. Hier wird nachgeholt, was an den Organisationssitzungen ob all der Arbeit zeitweise zu kurz kommt: Ausschweifende Gespräche, inhaltliche Diskussion, Erfahrungsaustausch. «Es ist so schockierend, dass wir nach 1991 noch einmal einen Frauen*streik machen müssen», sagt eine Studentin* am Ende der Diskussion. «Aber anders funktioniert es nicht. Die Dinge müssen sich jetzt ändern. Die Zeit des Wartens ist vorbei.»

 

Das nationale Streikmanifest kann bis zum 14. Juni unter www.feminist-academic-manifesto.org unterschrieben werden.

Am Frauen*streiktag organisiert die SUB eine Veranstaltung auf der Grossen Schanze mit Reden, Poetry Slam, Performances und Musik. Mehr Infos: www.frauenstreik-sub.info

 

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Dieser Text erschien in der bärner studizytig #16 Mai 2019

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