Quo vadis, Academia?

Doppelstöcker-Uni oder Feuerwerk-Uni? In der Frage nach der Zukunft der Uni ist man sich auch knapp zwanzig Jahre nach Bologna uneins. bild: nils wyssmann

und 20. Dezember 2018

Vor knapp zwanzig Jahren wurde mit der Bologna-Erklärung der Grundstein für die bisher weitreichendste europäische Hochschulreform gelegt. Ihre Folgen zeigen sich bis heute im Alltag von vielen Studierenden, auch an der Universität Bern. Zeit für eine Bilanz.

Im Jahr 1999 unterschrieben die Bildungsminister_innen von 29 europäischen Staaten in Bologna eine Deklaration, welche zum Ziel hatte, die Hochschulstrukturen europaweit zu reformieren und das Bildungssystem nach angelsächsischem Vorbild durch die Einführung von Bachelor- und Master-Abschlüssen auf Basis des European Credit Transfer Systems (ECTS) zu harmonisieren. Studienabschlüsse sollten damit über Landesgrenzen hinweg vergleichbar und die Mobilität der Studierenden sowie deren Konkurrenzfähigkeit auf dem internationalen Arbeitsmarkt gefördert werden. Die ein Jahr später beschlossene Lissabon-Strategie und das General Agreement on Trade in Services (GATS) trugen zusätzlich zu einer verstärkten Ökonomisierung der Bildung bei. Heute sollen erhöhte Drittmitteleinnahmen, Exzellenzinitiativen und lineare Biografien der Forschenden und Lehrenden die Universitäten ökonomisch effizient und international wettbewerbsfähig machen. Gleichzeitig sollen erhöhte Studierendenzahlen, verringerte Studienabbruchquoten und schnellere Abschlüsse auf Seite der Studierenden den Wirtschaftsstandort Schweiz stärken.

Raum und Zeit für politische Auseinandersetzung und ehrenamtliches Engagement bleiben im durchgetesteten Studienalltag zunehmend auf der Strecke.

Diese Transformationsprozesse werden vielerorts kritisch beäugt. Unter den Positionen zur aktuellen Situation des Hochschulwesens finden sich zum Beispiel vermehrt Stimmen, die den Verlust der Autonomie der Hochschulen gegenüber der Wirtschaft beklagen, welcher mit der Bologna-Reform einherging. Dozierende und Forschende sehen sich zudem immer mehr unter Druck, eng geschnittene Exzellenzkriterien erfüllen zu müssen, was häufig auf Kosten der Qualität der Lehre geschieht. Gleichzeitig wird den stets jünger werdenden Studierenden vorgeworfen, dass sie das Studium nur noch als Ausbildungsschritt zwischen Matura und Erwerbstätigkeit ansehen und zunehmend nicht mehr dazu in der Lage seien, das hastig und lückenhaft für Modulabschlüsse erworbene Wissen miteinander zu verknüpfen. Noch drastischer formuliert es eine Soziologieprofessorin: «Die meisten Studierenden haben am Ende ihres Studiums nicht einmal eine Vorstellung davon, was sie alles noch nicht wissen.» Als positiver Effekt der Bologna-Reform wird hingegen oftmals angeführt, dass Studierende nach dem Bachelorstudium im Gegensatz zum alten System des Lizenziats-, Magister- oder Diplomstudiums vergleichsweise früh mit einem Abschluss in die Erwerbstätigkeit übergehen können. Hierin erschöpft sich die Fürsprache für das Bologna-Format meistens schon und selbst in der Wirtschaft besteht kein Konsens darüber, ob ein Bachelorabschluss zu einem Einstieg in die Berufswelt befähigt.

Dystopisches von Avenir Suisse

Ziehen wir bei der Frage nach den Auswirkungen der Bologna-Reform vergleichende Statistiken zu Rate, so sehen wir zwar, dass sich die Zahl der Studierenden in der Schweiz konstant erhöht hat, gleichzeitig veränderte sich jedoch weder die Mobilität der Studierenden noch die Anzahl der Studienabbrüche signifikant. Trotz oder gerade auch wegen dieser insgesamt höchstens ambivalenten Befunde gibt es einflussreiche Stimmen, die sich für eine stärkere Ökonomisierung der Academia einsetzen. So fordert etwa der Think Tank Avenir Suisse in einem Positionspapier eine noch feiner auf den Arbeitsmarkt abgestimmte Profilierung der einzelnen Universitäten. Diese Forderung geht mit einer Entpolitisierung der Hochschulen einher und funktioniert Bildungsstätten zu Akteurinnen um, die nach der strengen Logik der freien Marktwirtschaft agieren. In dieser dystopischen Version einer zukünftigen Academia wird die Erweiterung des Wissenshorizontes auf die wirtschaftliche Verwertbarkeit reduziert und erhöhte Studiengebühren sollen etwa dafür Sorge tragen, dass Studierende vor allem für den Arbeitsmarkt relevante Fächer wählen. Demnach würden die Universitäten vermehrt zu Ausbildungsstätten, in denen vermeintlich messbare Kompetenzen vermittelt werden, die aber wohl nicht mehr dazu dienen würden, ein kritisch-reflektiertes und selbstbestimmtes Denken aufzubauen und zu fördern. Auch wenn dieses Szenario in einer fernen, dunklen Zukunft angesiedelt sein mag, so ist es wohl nur schwer von der Hand zu weisen, dass die Bologna-Reform die heutige akademische Landschaft der Schweiz massgebend geprägt und grundlegende neoliberale Transformationsprozesse, wie sie in noch verstärkter Art und Weise im Positionspapier von Avenir Suisse gefordert werden, mitgetragen hat. Dabei kennt die jetzige Generation der Studierenden ein Studium ausserhalb von «Bologna» bereits gar nicht mehr. Umso wichtiger ist es, genau zu schauen, woher wir kommen und wohin wir gehen.

Bulimie-Lernen und Modularisierung

Die Vorstellung, dass Studierende im humboldtschen Bildungssystem besser situiert waren als die Studierenden von heute, gehört nach fast zwanzig Jahren Bologna mancherorts wohl schon zur akademischen Folklore. Gab es denn nicht auch früher Leistungsdruck, «Bulimie-Lernen» und mussten sich nicht auch vorangegangene Studierendengenerationen – zumindest in Teilen – ihren Unterhalt selbst finanzieren? Ja, zweifelsohne, denn der Leistungsgedanke ist seit jeher ein tiefverankerter Bestandteil unseres Bildungssystems und auch Hürden im Zugang zu Bildung gab es schon immer, wenn auch – je nach vorherrschenden politischen Verhältnissen – in unterschiedlich starker Ausprägung.

Die Prozesse, welche vor zwanzig Jahren in Bologna in Gang gesetzt wurden, haben die Hochschulen auf einen richtungsweisenden Weg geschickt.

Und doch, nehmen wir den Puls der Zeit, so kommen wir nicht drum herum zu konstatieren, dass dieser in der Academia immer schneller zu schlagen scheint – mit gravierenden Konsequenzen für alle Beteiligten. Auf Seite der Studierenden bleiben dabei häufig nicht nur Raum und Zeit zur persönlichen Charakterentwicklung, für politische Auseinandersetzung und ehrenamtliches Engagement auf der Strecke, sondern auch Menschen, die ihr Studium unter prekären finanziellen Verhältnissen absolvieren und deshalb den gesteigerten Leistungsanforderungen schlechter standhalten können als ihre finanziell privilegierten Kommiliton_innen. So berichten beispielsweise die Fachschaftsvertreter_innen vom enormen Leistungsdruck in manchen Studiengängen, dem «Modul-Lernen», welches eine dezidierte thematische Auseinandersetzung innerhalb eines knapp bemessenen Zeitrahmens praktisch unmöglich macht, oder von der Unvereinbarkeit von Studium und Erwerbsarbeit, welcher laut einer repräsentativen SUB-Umfrage aus dem Herbstsemester 2017 fast 80% der Studierenden der Universität Bern in einem durchschnittlichen Arbeitspensum von zirka 40% nachgehen.

Umkämpfte Zukunft

Die Prozesse, welche vor zwanzig Jahren in Bologna in Gang gesetzt wurden, haben die Hochschulen auf einen richtungsweisenden Weg geschickt, auf dem sie stärker nach ökonomischen Logiken agieren müssen und nach Kriterien der wirtschaftlichen Verwertbarkeit evaluiert werden. Das Ende dieses Weges stellt einen direkten Angriff auf das akademische Bildungsideal dar, welches neben der fachlichen Bildung auch auf eine umfangreiche Allgemeinbildung, auf die Persönlichkeitsentwicklung und somit letztendlich auch auf die politische Mündigkeit der Studierenden abzielt. Das Engagement der SUB ist deshalb dringlicher denn je. Wir setzen uns dafür ein, dass sich die universitäre Bildung auch in Zukunft nicht restlos dem ökonomischen Diktat unterordnen muss. Darüber hinaus sollte allen Menschen die gleiche Chance auf Bildung zuteilwerden, unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder sozio-ökonomischem Hintergrund, denn wir erachten den Anspruch auf Bildung als ein universelles Gut. Gleichzeitig stellt Bildung eine immens wertvolle Ressource dar und wir dürfen einem Teil der Gesellschaft den Zugang zu dieser Ressource nicht verwehren. Aus einer gesamtgesellschaftlichen Perspektive können wir es uns nicht leisten, durch Zugangsbeschränkungen talentierte Menschen daran zu hindern, die Lösung für die Probleme von morgen zu finden. Für die Utopie einer freien und offenen Hochschule müssen wir Studierenden kämpfen, damit wir nicht eines Tages in einer Zukunft aufwachen, in der die Dystopie Realität geworden und das Studium gänzlich apolitisch und auf ökonomische Verwertbarkeit reduziert ist.

 

Zu den Autor_innen:

Noémie Lanz ist SUB-Vorständin für kantonale und universitäre Hochschulpolitik & Kommunikation.

Sebastian Funke ist SUB-Vorstand für Fachschaften, Fakultäten und Gruppierungen & Kommunikation.

 

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Dieser Text erschien in der bärner studizytig #14 Dezember 2018

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