Randspalte #4

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01. November 2017

Freude herrscht, die Löhne steigen! Oder doch nicht? Was passiert, wenn die redaktionelle Verantwortung nicht wahrgenommen wird.

«In Kürze», heisst die Rubrik der Berner Zeitung, die jeweils am rechten oder linken Seitenrand in wenigen Zeilen über die wichtigsten Nachrichten des Tages informiert. Signiert sind diese Kurzmeldungen meist mit dem Kürzel der Schweizerischen Depeschenagentur. Letzten Freitag verlautete ein Titel in ebendieser marginalisierten Rubrik, die Löhne sollen «um 0,7 Prozent steigen» (BZ vom 27.10.2017). Die Umfrage der UBS, der diese Information entnommen war, sage jedoch ebenfalls eine Teuerung von 0,6 Prozent voraus, heisst es dann im Fliesstext, wodurch die Reallöhne um gerade mal ein Promille ansteigen würden.

Ein etwas ausführlicherer Artikel dazu findet sich auf dem Onlineportal der Wirtschaftszeitung Finanz und Wirtschaft, die ebenfalls von der Tamedia herausgegeben wird. Dort wird die beinahe Lohnstagnation trotz erwarteter «nochmalige(r) Verbesserung der wirtschaftliche(r) Entwicklung in der Schweiz» (fuw.ch 26.10.2017) mit der Lohnentwicklung der vergangenen, wirtschaftlich schwachen, Jahre erklärt. «Damals hätten die Unternehmen von Lohnsenkungen abgesehen, weshalb sie nun auch mit einer starken Erhöhung zögern», wird die Studie der UBS zitiert. Kommentiert wird das Ergebnis der Unternehmensumfrage auch hier nicht. Dabei sollte die Begründung der Unternehmen zumindest kritisch hinterfragt werden. Dass in den Jahren der Deflation die Löhne nicht gesenkt wurden, war bestimmt keine Entscheidung der reinen Grosszügigkeit, und sollte ferner die jetzige Lohnpolitik nicht beeinflussen.

Was passieren kann, wenn solche Meldungen nicht kommentiert werden, wird in der Wochenendausgabe der Berner Zeitung sichtbar: «Mehr Lohn bei Coop und Migros» (BZ vom 28.10.2017) heisst es erneut in der Agenturmeldungsspalte «In Kürze». Dass bei einem Anstieg von 0,5 bis 0,9 Prozent, «mehr Lohn» für einige MitarbeiterInnen der Migros in Reallöhnen gesprochen weniger Lohn bedeutet, weiss nur, wer am Vortag auch gut aufgepasst hat und von der eingangs erwähnten Meldung Notiz genommen hat.

Grundsätzlich ist es verständlich, dass eine Redaktion Entscheidungen darüber treffen muss, in welche Agenturmeldungen sie ihre Ressourcen stecken will und welchen nicht weiter nachgegangen wird. Es ist ausserdem löblich, dass eine Redaktion ihren LeserInnen gewisse Informationen nicht vorenthalten will, auch wenn sie weder Zeit noch Personal hatte, genauer dazu zu recherchieren. Manchmal ist es jedoch verantwortungsvoller, auf eine Information zu verzichten, als eine Agenturmeldung unreflektiert wiederzugeben.

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