«An dieser Schule herrscht ein Klima der Angst»

An der Hallerstrasse kämpfen Studierende für mehr Mitbestimmung. bild: Sam von Dach.

20. März 2018

An der Berner Fachhochschule droht ein Direktor den Studierenden mit der Polizei. Diese antworten mit einem Schwarzbuch. Szenen einer Hochschule im Streit.

Heute präsentiert man sich. Die Frau im hellblauen Hemd verteilt Kartonmappen mit der Aufschrift «fundiert – impulsgebend – vielfältig.» Man dankt und setzt sich, und dann kommt die PowerPoint. Willkommen an der Infoveranstaltung «Bachelor Soziale Arbeit».

Ein Dienstagnachmittag im Februar, über der Stadt liegt eine graue Decke und im Hörraum 223 an der Hallerstrasse 8 gibt es heute alles Wissenswerte zum Studium: Anmeldeprozedere, Zulassungsmodalitäten, Infos zu Modulbereichen, Semesterstruktur, Kompetenzprofil. Über 70 Studieninteressierte sind gekommen. Die heutige Veranstaltung ist Pflicht: Nur wer hier war, darf sich zum Studium anmelden.

Der Beamer über uns atmet schwer und wirft helle Bilder an die Wand. Zuerst steht da was über die Frau mit dem Hemd, die nun zum Laserpointer greift, dann folgt der Ablauf des Nachmittags. Und dann, auf der dritten Folie, kommt sie: Die internationale Definition der sozialen Arbeit. An der Wand leuchten nun Worte wie «Menschenrechte» oder «soziale Gerechtigkeit». Und die Frau vorne sagt: «Das Ziel der sozialen Arbeit sind gesellschaftliche Veränderungen. Es geht ihr um die Ermächtigung und Befreiung von Menschen». Die Frau hält kurz inne, schaut in die Runde – und geht zur Folie mit den Modulbereichen über.

 

«Unsere Hochschule soll kein Auffangbecken werden für Leute, die sich zu wenig zutrauen»

– Johannes Schleicher

 

«Das soll jetzt nicht pathetisch klingen», wird mir Sina einige Tage später sagen, «aber viele von uns studieren hier, weil sie die Welt gerechter machen wollen». Historisch sei die soziale Arbeit aus dem politischen Kampf für soziale Gerechtigkeit entstanden. «Doch die BFH ist gerade dabei, sich von dieser Tradition zu verabschieden.»

«Pioniervorhaben» in Kritik

«Natürlich, heute wird von den Studierenden mehr verlangt als früher. Und das ist gut so.» sagt Johannes Schleicher, 64, Direktor des Departements Soziale Arbeit BFH, und blickt aus dem Fenster. Wir befinden uns im Sitzungszimmer 138, diesmal ist es die Hallerstrasse 10, eines der Gebäude im Länggassquartier, welche die BFH unter der Leitung von Schleicher erschlossen hat. Während seiner Schulzeit sei diese Schule geradezu ein Hort der Leistungsverweigerung gewesen: «Wir rannten uns die Köpfe ein, diskutierten stundenlang. Man lernte in der Auseinandersetzung, im Ausprobieren. Doch Leistung im engeren Sinn wurde wenig gefordert.»

Die Zeiten haben sich geändert. Das Fachhochschul-Studium von heute gleicht einem kleinteiligen Flickwerk aus Arbeitsblättern, Gruppenaufträgen, Mindmaps auf Flipcharts, Präsenzlisten und Reflexionspapierchen. Der Stundenplan kann aus vielen Bausteinen individuell zusammengestellt werden. Doch auch diese sind wieder nach demselben Muster strukturiert. Für weitschweifiges Lesen, hartes, analytisches Denken und stundenlange Diskussion bleibt wenig Platz: Das moderne Studium orientiert sich «am Beruf», der Umweg über die Analyse rückt in den Hintergrund. Vermittelt wird vor allem Praxiswissen.

 

«Lernziele verhindern lernen.»

– Schwarzbuch, S. 33

 

Zudem wird stärker auf die Aussenwahrnehmung fokussiert. Viele Hochschulen haben heute eine eigene Kommunikations- und Marketingabteilung, schalten Werbung im Tram und oder auf Facebook. Sie stehen zueinander in Konkurrenz, im Wettbewerb um Studierende.

«Unsere Hochschule soll kein Auffangbecken für Leute werden, die sich zu wenig zutrauen», sagt Johannes Schleicher. «Die Dropout-Quote im Laufe des Studiums ist notorisch tief. Das kann dem Ansehen des Abschlusses schaden.» Tatsächlich wurde in den letzten Jahren die Ausschlusspraxis im Fachbereich Soziale Arbeit verschärft. Heute führt das zweimalige Nicht-Bestehen eines Moduls zur Exmatrikulation. Zudem versucht man das Profil des Studiengangs zu schärfen, indem man auf die Förderung von «personalen Kompetenzen» setzt: Durchsetzungsvermögen, Auftreten, Verantwortungsbewusstsein, Konfliktfähigkeit. «Das ist ein Pioniervorhaben», sagt Schleicher, «deshalb wird es laufend evaluiert und angepasst. Wir arbeiten eng mit der Forschung zusammen.»

 

«Wir wollten frei sprechen können, zu unseren Bedingungen, auf unsere Art.»

– Sina

 

Bei den Studierenden stösst das Pioniervorhaben auf wenig Begeisterung. Seit seiner Einführung ist das Modul Selbst- und Sozialkompetenz (Sesok) unter Beschuss. Wo ich mich umhöre: Es gibt kaum jemanden, der nicht Mühe hat mit dem Modul. Kritisiert wird der «künstliche», oft als unangenehm empfundene Rahmen, in dem man über prägende Lebensereignisse sprechen soll. Kritisiert wird die «Illusion», man könne so etwas wie Selbst- und Sozialkompetenz im Schulzimmer messen, beurteilen und zielgerichtet fördern. Kritisiert wird die «Willkür», mit der die Dozierenden über den Charakter ihrer Studierenden richten. Das Sesok-Modul sei «eine Katastrophe, ein Witz». Ein Student sagte mir, das einzige, was er aus dem Modul mitnehme, sei, dass er nun wisse, wie es sich anfühlt, selbst Klient zu sein und «gefördert» zu werden.

Der Konflikt eskalierte letzten Sommer, als einer Studentin die Exmatrikulation drohte, weil sie zweimal durch das Sesok-Modul gefallen war. Sie war eine der kritischen Studierenden, eine, die Mühe hatte mit dem Modul. Etwa zwanzig Studierende versammelten sich daraufhin an der Hallerstrasse, vor der Türe des Zimmers, in dem das rechtliche Gehör der Studentin stattfand. Sie sassen ruhig dort, auf dem Boden ein Transparent. Sie sassen und warteten. Dann kam Johannes Schleicher, sagte, sie sollen gehen, sagte, er habe hier das Hausrecht, er müsse für Ordnung sorgen, wenn der Betrieb gestört wird. Dann fotografierte er sie mit dem Handy, drohte mit der Polizei. Ein Student rief, das gehe nicht, Schleicher dürfe sie nicht fotografieren, sie seien Studierende in diesem Haus, sie hätten das Recht, hier zu sein. Schliesslich gingen sie raus. Schleicher blieb.

 

«Wir haben uns entschieden, auf anonyme Pamphlete nicht einzugehen.»

– Johannes Schleicher

Der verwandelte Anarchist

«Es gab in der Gruppe, die ein für beide Seiten sehr schwieriges Gespräch belagerte, ein paar mir unbekannte Gesichter. Als sie sich nicht ausweisen wollten, schickte ich sie weg», sagt Schleicher. Johannes Schleicher, der Ex-Anarcho: Ein Direktor, der den Studierenden mit der Polizei droht? Er, der Hierarchien verabscheute, sich für die dritte Welt und die Umwelt engagierte und Foucault, Deleuze, Lacan las. Mit seinen Mitstudierenden stritt er sich damals stundenlang, versuchte, sie in der Radikalität ihrer Positionen zu überbieten. Und den Dozierenden, die ihm nicht zusagten, machte er das Leben schwer. Und jetzt hatte er den Studierenden tatsächlich mit der Polizei gedroht?

«Die Berufszeit, die Verantwortung hat mich verändert», sagt Johannes Schleicher. Mit der Zeit sah er vieles «differenzierter», sein Idealismus legte sich. Er begann erneut zu studieren. Nun war es Jura, wieder in Bern, diesmal an der Uni. «Das Rechtsstudium hat mir die Augen geöffnet», sagt Schleicher. Er sei froh, lebe er hier, in Europa, in einem Rechtsstaat wie der Schweiz. Es gibt Errungenschaften, die man pflegen muss. «Soziale Arbeit erfüllt auch eine Ordnungsfunktion, indem sie Exklusion zu vermeiden trachtet, Opfer einbindet, Grenzen setzt und durchsetzen hilft. Dass sie damit systemerhaltend, gewissermassen ‚palliativ’ ist, dem muss man sich irgendwann stellen. Die politische, militante Seite, der Kampf um Gerechtigkeit gehört auch zur Sozialen Arbeit – nur vom Geld- und Auftraggeber ist er selten gemeint.»

Zimmerpalmen und poliertes Glas: Der Eingangsbereich der BFH Soziale Arbeit. bild: Sam von Dach.

 

Vor einigen Jahren hielt Schleicher ein Referat mit dem Titel: «Entpört euch! Manifest zur Karriere der Sozialen Arbeit.» Schleicher plädierte für eine «Versachlichung» der Sozialarbeit und riet seinen Studierenden, die «Hörner abzustossen». Er sagte: «Entpolitisierung ist der Preis der Professionalisierung». Das provozierte. Und ein bisschen wirkte es so, als kämpfe Schleicher gegen sein früheres Ich.

Ich treffe mich mit Sina, einer 30-jährigen BFH-Studentin. Sie studiert Teilzeit, aktuell ist sie in ihrem vierten Jahr, daneben arbeitet sie im Kino und in einer Tagesschule. «18.15 tibits. Sirry. Bei arbeit drum schnell», schreibt sie mir auf meine Frage, wo wir uns treffen sollen. Schlussendlich treffen wir uns im Coté Sud, Bahnhof Bern, erster Stock, denn das Tibits ist übervoll, und wir suchen etwas, wo wir möglichst unter uns sind; der Bahnhof, dachten wir, sei passend.

 

«Soziale Arbeit erfüllt auch eine Ordnungsfunktion»

– Johannes Schleicher

 

Es ist Sonntagabend, Sina zieht ihren übergrossen Rucksack aus und beginnt zu erzählen, noch bevor sie sich richtig hingesetzt hat. «An dieser Schule herrscht ein Klima der Angst», sagt Sina. «Es ist schwierig, offen Kritik anzubringen. Denn dann riskiert man, dass irgendjemand für deine Äusserung bestraft wird.»

Sina fürchtet sich vor Repression. Deshalb habe ich ihren Namen und ihre Biographie verändert.

Einem Dozierenden, der Mühe hatte mit der Funktionsweise des Fachbereichs, wurden nach und nach Kompetenzen und Module entzogen. Er durfte keine Studienarbeiten mehr betreuen. Schliesslich liess er sich frühpensionieren. Er schrieb: «Ich gehe früher, als ich gehofft habe, aber später, als ich befürchten musste».

Unter den Studierenden ist von Mobbing gegenüber Studierenden und Angestellten die Rede. Doch aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes spricht niemand öffentlich darüber. Eine Dozentin habe Probleme gekriegt, nachdem sich eine Studentin kritisch zu einem von ihr betreuten Einheit geäussert hatte. Obwohl die Studentin klarstellte, dass es ihr nicht um Kritik an der Person ging, und deshalb den Namen der Dozentin nicht preisgab, fand die Studiengangsleitung den Namen der Dozentin heraus, worauf diese Schwierigkeiten kriegte.

 

«In der Sozialpolitik sollte es um Kämpfe für soziale Gerechtigkeit gehen.»

– Schwarzbuch, S. 52

 

Johannes Schleicher wehrt sich gegen die Mobbing-Vorwürfe: «Im Departement Soziale Arbeit der BFH gibt und gab es meines Wissens nichts, was diese Bezeichnung verdienen würde. Und so ernst, wie ich persönlich Personalführung nehme, gehe ich davon aus, dass ich es wüsste. Mobbing ist ein schwerwiegender Vorwurf, der heute schnell und billig erhoben wird.» Zu einzelnen Personalia äussere man sich grundsätzlich nicht.

Kampf gegen Automatenhölle

«Solche Konflikte gibt es nun schon seit längerer Zeit», sagt Sina. Vor einigen Jahren stritt man sich über ein neues Cafeteria-Konzept, das einen schwarzen Tisch ausschliesslich für Mitarbeitende der BFH vorsah. In einer Mail schrieb die Fachbereichsleitung, sie orte Platzmangel, man wolle die zahlende Kundschaft nicht vergraulen, da der Betrieb sonst unrentabel werde. Man müsse handeln, im schlimmsten Fall befürchte man den Weggang der Betreiberfirma – und dann drohe die «Automatenhölle». Die Studierenden setzten sich trotzdem gegen den Tisch ein. Für viele war die Cafeteria ein wichtiger Ort, um sich informell mit den Dozierenden auszutauschen. Doch der Schwarze Tisch kam. Und manche Studierende fühlten sich nicht ernst genommen. Einige von ihnen wehrten sich, äusserten auf Klebern und Plakaten ihre Kritik. Die Studierendenvertretung (SO) sprach von einer «Ohnmacht-Situation» und bemängelte öffentlich, dass auf ihre Anliegen nicht genügend eingegangen werde. In einer offenen Mail schrieb die SO: «Als wir über die Cafeteria diskutiert haben, wurde uns schnell lehrend klar gemacht, dass wir kurzsichtig denken und noch viel zu lernen hätten in Sachen Rechtsbegriffe, um erst eine inhaltliche Diskussion führen zu können. Das Aufmerksam machen auf ,das Recht‘ und das Verweisen auf juristische Fachsprache tauchten als Thema immer wieder auf und würgte inhaltliche Diskussionen und Positionen ab.»

 

«Bei gewissen Themen wurden wir in internen Gremien einfach abgeblockt»

– Eine ehemalige BFH-Studentin

 

Die Fachbereichsleitung wertete diesen «unvermittelten» Gang in die Öffentlichkeit als «massive Verletzung der Grundregeln geordneter Zusammenarbeit», als «Akt eklatanter Illoyalität», «schwerwiegenden Bruch des Vertrauens», und als «persönlichen Rückenschuss». Um zu «retten was zu retten ist», drohte sie mit der Aussetzung des Mitspracherechts der SO und berief ein Mediationsgespräch ein, um die Zusammenarbeit neu zu verhandeln. Schliesslich einigte man sich. Aber der Schwarze Tisch, der blieb.

«Bei gewissen Themen wurden wir in internen Gremien einfach abgeblockt», erzählt eine ehemalige Studentin am Telefon.  «Wenn dir dann gleichzeitig noch das Gefühl gegeben wird, dass dir alles, was du sagst, angerechnet wird, bleibst du diesen Gremien irgendwann fern. Oder du gehst hin – und schweigst.»

«Wie soll ich in einem nicht-demokratischen Unternehmen einen Beruf erlernen, der im Grunde auf die Erweiterung der Demokratie ausgerichtet ist?», schrieb ein Student vor einigen Monaten in einer Mail. «Wir sollen uns melden, wenn wir nicht kritisch denken dürfen? Genau das versuchen wir! Nur stossen wir immer wieder auf harte, polierte Wände.»

 

«Wir scheuen Kontroversen nicht, sondern brauchen sie.»

– Johannes Schleicher

 

In den internen Gremien des Departements sind nicht alle Sitze besetzt, die den Studierenden zur Verfügung stehen. Einige von ihnen setzen auf andere Formen der Politik. Mal gibt es ein Strassentheater, ein anderes Mal eine Sing-Aktion vor dem Gebäude des Departements. Manchmal verhüllen sie sich, tragen weisse Masken. Letzten Winter begannen einige, Kärtchen mit Fragen aufzuhängen. «Wo hat meine Kritik Platz?», «Studieren wir alle alleine?», «Entwickeln wir uns oder werden wir entwickelt?» Die Kärtchen hingen nie lange. Immer wieder räumte sie der Hausdienst fort. Und immer wieder hängten die Leute neue Kärtchen auf.

Im Frühling lud eine Gruppe Studierender zu einem offenen Austausch ein. Über dreissig Menschen kamen. An verschiedenen Tischen diskutierte man über die Probleme an der BFH. Irgendwann entstand die Idee des Schwarzbuchs. Die Studierenden begannen zu schreiben, Gedichte, Essays, Zeichnungen. Am Ende hatte man über 70 Seiten beisammen.

Der Samichlaus kommt

«Für uns war klar, dass wir das Schwarzbuch anonym veröffentlichen», sagt Sina heute. «Es ging uns um Inhalte, nicht um Personen. Wir wollten frei sprechen können, zu unseren Bedingungen, auf unsere Art. Und nicht über die Kanäle, die von der Schule kontrolliert werden.» Nun sei das Buch trotzdem fragmentarisch geblieben. Vieles wird selbst im Schwarzbuch nicht benannt: «Es ist so schwierig, gewisse Dinge anzusprechen, wenn man niemanden gefährden will».

Im Oktober wurde das Schwarzbuch schliesslich gedruckt. Vier der Autor*innen verkleideten sich. Zwei als Samichläuse, zwei als bunte, frohe Gestalten. Dann verteilten sie es, zusammen mit Äpfeln und Schokolade. In der Cafeteria, in der Bibliothek, und draussen vor der Tür. Den Dozierenden legten sie eins ins Fächli. Und zuhinterst, auf Seite 71, schrieben sie: «Wir laden ein für ein Treffen am: 14. November 2017, um 19.00 Uhr im Brass Sääli, Bern».

 

«Egal was du tust, am Ende stösst du auf Schweigen.»

– Sina

 

Die Verteilaktion kostete Mut. Am Abend war Sina euphorisiert und verängstigt zugleich. Als am Tag darauf eine Dozentin freundlich in die Runde fragte, ob jemand was zum Schwarzbuch sagen möchte, schwiegen alle. Und Sina wurde knüttelrot.

Einige Wochen später war das angekündigte Treffen in der Brass. Die Autor*innen hofften auf eine lebhafte Diskussion. Sie hofften, mit dem Schwarzbuch eine Debatte entfacht zu haben. Und damit womöglich eine Veränderung anzustossen.

Doch wer kam, war der alte Kuchen. Lauter bekannte Gesichter. Viele hatten selbst mitgeschrieben, und viele konnten das Schwarzbuch kaum noch sehen. Von den Dozierenden kam nur eine Person. Und von der Departementsleitung kam nichts, keine Empfangsbestätigung, keine Nachfrage, nicht die geringste Reaktion. «Das ist das wirklich frustrierende an dieser Institution: Egal was du tust, am Ende stösst du auf Schweigen.»

«Wir haben das sogenannte Schwarzbuch zur Kenntnis genommen» sagt Johannes Schleicher. «Wir haben entschieden, auf anonyme Pamphlete nicht einzugehen. Uns ist wichtig zu wissen, mit wem wir sprechen.» Und ja, von den Gründen habe er gehört. «Die Studierenden sagen, sie hätten Angst vor Repression. Für mich ist das völlig aus der Luft gegriffen, wenn nicht eine Schutzbehauptung. Wir scheuen Kontroversen nicht, sondern brauchen sie. Ausserdem sind wir eine kantonale Hochschule. Man kann sich gegen Entscheidungen wehren, bis vor Gericht. Falls etwas intern nicht stimmt, gibt es einen Dienstweg. Dann kann man zu mir kommen. Und wer sich von mir schlecht behandelt fühlt, kann zu meinem Chef gehen. Wir sind nicht repressiv, wir sind streng. Das ist ein kleiner, wichtiger Unterschied.»

Seit das Schwarzbuch erschienen ist, darf sich das Forum Kritische Soziale Arbeit (Kriso) nach Anfragen bei verschiedenen Modulverantwortlichen nicht mehr an der BFH vorstellen, obwohl die Kriso offiziell nichts mit dem Schwarzbuch zu tun hat. Begründet wird der Entscheid mit den «zahlreichen Anfragen von unterschiedlichen Interessensvertretungen». Die Kriso verliert damit ihren wichtigsten Zugang zu den Studierenden.

 

Das Schwarzbuch BFH Soziale Arbeit kann hier eingesehen werden.

 

Dieser Beitrag erschien in der bärner studizytig #11 März 2018

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Roman R
20. März 2018 21:30

Grossartiger Artikel!!! Vielen Dank!!! Solidarische Grüsse aus St. Gallen!

Feldman
21. März 2018 4:23

Wenn man sich mit Johnannes Schleicher befasst, glaube ich zu erkennen, dass es sich nicht um einen kritischen Denker, sondern um einen selbstverherrlichenden Menschen handelt. Beleidigende Kommentare gegenüber Religion und sogar verstorbenen Einzelpersonen sind in seinen digitalen Selbstdarstellungen keine Seltenheit. Diese Person scheint mir mehr Interesse an Provokation und Selbstverwirklichung zu haben, als daran, ein konstruktives Gespräch zu suchen und Fehler einzugestehen.
Es ist doch schizophren, gegen die Leute zu kämpfen, welche mit ihrem Studiengang dem Herrn Schleicher diese Arbeit erst ermöglichen. Der Kunde ist König und der Kunde ist hier der Student.

Sozi
22. März 2018 17:13

Für mich als Studierende der BFH ist dieser Artikel eindeutig zu schwarz gemalt. Es gibt Spannungen zwischen einigen Studierenden und einigen Dozierenden oder Führungspersonen, das kann ich bestätigen. Doch von “einem Klima der Angst” ist man an der Hallerstrasse in meinen Augen meilenweit entfernt. Nicht alle sind zufrieden mit allen Unterrichtsinhalten oder Strukturen. Sind alle Uni-Studierenden das? Oder alle Arbeitnehmenden? Das Modul SeSok ist nicht zu Unrecht in Kritik, da gibt es auch aus meiner Sicht Optimierungsbedarf. Ob man da gerade mit dem Brecheisen aufwarten muss, ist eine der Fragen, die man sich stellen sollte. Wenn man den Schilderungen glauben… Zeig mir mehr! »

SUB-Redaktion
27. März 2018 11:06

Liebe Sozi. Danke für deine Einschätzung. Dass bei dir als Leserin ein vereinfachtes Bild von zwei einheitlichen „Fronten“ entsteht, nehmen wir gerne als Kritik an. Und ja: Zahlenmässig empfindet vermutlich eine Minderheit der rund 850 Studierenden und Mitarbeitenden des Departements Soziale Arbeit „Angst“ oder Verunsicherung. Gerade deshalb sind wir allerdings überzeugt, dass es es wichtig ist, den Betroffenen Gehör zu schenken und sie ernst zu nehmen. Sie selbst würden dir vermutlich antworten, dass sie sich mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit gewandt haben, weil sie intern kaum Möglichkeiten sahen, um ihre Anliegen wirksam einzubringen (so wie sie dies im Artikel… Zeig mir mehr! »

Fitze
21. März 2018 7:52

Die FH Bern will “Professionalität” (in der Sozial Arbeit, die ja auch politisch ist und wirkt) vermitteln. Sie wirkt unglaubwürdig, wenn sie sich der Kritik nicht stellt und dem Dialog mit den Studendierenden (,die den Mut haben, Misstände anzuprangern und Unmut zu äussern) ausweicht. Mehr als nur schade!

Tubi
23. März 2018 1:14

Super Artikel und schade was da abgeht

Mike M.
24. März 2018 8:40

Dass so ein Mann an der Spitze Eurer Schule steht, ist doch sehr bedenklich!

Leo
22. März 2018 4:38

Liebe Studis
Kämpft weiter – bis der Mann seine Fehler mit seinem Abgang bezahlt.
Merci

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