Mein Schattenplatz #4

mein_schattenplatz

Illustration: Moritz Koller

20. August 2017

Schlemihl und der Verlust des Schattens, oder: Wo bleibt die schattenbewusste Gesellschaft?

Peter Schlemihl tauscht seinen Schatten gegen ein Säckchen voller Gold das nie ausgehen wird. So schrieb Adelbert von Chamisso in Peter Schlemihls wundersamen Geschichte. Schlemihl veräussert mit seinem Schatten einen scheinbar unwichtigen Teil unseres Daseins, etwas, das kein Gewicht hat, das wir nicht spüren, das uns nicht hilft. Aber Schlemihl geht es schlecht ohne seinen Schatten: er hat zwar unendliche Reichtümer, kann sich Schloss und Land kaufen, aber alle Mitmenschen wissen, dass er einen Pakt mit dem Teufel eingegangen ist und meiden ihn. Schlemihl sucht den Teufel erneut auf und bittet ihn um Rückgabe seines Schattens. Der Teufel willigt einem Tauschhandel Schatten gegen Seele ein und Schlemihl erkennt, dass die Reichen alle dem Teufel aufgesessen sind und seelenlos ihre Erdentage fristen.

Unser Schatten ist ein Teil von uns über den wir nicht nachdenken. Das ist eigentlich merkwürdig, es macht den Schatten in der oberflächlichen Welt des Scheins zu einer Ausnahmeerscheinung. Wobei es zugegebenermassen auch schwierig ist ausserhalb von fingerverrenkenden Schattenbildern mit seinem Schatten zu imponieren.
Ein Ansatz kann die Mode bieten. Es wäre gar nicht schwierig dem Schatten ein gutes Aussehen zu verleihen. Farb- und Musterkombinationen interessieren ihn herzlich wenig, für einen schönen Schatten spielt es keine Rolle ob die Hose gelb mit grünen Streifen und das dazu getragene Hemd rot kariert ist. Hier kann sich die, oder der, modebewusste Mensch auf neues Territorium vorwagen und Pionierrrollen einnehmen; vielleicht kommt für das Schattenbild der Zylinder wieder in Mode, wer ganz mutig ist nimmt die Halskrause wieder hervor. Die Form dominiert hier klar.

Auch das ideale Körperbild wird herausgefordert: anstelle von bleistiftminendünnen Models werden bierbäuchige HaarkranzträgerInnen die Titelseiten der Schattenvogue beherrschen. An die Stelle von Kraftklubs treten Beizen mit herzhaftem veganen Cordonbleue auf der Speisekarte, statt Gewichteheben nach Arbeitsschluss wird Ausdauersitzen betrieben. Nasenverlängerungen und Ohrenvergrösserungen erreichen in Schönheitskliniken neue Nachfragerekorde.
Die schattenbewusste Gesellschaft nimmt sich die Zeit langsam zu leben und auf die kleinen, scheinbar unwichtigen Dinge im Leben Acht zu geben. Niemand würde mehr auf die Idee kommen, seinen Schatten für Geld zu veräussern. In Städten werden extra Schattenplätze angelegt.

 

 

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