«Mann» und «Frau» – war’s das schon?

Lukas N.

Lukas N. Bild: Céline Rüttimann

15. Dezember 2016

Wie hängen Körper und Identität zusammen? Wie vielfältig ist der Mensch wirklich? Ein Porträt, das über den Tellerrand der zweigeschlechtlichen Gesellschaft hinausblickt.

Der Mensch will einordnen, kategorisieren, schubladisieren. Deshalb ist unsere Gesellschaft in vielen Aspekten des täglichen Lebens geschlechtergeteilt. Dass dies den Alltag von Personen erschweren kann, ist den meisten von uns nicht bewusst. Grundlegende Bedürfnisse wie der Gang auf eine öffentliche Toilette werden zum Beispiel für Lukas N. zu einer wiederkehrenden Stresssituation. Denn Lukas wurde nicht seit seiner Geburt mit diesem Namen gerufen.

Ein Neuanfang

«Vor drei Jahren, kurz vor meinem Studienbeginn an der Pädagogischen Hochschule (PH) in Bern, habe ich mich für diesen neuen Namen entschieden. Als ich mich dann für den Studiengang einschreiben musste, habe ich das mit Lukas N. getan. Denn es sollte ein Neuanfang werden», erzählt Lukas in einem Büro an der PH, das er für seine Mitarbeit an der Institution benutzen darf. Warum aber wollte er seinen Geburtsnamen ablegen und einen neuen Namen annehmen?

Im Gespräch mit Lukas fällt zum ersten Mal der Begriff «Transidentität». In einem weiblichen Körper geboren und als Mädchen in der Gesellschaft sozialisiert, hatte sich Lukas stets darum bemüht, sich nicht mit sich selbst auseinandersetzen zu müssen. «In meiner Jugend war ich unzufrieden mit meinem Leben und musste mir schliesslich eingestehen, dass ich mich von mir selbst distanzierte. Erst als ich nach dem Gymnasium ein Zwischenjahr in der Westschweiz absolvierte, stellte ich mich der Frage, ob ich zufrieden bin mit der Geschlechterrolle, die ich in der Gesellschaft einnehme. Und das war ich nicht.»

In der Vergangenheit wühlen

Lukas fragte sich, ob es in seiner Kindheit bereits Indizien für seine Transidentität gegeben haben könnte. Als Kind und Jugendlicher habe er oft an Bauchschmerzen gelitten, was er heute auf psychischen Stress zurückführt. Sogar sein Essverhalten litt darunter: «Wenn ich die Möglichkeit hatte, habe ich manchmal auch Mahlzeiten ausgelassen. So wie viele Jugendliche hatte auch ich Probleme, mich mit meinem eigenen Körper auseinanderzusetzen.»

In der Vergangenheit zu wühlen half Lukas aber vor allem, einen Zusammenhang mit der heutigen Situation zu finden. Er habe zwar eine Transidentität, dennoch verabscheue er nicht alles an seinem Körper. Er würde sich nicht als im «falschen Körper geboren» bezeichnen, wie es andere Transmenschen manchmal tun. Nicht alles an seinem Äusseren lehne er ab aufgrund des Geschlechts, das ihm durch seine Anatomie zugewiesen wird und mit dem er sich nicht identifizieren kann.

Ein Geschlechterspektrum

Transidentität definiert also, dass ein Mensch sich nicht – oder nicht ausschliesslich – mit dem Geschlecht identifizieren kann, welches ihm aufgrund seiner biologischen Merkmale bei der Geburt zugeschrieben wurde. Transidentität und Transgender (engl. gender = soziales Geschlecht) beschreiben den Sachverhalt treffend, während der Begriff Transsexualität meist pathologisierend wirkt und den irreführenden Schluss zulässt, die Bezeichnung habe mit sexueller Orientierung statt mit Identität zu tun.

Unter Transidentität fallen nicht nur Menschen, die sich mit dem «entgegengesetzten» Geschlecht identifizieren, das ihnen zugewiesen wurde, sondern auch alle Personen, die sich dazwischen oder gar keinem Geschlecht zugehörig fühlen. «Unter dem Strich geht es darum, dass es ein Geschlechterspektrum ist und zwischen den zwei Polen ‚Mann’ und ‚Frau’ unzählige Identitäten gibt. Die Vielfalt ist erstaunlich», fasst Lukas zusammen.

Sich einordnen

Auch Lukas sah das Problem darin, dass er sich nicht in der Geschlechterrolle wohlfühlte, die er in der Gesellschaft innehatte. Daher lautete für ihn die Schlussfolgerung: Ich fühle mich nicht wohl als Frau in der Gesellschaft, also bin ich ein Mann. Er versuchte dementsprechend, in dieser männlichen Rolle aufzugehen, merkte aber bald, dass er auch dort an seine Grenzen stiess. «Ich wurde als Frau sozialisiert und lehne nicht alles davon ab. Als Mädchen wurde mir von meinem Umfeld vorgelebt, dass ich Emotionen zeigen darf, was bei Jungen oft nicht der Fall ist. Ich will nicht rollenkonforme Verhaltensweisen annehmen müssen, nur damit ich in der Gesellschaft als Mann akzeptiert werde. Aber damit ich mich in unserem bipolaren System von Mann und Frau bewegen kann, ordne ich mich formell der männlichen Seite zu», führt Lukas weiter aus. «Zu Beginn, als ich es nicht besser wusste, habe ich mich in dieser zweipoligen Gesellschaft einzugliedern versucht. Doch mit den gemachten Erfahrungen habe ich erkennen dürfen, wie vielfältig Geschlecht sein kann. Auch ich muss mich noch immer informieren über Identitäten, die ich noch nicht kenne und verstehen möchte».

Fehlende Akzeptanz

Lukas‘ Umfeld habe sich seit seiner Entscheidung, formal mit einer männlichen Identität zu leben, ziemlich verändert. Einerseits habe er Freunde verloren, die ihn nicht unterstützen konnten in seinem Prozess, sei es aus Unverständnis oder aus Überforderung. Andererseits gewann er durch seine neue Ausbildung an der PH Bern einen neuen Freundeskreis hinzu. «Es war kein Verlust, sondern eher eine Ablösung von Freunden.» Bei seinen Eltern stiess Lukas zuerst auf Enttäuschung, weil er die Erwartungen nicht mehr erfüllte, die sie an ihn hatten. «Ich war nicht das Mädchen, als das ich geboren wurde und würde den Vorstellungen auch nie gerecht werden. Obwohl es schwer für sie war, erhalte ich aber heute ihre volle Unterstützung.»

Lukas stellt aber schnell klar, dass nicht jede Transperson einfach so akzeptiert wird. Menschen mit einer Transidentität werden oft von ihren Familien verstossen. Oder Eltern versuchen, ihr Kind von der Identität abzubringen, die es ausleben möchte. «Kinder können schon früh selbst erkennen, dass ihnen die Geschlechterrolle, die ihnen zugeteilt wurde, nicht gefällt. Wenn ein Kind dieses Problem in irgendeiner Weise äussert, sei es direkt oder durch ungewöhnliches Verhalten, ist es wichtig, zuzuhören und nicht zu versuchen, dem Kind den eigenen Willen aufzuzwingen», so Lukas. Leider gibt es in der Schweiz keine Anlaufstelle für Transkinder und deren Eltern, wo sie sich beraten lassen könnten, ohne dass es auf eine pathologische Erklärung für das Verhalten des Kindes hinausläuft. Es fehlt an der Repräsentation des Themas. Wie sollen Kinder mit Vielfältigkeit aufwachsen, wenn sie nichts davon mitbekommen?

Durch Sprache zur Identität

Ein an Geschlechterrollen angepasster Geschlechtsausdruck kann Transmenschen dazu verhelfen, von ihren Mitmenschen gemäss ihrer Geschlechtsidentität anerkannt zu werden. Transmenschen haben sich nie mit dem Geschlecht identifiziert, das ihnen bei ihrer Geburt zugewiesen wurde. Deshalb sollte nicht von einer Geschlechtsumwandlung gesprochen werden. Als korrekter Begriff gilt derjenige der Geschlechtsangleichung. Sprache ist beim Thema Transgender wichtig, weil diese Menschen ihre Identität oft nur durch sie ausdrücken können. «Damit andere mich so sehen, wie ich mich sehe, müsste ich vieles an meinem Äusseren ändern. Das heisst, mein Ich auf mein Äusseres reduzieren.»

 Offenheit für die Vielfalt

Als Transmann ist Lukas stets mit dem Urteil der Gesellschaft konfrontiert, dass sein Äusseres nicht mit seiner Identität übereinstimme. Garderoben und Toiletten sind für Lukas Räume, die er entweder gar nicht oder nicht ohne Unwohlsein benutzen kann. Warum gibt es keine geschlechterneutralen Toiletten in öffentlichen Gebäuden? Oder einfach abgeschlossene Einzelkabinen für alle statt der getrennten Garderoben? Die Vielfalt der Gesellschaft ist so gross, warum müssen wir sie also auf ein zweipoliges System reduzieren?

«Transmenschen wollen die Bedeutung mindern, die dem sozialen und biologischen Geschlecht zugeschrieben wird. Wir wollen leben wie wir uns fühlen – egal mit welchen anatomischen Voraussetzungen», spricht sich Lukas über die Wünsche der Trans-Bewegung aus. Ausserdem sind Transmenschen überhaupt nicht rechtlich abgestützt. Als Lukas das Gesuch für seine Namensänderung einreichte, musste er Beweisdokumente einsenden, dass er diesen Namen schon verwendet hatte. Bei anderen Personen wurde das Gesuch ohne Schwierigkeiten bewilligt. Es gibt offenbar kein einheitliches rechtliches Verfahren bei der Namensänderung oder dem Personenstand bezüglich Transidentität. Transidentität wird im Klassifizierungssystem der Krankheiten von der WHO nach wie vor unter «Störung der Geschlechtsidentität» aufgeführt. Die Transgender Community ist jedoch aktiv und konnte in kurzer Zeit enorm viel bewirken: Eine Revision der Klassifizierung steht bevor.

Personen wie Lukas zeigen, dass die Gesellschaft zu sehr auf die Stereotype «Mann» und  «Frau» fixiert ist. Obwohl er sich weder mit der weiblichen noch mit der männlichen Geschlechterrolle vollständig identifizieren kann, kommt für Lukas in Zukunft  auch eine Hormontherapie in Frage, womit er ein männliches Erscheinungsbild erlangen würde. Mittlerweile sei er es leid, sich ständig erklären zu müssen, nicht verstanden zu werden und unter  psychischem Stress zu leiden. Deshalb füge er sich der Gesellschaft und gleiche seinen Körper der Identität an, die in der Gesellschaft als «männlich» verstanden wird. Für Lukas sind Anatomie und Identität voneinander losgelöst. Vielleicht wird das eines Tages für alle Menschen so sein.

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Stefan
15. Dezember 2016 10:22

Wow, was für ein spannender Beitrag. Genau für solche Berichte soll/muss es dieses Format geben, merci!

Stefan Zweig
16. Dezember 2016 8:23

Ich freue mich sehr, dass die Studizytig nun endlich auch online gebührend vertreten ist. Vielen Dank auch für diesen wichtigen Beitrag zu einem ausserordentlich komplexen Thema

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