Was haben Sie mit uns vor, Frau Häsler?

Die neue Erziehungsdirektorin zu Besuch an der Unitobler. bild: florian spring

20. Dezember 2018

Christine Häsler ist die neue Erziehungsdirektorin des Kantons Bern. Gegenüber den SUB-Seiten äussert sie sich erstmals ausführlich zu ihren Plänen für die Universität Bern. Zentrale Ziele seien mehr Chancengerechtigkeit und finanzielle Stabilität, sagt sie im Gespräch.

Geht es um Hochschulpolitik, ist sie ein unbeschriebenes Blatt. In ihrer beruflichen Vergangenheit beschäftigte sich die neue Erziehungsdirektorin mit Stauseen und Wasserkraftwerken. In der Politik lagen ihre Schwerpunkte im Bereich der Umwelt-, Sozial- und Energiepolitik. In ihrer Rede am diesjährigen Dies academicus sagte sie unverblümt: «Ich musste nicht lange suchen, um meinen bisherigen persönlichen Bezug zur Universität Bern zu finden: Es gibt keinen.»

Das war bei ihrem Vorgänger anders. Als promovierter Jurist kannte Bernhard Pulver die Universität von innen. Vor Amtsantritt lehrte er Staatsrecht an der Universität Neuenburg. Und nach seinem Abgang bleibt er der Universität Bern als Verwaltungsratspräsident der Insel-Gruppe als wichtiger Partner erhalten.

Welche Rolle spielt der persönliche Hintergrund für einen hochschulpolitischen Kurs? Wie wird sich Häslers Politik von der Politik ihres Vorgängers unterscheiden? Und wohin will die neue Erziehungsdirektorin mit der Universität Bern?

Die SUB-Seiten haben Christine Häsler an der Unitobler zum Gespräch getroffen. Im Interview spricht sie über Gerechtigkeit, universitäre Leuchttürme und Prekarität. Und sie erklärt, wie sich ein Stipendiensystem ohne Mehrausgaben verbessern lässt.

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Frau Häsler, Sie sind gelernte Kauffrau aus Burglauenen, arbeiteten als Kommunikationsleiterin bei den Kraftwerken Oberhasli und gelten als ausgesprochene Sozialpolitikerin. Das riecht nicht nach einer besonderen Affinität für Hochschulpolitik.

Das könnte man so interpretieren. Aber gerade die Sozialpolitik hat sehr viel mit dem Bildungswesen und damit auch mit Hochschulpolitik zu tun. In beiden Bereichen ist die Frage zentral: Wie schaffen wir es, Chancengerechtigkeit für alle zu gewährleisten? Der Grundsatz der Chancengerechtigkeit hat für mich immer eine wichtige Rolle gespielt. Was ich als Parlamentarierin in den letzten Jahren konkret für Vorstösse gemacht habe, ist sekundär. Aber klar: Einen Hochschulabschluss habe ich nicht.

Wo sehen Sie denn konkret Handlungsbedarf hinsichtlich der Chancengerechtigkeit bei den Hochschulen?

Was nicht passieren darf ist, dass jemandem ein Hochschulstudium aus finanziellen Gründen verwehrt bleibt. Das ist etwas ganz Grundsätzliches. Wer die Fähigkeiten und das Interesse mitbringt, soll studieren können und zwar in jeder Disziplin. Gleichzeitig müssen wir uns als Gesellschaft weiterentwickeln. Chancengerechtigkeit muss gesellschaftlich getragen werden, da geht es auch um das gegenseitige Verständnis: Wir sollten aufhören, die Berufslehre gegen die gymnasiale Matura auszuspielen. Und schliesslich ist Chancengerechtigkeit auch etwas, das bereits sehr früh beginnt. Es geht auch darum, die Kinder mit ihren individuellen Fähigkeiten abzuholen und so zu fördern, dass sie selbst vorankommen können und wollen.

«An den Hochschulen wird man sich vielleicht in Zukunft die Frage stellen: Ist der Hörsaal noch das Richtige für uns?»

 

Bräuchte es dazu nicht neue Unterrichtsformen, auch an der Universität?

Ich weiss nicht, ob es neue Unterrichtsformen braucht. Aber ich bin sicher, dass es in Zukunft neue Unterrichtsformen geben wird. Die digitale Transformation wird sehr vieles verändern, ob wir wollen oder nicht. Auch die Art, wie Wissen vermittelt wird. An den Hochschulen wird man sich vielleicht in Zukunft die Frage stellen: Ist der Hörsaal noch das Richtige für uns? Dabei müssen wir aufpassen, dass wir die soziale Komponente des Lernens nicht verlieren: Der Kontakt untereinander, die Teamarbeit.

Das ist es, was an der Uni gerade passiert: Die soziale Komponente tritt zunehmend in den Hintergrund. In manchen Studiengängen finden kaum noch Seminare statt. Das Verhältnis zwischen den Dozierenden und den Studierenden ist anonym. Man sollte die Betreuungsverhältnisse verbessern. Das kostet.

Ja, es ist eine Ressourcenfrage. Es geht um ein Abwägen zwischen dem finanziell Möglichen und dem Gewünschten. Der Bedarf muss sinnvoll gedeckt werden. Bei der Uni muss man die Frage stellen: Wo ist der direkte Kontakt, das Einzelgespräch wirklich nötig? Dort wo es notwendig ist, soll es stattfinden können.

«Stabilität garantieren: Das ist meine grosse Aufgabe in den nächsten Jahren.»

 

Der Betreuungsschlüssel ist das eine Problem, das andere Problem ist, dass viele Dozierende kaum Zeit für die Lehre finden, weil sie sich in befristeten Anstellungen befinden und deshalb unter hohem Publikationsdruck stehen. Im Vergleich zur Forschungstätigkeit spielt die Lehrtätigkeit bei Anstellungsentscheiden kaum eine Rolle. Niemand fragt bei den Studis nach, wie eine Person unterrichtet.

Die Qualifikationsphase kann für Nachwuchswissenschaftler und -wissenschaftlerinnen tatsächlich eine anspruchsvolle Zeit sein. Es ist eine Phase, in der sehr vieles gleichzeitig geschieht. Häufig kommt genau in dieser Zeit Familie dazu und die damit verbundene Familienarbeit. Unsicherheiten sind in einer solchen Phase ein grosses Problem. Ich verstehe das gut. Ich glaube, man hat dies zu einem guten Teil erkannt und versucht das jetzt mit der Revision der Universitätsverordnung anzugehen.

Wie denn konkret?

Es geht darum, klarere Rahmenbedingungen für den akademischen Nachwuchs zu schaffen. Als Nachwuchswissenschaftler oder -wissenschaftlerin muss ich meine Perspektiven auf eine akademische Dauerstelle realistisch einschätzen können. Eine Massnahme ist auch die Erhöhung der Anzahl von Assistenzprofessuren mit Tenure-Track, also die Schaffung von Stellen mit Aussicht auf einen unbefristeten Vertrag.

 

 

Ein anderes Thema ist die Gleichstellung. Bei den Studierenden sind die Frauen noch in der Mehrheit, bei den Professuren sind es noch 20 Prozent. Einzelne Institute wie das Volkswirtschaftliche Institut werden von reinen Männergremien geleitet. Vielleicht sollte man einfach Quoten einführen?

Dass solche Prozesse dermassen lange dauern, ist schwierig. Gerade für Leute, die sich seit vielen Jahren für Gleichberechtigung einsetzen. Trotzdem: Ich glaube, die Langsamkeit gehört dazu. Wesentlich ist, dass sich etwas verändert. In der Quotenfrage bin ich unentschlossen. Wenn gar nichts mehr nützt, dann muss man diese ungeliebte aber vielleicht notwendige Massnahme treffen. Gleichzeitig möchte ich keiner Frau zumuten, dass man ihr nachsagt, sie habe die Professur nur wegen ihres Geschlechts erhalten. Das würde der ganzen Sache schaden. Ich bin ausserdem überzeugt, dass wir viel früher ansetzen müssen, nicht erst bei den Professuren. Bei den jungen Frauen muss das Bewusstsein entwickelt und sensibilisiert werden: Wir können und wollen das verändern.

Das Bewusstsein ist das eine, die Anstellungsbedingungen das andere. An der Uni ist es kaum möglich, Teilzeit zu arbeiten, wenn man beruflich vorankommen will. Das schadet der Gleichstellung. Es bräuchte mehr geteilte Professuren.

Ja, warum nicht. Die Uni kann solche Wege gehen. Es ist jedoch nicht Aufgabe der Politik, der Uni in jedem Detail Vorgaben zu machen. Die Aufgabe der Politik ist es, der Uni im richtigen Moment die richtigen Anstösse zu geben, damit sie sich entwickeln kann.

Sie geben den Ball zurück an die Universitätsleitung.

Von aussen betrachtet spricht nichts gegen diese Idee. Falls dies noch nicht diskutiert wurde, möchte ich die Universitätsleitung zumindest auffordern, sich diese Gedanken zu machen.

«Der Grundsatz der Chancengerechtigkeit hat für mich immer eine wichtige Rolle gespielt.»

 

Wie stark soll sich die Politik in universitäre Angelegenheiten einmischen?

Natürlich gibt es eine gewisse Abhängigkeit der Universität, die in dieser Form auch richtig ist. Der Kanton bezahlt mehr als einen Drittel der Mittel der Universität. Entsprechend hat die Universität gegenüber dem Kanton eine gewisse Verantwortung. Beispielsweise ist die Uni Bern per Leistungsvertrag verpflichtet, eine Volluniversität zu bleiben. In vielen Belangen soll die Uni allerdings autonom entscheiden können, gerade beim Personal. Die Uni muss sich entwickeln können.

Trotzdem war die Politik in den letzten Jahren eine wichtige Impulsgeberin für die Uni. Das Projekt sitem-insel wurde wesentlich von Ihrem Vorgänger Bernhard Pulver vorangetrieben.

Bei den grossen Themen ist es tatsächlich wichtig, dass der Grosse Rat als Vertreter der Bevölkerung mitentscheidet. Wenn man die Möglichkeit hat, gemeinsam ein Projekt mit Strahlkraft, einen Leuchtturm zu entwickeln, dann muss das gemeinsam geschehen.

Was ist denn Ihr Leuchtturm für die nächsten Jahre?

In Bezug auf die Universität? Ich habe eine grosse, anspruchsvolle Aufgabe angetreten. Ich will diese Aufgabe in aller Sorgfalt angehen. Es gibt wichtige Themen, mit denen ich mich stark beschäftige. Zum Beispiel das lebenslange Lernen: Es wird in Zukunft nicht mehr so sein, dass wir unsere Ausbildung im Alter von 25 Jahren abgeschlossen haben. Es wird immer wieder Phasen der Weiterbildung geben, weil sich die Berufswelt stark verändert: Viele Berufe werden verschwinden, neue kommen hinzu. Bei der Frage nach den ganz grossen Leuchtturmprojekten enttäusche ich vielleicht einige, wenn ich sage: Die Uni steht heute gut da. Und wir tun gut daran, dass wir der Uni stabile Rahmenbedingungen bieten. Egal ob die tagespolitische Fahne auf Nordwest oder Südost flattert. Stabilität garantieren: Das ist meine grosse Aufgabe in den nächsten Jahren.

Dann ist das ETH-Projekt ihres Kollegen Christoph Ammann nicht mehr aktuell? Anfang Jahr hat er in den Medien die Idee geäussert, einen ETH-Standort nach Bern zu holen.

Wenn die Zeit dafür reif ist und die Projektidee stimmt, dann werden wir das sicher gemeinsam gut prüfen.

Zurück zur Chancengleichheit. Seit 2004 ist die Anzahl der vergebenen Stipendien im Kanton Bern um einen Viertel gesunken, gleichzeitig studieren heute massiv mehr Personen als damals. Es wird immer schwieriger, ein Stipendium zu erhalten. Wer mehr Chancengleichheit will, müsste hier ansetzen. Was werden Sie tun?

Eine Möglichkeit besteht darin, die Freibeträge anzupassen. Dies haben wir im Sommer getan. Seit August gelten höhere Freibeträge bei den Stipendien. Das heisst, es ist nun einfacher, neben dem Studium zu arbeiten, wenn man Stipendien bezieht. Man kann heute bis zu 500 Franken monatlich verdienen, ohne dass diese vom Stipendium abgezogen werden. Insgesamt glaube ich, dass sich der Kanton Bern bei den Stipendien stark engagiert, wir haben beispielsweise keine Plafonierung der Stipendienhöhe, so wie dies andere Kantone kennen. Aber natürlich: Mir ist vollkommen bewusst, dass das Studium eine Zeit ist, in der es finanziell auch mal knapp werden kann. Genügend Geld für den Lebensunterhalt zu verdienen und daneben genug Zeit für das Studium zu haben, das ist eine Herausforderung.

 

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Dieser Text erschien in der bärner studizytig #14 Dezember 2018

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