Wenn die Mensa zur Konzerthalle wird

An über 10 Bars sind am letzten Unifestival insgesamt 30 Hektoliter Bier durch die Zapfanlagen geflossen. bild: Benjamin Böhlen

12. Oktober 2018

Das Unifestival: Eine Party der Superlative. 
Jochen Tempelmann, SUB-Vorstand für Kultur, 
über ein ganz besonderes Fest.

Sonntag, der 29. Oktober 2017, 12.30 Uhr. Ein letztes Mal schaue ich mich um, ein prüfender Blick in den Innenhof des Unitobler-Areals. Ein paar Helfer_innen beseitigen die letzten sichtbaren Spuren des Unifestivals, während der Hausdienst mit der Putzequipe schaut, dass auch wirklich in jedem Seminarraum am Montag wieder Seminare stattfinden können. Ich frage mich, ob ich dem Hausdienst noch beichten soll, dass es aller Vorkehrungen zum Trotz jemand geschafft hat, auf den Teppich zu kotzen, aber ich verwerfe den Gedanken wieder. Für mich, Vorstandsmitglied der SUB für Kultur, ist das Unifestival nach 26 Stunden vorbei. Aus der Erschöpfung erwacht leise ein Gefühl von tiefer Zufriedenheit. Wir haben einmal mehr geschafft, dass die grösste Studiparty der Stadt ohne grössere Zwischenfälle abgelaufen ist.

Ohne grössere Zwischenfälle bedeutet, dass diese Riesenparty für die meisten der knapp 3000 Anwesenden ein fröhliches und friedliches Fest war. Was nicht bedeutet, dass hinter den Kulissen nicht permanent gegen unerwünschte Zwischenfälle angekämpft werden musste. Trotz akribischer Vorbereitung lässt sich bei einem Fest dieser Grösse nie mit Sicherheit vermeiden, dass etwas schiefläuft. Mal werden zu wenig Getränke geliefert, mal passt ein Essensstand nicht unter die Platanen – aber von all diesen Problemen haben die Besucher_innen dieses Jahr nichts mitbekommen. Ich bin zufrieden, dass alle ausgelassen gefeiert haben, dass neue Bekanntschaften entstanden sind, sich Liebende gefunden haben, Mitstudent_innen zu Freund_innen geworden sind und Bands neue Fans gewonnen haben.

Viel Schweiss und Herzblut

Wahrscheinlich sind das Gurtenfestival, das Buskers und das Reitschulfest die einzigen Musikfestivals, die in Bern mehr Leute anziehen als das Unifestival. Ähnlich grosse Studipartys gibt es in der ganzen Schweiz nur wenige. Für eine Stadt wie Bern ist das Unifestival eine Party der Superlative. Letztes Jahr sind innerhalb von acht Stunden über 20 Bands und DJs sowie sieben Poetry-Slammer_innen aufgetreten. An über 10 Bars sind insgesamt 30 Hektoliter Bier durch die Zapfanlagen geflossen. Auf die 2700 zahlenden Gäste kommen an die 300 Backstage-Eintritte, darunter Bands und Entourage, Technik- und Sicherheitsverantwortliche, Barverantwortliche und weit über einhundert Helfer_innen. Diese Zahlen lassen erahnen, wie viel Schweiss und Herzblut im Unifestival stecken. Dass sich jedes Jahr wieder fleissige Helfer_innen, motivierte Barcrews und ein engagiertes Organisationskomitee zusammenfinden, zeigt, dass das Unifestival aus der studentischen Ausgehszene nicht wegzudenken ist.

Ähnlich grosse Studipartys gibt es in der Schweiz nur wenige.

Die besondere Bedeutung hat das Unifestival sicherlich seiner langjährigen Geschichte zu verdanken. Bei der SUB kann niemand so genau sagen, wie lange es das Unifestival eigentlich schon gibt. Der Name «Unifestival» existiert zwar erst seit einigen Jahren, davor gab es aber schon das «Unifest», welches der direkte Vorgänger war. Das Unifest fand bereits auf dem Tobler-Areal statt, bevor die Unitobler eröffnet wurde. Im ersten Hausreglement der Unitobler von 1993 ist festgehalten, dass hier das «Universitätsfest» stattfindet. Früher wurde es für die SUB von Externen organisiert, seit fünf Jahren tritt die SUB selbst als Organisatorin auf. Blickt man noch weiter in die Vergangenheit, stösst man im bsz-Vorgänger «der Student» auf Artikel über den Universitätsball, der schon früh in der Geschichte der Uni Bern von den Studentenverbindungen organisiert wurde. Vermutlich gibt es das Unifestival schon seit mehr als 50 Jahren.

Von Studierenden für Studierende

Die Geschichte der Studierendenfeste ist so alt wie die Geschichte der Universität selbst. Es ist beruhigend zu wissen, dass entgegen aller Vorwürfe gegen unsere «vergnügungssüchtige» Generation schon die früheren Studigenerationen ausgelassen gefeiert haben. Wer den ganzen Tag im Hörsaal oder der Bibliothek sitzt, muss sich am Abend bewegen. Wer dem Stress von Prüfungen oder Abgabeterminen ausgesetzt ist, braucht Entspannung. Die SUB hat sich schon immer für die Bedürfnisse der Studierenden eingesetzt, für faire Stipendien, Chancengleichheit, bezahlbaren Wohnraum. Auch das Ausgehen ist ein Bedürfnis, das uns wichtig ist. In Bern gibt es zahlreiche und gute Möglichkeiten auszugehen. Trotzdem: Das Unifestival ist etwas anderes. Das Programm, die Organisation, die Bars, alles ist von Studierenden für Studierende. Das macht die Atmosphäre des Unifestivals so besonders, das hebt das Unifestival von anderen Partys ab.

Aus der Erschöpfung erwacht leise ein Gefühl von tiefer Zufriedenheit.

Das Unifestival findet nicht auf dem Gurten oder in der Reithalle statt, sondern im Herzen des Länggassquartiers. Für eine Nacht wird der Seminarraum zur Bar und die Mensa zur Konzerthalle. Da, wo wir sonst studieren, wird für eine Nacht frenetisch gefeiert. Schon oft hat man uns empfohlen, das Unifestival an einen anderen Ort zu verschieben, der sich besser zur Durchführung einer Grossveranstaltung eignet. Doch das Universitätsgelände ist ein wichtiger Teil der besonderen Atmosphäre, die sich ausserhalb der Universität nicht gleich entfalten könnte.

Als ich nach der Aufräumaktion auf den Bus warte (an Fahrradfahren ist nicht mehr zu denken), fühle ich neben meinen schweren Füssen noch etwas anderes: Dankbarkeit. Ich bin dankbar, dass es das Unifestival gibt. Das Unifestival als Treffpunkt, als alte studentische Tradition, aber auch als Beweis für den Zusammenhalt unter den Studierenden. Ich bin auch dem Hausdienst dankbar, den strengen Herren in Latzhosen, die jedes Jahr Überstunden und Nachtschichten schieben, damit das Unigelände eine Nacht lang zum Festivalgelände werden kann. Mit einem etwas schlechten Gewissen sage ich mir, dass nächstes Jahr bestimmt niemand auf den Teppich kotzen wird.

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Dieser Text erschien in der bärner studizytig #13 Oktober 2018

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