Risse in der Wirklichkeit

04. März 2019

Unerwünschte Sprüche, Berührungen und Übergriffe: Sexuelle Belästigung ist auch an der Universität 
Bern ein Problem. Bei den Anlaufstellen der Uni melden sich Betroffene allerdings nur selten. Weshalb?

Achtung: Der Text beinhaltet explizite Beschreibungen sexualisierter Gewalt

Es hätte ein gemütlicher Abend werden sollen. Maria* war mit ein paar Englisch-Studis im Irish Pub, es gab Guiness, es wurde gelacht, man erzählte sich von den Erfahrungen des ersten Semesters und sinnierte über alles, was noch kommen könnte. Die Zeit verflog, früher als gewünscht fuhr das letzte Tram. Wer zum Bahnhof musste, rannte. Die anderen blieben zurück. Und Dario*, einer von Marias Mitstudierenden, befand sich irgendwo dazwischen. Maria kannte ihn seit einigen Wochen, Anfang Semester war er in einer ihrer Einführungsvorlesungen aufgetaucht und nun, da die anderen aufs Tram rennen, lässt er sich doch tatsächlich zurückfallen, verpasst das Tram, offensichtlich mit Absicht. Wer ihn beobachtet, sieht das sofort.

«I need a place to sleep», sagt Dario zurück auf dem Gehsteig und schaut Maria an. «Can I stay at your place?» Maria ist unschlüssig, zögert, dann lenkt sie ein. Man will ja nicht kompliziert sein, denkt sie. Irgendwo muss er ja hin.

Und so landet er bei Maria in der WG. Auf dem Weg dorthin erzählt er ihr von seiner Kindheit im Internat, von seinen Eltern, die so selten für ihn da waren. «Sei lieb zu mir», hört Maria aus seinen Worten, «bitte, verletz mich nicht.»

Maria überlässt ihm ihr Bett, sie selbst will im Zimmer ihrer Mitbewohnerin schlafen. Doch als sie zu ihm ins Zimmer kommt, um ihn zu fragen, ob er noch was braucht, packt er sie, wirft sie gewaltsam auf ihr Bett, drückt sich auf sie und lässt sein Gesicht auf ihres herabsinken. Er verharrt in dieser Position, starrt ihr in die Augen. «Was soll das?», sagt Maria, mehrmals, «lass mich los.» Nach einer Minute lässt er von ihr ab.

«Sei lieb zu mir», hört Maria aus seinen Worten, «bitte, verletz mich nicht.»

 

Maria ist durcheinander. Ohne ein Wort verlässt sie den Raum, geht rüber ins Zimmer der Mitbewohnerin, legt sich auf das Bett. Maria versucht zu schlafen. Doch in ihrem Kopf kreisen die Gedanken: Was war da eben geschehen?

Als sie am nächsten Morgen aufsteht, sitzt Dario bereits in der Küche. Sie frühstücken gemeinsam, irgendwas liegt in der Luft. Beim Zähneputzen im Badezimmer klammert er sich erneut an sie und drückt seinen Körper ungefragt an ihren. Im Bus zur Uni noch einmal. Sie sagt ihm, dass sie das nicht will. Die anderen Fahrgäste schweigen. Die Leute um sie herum scheinen ihr zu sagen: Das ist alles ganz normal. Solche Dinge geschehen. Ob sie meinten, die beiden seien ein Paar?

Der Uni-Alltag verändert sich

Rückblickend präsentieren sich die Ereignisse für Maria wie schmale Risse in der Realität. Beschämend, eklig und irgendwie absurd. Nie würde Maria diese Risse zu diesem Zeitpunkt als Übergriffe bezeichnen, auch wenn sie ihr sehr unangenehm sind. Unter Freund_innen geschehen solche Dinge nicht, sagt sie sich damals. Sie beginnt an ihrer Erinnerung zu zweifeln. Also erzählt sie niemandem davon. Und hofft, dass dieser Typ ganz einfach verschwinden würde.

Nach dem Vorfall fühlen sich für Maria einige Dinge anders an. In den Gängen der Uni denkt sie manchmal unweigerlich an Dario und fürchtet, er würde auftauchen. Und als sie ihn an der Weihnachtsfeier des Englisch-Instituts sieht, verabschiedet sie sich, bevor er sie bemerkt. «He was hitting on me», sagt sie am Tag darauf, als sich eine Mitstudentin nach Marias Verhältnis zu Dario erkundigt. Er hat mich angemacht. Es ist das erste Mal, dass Maria mit jemandem darüber spricht. Als Übergriff bezeichnet sie den Vorfall nicht.

Als sie raus will, packt er sie mit beiden Händen an den Schultern und hindert sie, den Raum zu verlassen. Er guckt sie an und sagt: «Zuerst gibst du mir einen Kuss.»

 

Dann geht es für einige Zeit gut. Bis es zwei Jahre später wieder passiert. Wieder ist es ein Mitstudent, diesmal aus der Philosophie. Und wieder ist es bei Maria zuhause. Sie hatten zur WG-Party eingeladen, die Räume waren übervoll, es gab Shots und laute Musik. Er war einer, dem Maria vertraute. Gemeinsam hatten sie einen Vortrag gehalten, eine Diskussionsgruppe gegründet und sich über die Wichtigkeit von Feminismus ausgetauscht.
Am besagten Abend sind sie gleichzeitig auf der Toilette, denn es gibt nur eine, und es sind viele Leute da. Maria wechselt Linsen, ihr Mitstudent pinkelt im Stehen. Als sie raus will, packt er sie mit beiden Händen an den Schultern und hindert sie, den Raum zu verlassen. Er guckt sie an und sagt: «Zuerst gibst du mir einen Kuss.» Maria sträubt sich, sagt, er solle sie loslassen. Schliesslich entkommt sie seinem Griff und stürmt aus dem Raum. Den ganzen weiteren Abend erzählt sie niemandem davon. Als sie den Vorfall am nächsten Morgen zwischen leeren Bierdosen und Pizzaresten in der verbliebenen Gruppe zur Sprache bringt, sagt eine befreundete Jus-Studentin: «Warum nimmst du das so ernst? Er war betrunken. Früher wäre das kein Problem gewesen. Damals konnten wir noch Spass haben.»

Ein verbreitetes Problem

Maria ist mit ihren Erfahrungen nicht alleine. Allein im Uni-Kontext haben rund zehn Prozent der Berner Studierenden Erfahrungen gemacht, welche gemeinhin als sexuelle Belästigung eingestuft werden, bei den Mitarbeitenden sind es rund 15 Prozent. Mehrheitlich sind es Frauen, die belästigt werden. Und mehrheitlich sind es Menschen aus dem eigenen Bekanntenkreis, die die Tat begehen.

Wer hinhört, kriegt diese Geschichten mit. Vor allem ehemalige Studierende sind bereit, sich gegenüber dieser Zeitung zu äussern. Eine ehemalige Studentin der Uni Bern erklärt, sie habe wegen einem inzwischen emeritierten Professor ihr Studienfach gewechselt, da dieser seine Studentinnen mit grenzüberschreitenden Sprüchen und unerwünschten Berührungen belästigte. Ein Ex-Student erzählt, er habe während seinem Studium immer wieder mit unerwünschten Kommentaren zu seiner Figur, Kleidung und Haaren von Dozierenden zu kämpfen gehabt, was dazu führte, dass er sich in manchen Seminaren nicht mehr wohl fühlte und diese mied (damals trat er noch als Frau in Erscheinung). Was tut die Uni Bern gegen solche Vorfälle? Wäre sie nicht in der Pflicht, die Betroffenen zu unterstützen und die Angeschuldigten zu sanktionieren?

Bei den Anlaufstellen der Universität Bern gibt es bloss ein bis zwei Meldungen pro Jahr.

 

«Die Universität Bern ist verpflichtet, ihre Angehörigen vor sexueller Belästigung zu schützen und hat bei Übergriffen eine Pflicht zu handeln», sagt Ursina Anderegg von der Abteilung für Gleichstellung der Universität Bern. Bloss: Dazu muss eine Meldung eingehen. Dies kommt allerdings nur selten vor: Bei den Anlaufstellen der Universität Bern gibt es bloss ein bis zwei Meldungen pro Jahr. Ursina Anderegg vermutet, dass Betroffene häufig nicht wissen, wo sie sich melden können und einzelne von ihnen Angst um ihre universitäre Zukunft hätten, wenn es zu einem internen Verfahren kommt.

Dazu kommt, dass Betroffene Vertrauen in die Anlaufstellen haben müssen, um sich dort zu melden. Dieses Vertrauen haben nicht alle. «Ich hatte das Gefühl, man hätte mich auf der Anlaufstelle ausgelacht, wenn ich mich wegen der Vorfälle gemeldet hätte», sagt der befragte Student. Der einzelne Vorfall sei ja irgendwie auch kaum der Rede wert, aber in der Summe doch ein Bremsklotz. Weiter erzählt er, dass er sich vor einigen Jahren wegen eines Exhibitionisten bei der Abteilung für Gleichstellung und bei der SUB gemeldet habe. Der Exhibitionist lauerte Passant_innen auf dem Gelände der Uni Bern auf, masturbierte und belästigte sie verbal. «Die SUB hat damals nicht einmal auf meine Mail geantwortet. Und die Meldestelle hat mich an den Gebäudedienst weiterverwiesen. Dieser verwies mich an die Polizei und liess die Beschwerde versanden, obwohl ich konkrete Vorschläge machte, wie man den Exhibitionisten vom Gelände vertreiben könnte.» Danach sei sein Vertrauen in die eigene Handlungsmacht und diejenige der Meldestelle brüchig geworden, erklärt er. Und die Ex-Studentin sagt, dass sich eine Mitstudentin wegen der Grenzüberschreitungen ihres Professors bei der externen Anlaufstelle gemeldet habe. Dort habe man ihr gesagt: «Solange es keine Vergewaltigung ist, können wir nichts machen.»

 

Und Maria? Sie ist am Ende ihres Studiums. Und: Sie fand mittlerweile Worte, um das Erfahrene als Übergriff zu benennen und zu verstehen. Sie sagt: «Uns fehlte damals das nötige Vokabular.» Auf sie habe sexuelle Belästigung wie ein Platzverweis gewirkt: «Ich fühlte mich in gewissen Situationen nicht mehr sicher und nahm in Seminarsituationen mit den Tätern weniger Raum für mich in Anspruch. Ich habe mich an der Uni nicht mehr wohl gefühlt.» Ihr und ihren Mitstudierenden sei damals nicht klar gewesen, dass Übergriffe auch im Freundeskreis passieren, das Erlebte erfüllte sie mit Scham. Sie sagt: «Wir hatten eine falsche Vorstellung von Belästigung. Dein Umfeld kann auch zum Problem werden, wenn es das Erfahrene bagatellisiert.» Ihr haben schliesslich informierte Freundinnen geholfen, das Erlebte in seiner Tragweite zu verstehen und zu verarbeiten. Trotzdem: Bis heute hat weder eine Aussprache mit den Angeschuldigten, noch eine Meldung bei der Anlaufstelle stattgefunden: «Es ist wichtig, dass es diese Anlaufstellen gibt», sagt Maria. «Aber ich war damals, als es aktuell war, noch nicht so weit. Ich hätte mich nie gemeldet.»

Zögerliches Vorgehen der Meldestellen

Was sagt die Universität Bern zu den Vorbehalten gegenüber ihren Anlaufstellen? «Zu diesen Einzelfällen kann ich mich nicht äussern», sagt Ursina Anderegg. Diese seien beide schon länger her und Meldungen bei den unterschiedlichen Anlaufstellen werden nicht systematisch erfasst. Grundsätzlich nehme die Universität Bern das Problem jedoch sehr ernst. Ursina Anderegg verweist auf die Handlungspflicht, welche die Universität Bern im Falle einer Meldung hat. Es werde jeweils zuerst eine Einschätzung der Situation vorgenommen, danach würden je nach Situation Gespräche mit den mutmasslichen Täter_innen und deren Vorgesetzten gesucht. Das Vorgehen wird mit den Betroffenen rückgesprochen. Schliesslich könne es zu Sanktionen oder Verhaltensanweisungen kommen: Vorgesetzte können zu Präventionsmassnahmen verpflichtet werden, es können Verwarnungen oder Kündigungen ausgesprochen werden. Ausserdem führe die Universität Bern regelmässig Präventionskampagnen durch, es gibt Ausbildungseinheiten für Führungspersonen und eine eigens eingerichtete Website zur Prävention sexueller Belästigung und zur Unterstützung von Betroffenen. Es bestehe auch die Möglichkeit, sich bei der SUB zu melden, heisst es dort auf Anfrage. Die SUB habe zwar keine Beratungskompetenzen, sie begleitet aber Betroffene im Falle einer Meldung und weist sie an die offiziellen Beratungsstellen weiter. Der SUB-Vorstand schreibt: «Der beschriebene Fall war uns bisher unbekannt. Wir bedauern, dass diese Email nicht bearbeitet wurde.»

Die Vorbehalte der Studierenden, dass die Universität Bern bei tatsächlich erfolgten Übergriffen zögerlich handle, bleiben im Raum. 

 

Man ist gewillt, der Universität Bern in ihren Bemühungen zu glauben. Trotzdem: Die Vorbehalte der Studierenden, dass die Universität Bern bei tatsächlich erfolgten Übergriffen zögerlich handle, bleiben im Raum. Und von den aktuellen Vorkommnissen an anderen Universitäten werden sie nicht gerade entschärft. So berichtete der Tages-Anzeiger jüngst von der Beschwerde einer Doktorandin an der Universität Basel. Diese wirft ihrem Professor vor, er habe sie während mehreren Jahren sexuell belästigt. Auf ihre Beschwerde bei der Universitätsleitung habe sie zwar umgehend psychologische Unterstützung erhalten. Auf ihre Beschwerde habe sie jedoch lediglich die Antwort erhalten, dass die Universität Basel «entsprechend reagierte» und dem Professor «klar kommunizierte, dass sie keine sexuelle Belästigung dulde und Angriffe auf die Integrität ihrer Mitarbeitenden und Studierenden verurteile». Auch auf Nachfrage wurde ihr mit Verweis auf den Persönlichkeitsschutz des Angeschuldigten nichts weiter kommuniziert und keine Akteneinsicht gewährt. Für die Betroffene blieb unklar, wie die Universität Basel gehandelt hatte.

Kritik am Vorgehen der eigenen Hochschule wird derzeit auch an der ETH Zürich laut. Dort wurde Ende Januar eine Disziplinaruntersuchung gegen einen Architekturprofessor abgeschlossen. Ihm wird vorgeworfen, Studentinnen sexuell belästigt zu haben. Die Untersuchungskommission rügt den Professor jedoch lediglich, seine persönlichen und beruflichen Beziehungen nicht adäquat getrennt zu haben. Sexuelle Belästigung im strafrechtlichen Sinne sei nicht vorgefallen. Die Betroffenen sind mit dem Ergebnis der Untersuchung unzufrieden. Ähnlich wie in Basel kritisieren auch sie, dass ihnen weder Parteirechte noch Akteneinsicht zugestanden wurden. Nun wollen sie die ETH gerichtlich verklagen.

Weshalb handeln die Schweizer Universitäten so ambivalent, wenn es um sexuelle Belästigung geht? Warum fördern sie Präventionskampagnen, Ausbildungseinheiten und Anlaufstellen, agieren aber gleichzeitig mit einer solchen Zurückhaltung bei der Sanktionierung und Aufklärung tatsächlich erfolgter Übergriffe? Eine mögliche Erklärung läge in der Beobachtung, dass es Hochschulen bei der Bekämpfung sexueller Belästigung immer auch um ihren Ruf geht: Er ist eine der grössten Anlagen der unternehmerischen Universität. Beim Kampf gegen sexuelle Belästigung geht es für Universitäten deshalb immer auch um Schadensbegrenzung. Umgekehrt bedeutet dies aber auch: Steht der Ruf auf dem Spiel, geraten Dinge in Bewegung.

*Namen geändert.

Die Website respekt.unibe.ch klärt über sexuelle Belästigung an der Universität Bern auf und unterstützt Betroffene. Die von Studierenden verfasste Broschüre «Nein zu sexueller Belästigung an Bildungseinrichtungen»  steht hier zum Download bereit.

Hast du Erfahrungen mit sexueller Belästigung an der Uni gemacht? Erzähl deine Geschichte ab dem 8. März anonym auf frauenstreik.sub.unibe.ch

 

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Dieser Text erschien in der bärner studizytig #15 März 2019

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