Mein Schattenplatz #3

mein_schattenplatz

Illustration: Moritz Koller

16. August 2017

Mein Schattenplatz, das ist mein Studium. Ein selbstkritisches Pamphlet.

Ich weiss eigentlich nicht viel über mein Studium. Wenn ich mit Komilitoninnen und Komilitonen spreche, dann fühle ich mich oft nicht zugehörig. Studieren wir überhaupt dasselbe? Kürzlich, da fragt mich eine Freundin, was ich von der Vorlesung zur Zivilprozessordnung halte. Ich blicke bei solchen Fragen jeweils etwas beschämt zur Seite. Was sei mit Mobiliarsachenrecht, Obligationenrecht, Verwaltungsrecht? Aber Grundrechte bestimmt, jeder idealistische Jurastudent – und das sei ich ja – interessiere sich doch für Grundrechte? Na gut, aber die Übungen, die Übungen sind wichtig, da bereitet man sich für die Prüfung vor, die besuchte ich doch bestimmt?

Ich friste an der Uni ein Schattendasein. Manchmal kommt jemand zu mir und sagt, er/sie hätte mich in einer Vorlesung gesehen. Ich nicke dann und denke mir, dass das im ersten oder zweiten Semester gewesen sein muss, als ich noch die Übungen besuchte (die Vorlesungen besuchte ich schon damals nicht). Dass ich mein Studium bewältige, ohne mich an der Uni blicken zu lassen, erfüllt mich nicht mit Stolz. Gleichzeitig ist dieser Text aber auch kein Bekenntnis eines Studenten, der jedes Semester aufs Neue an seinen Vorsätzen scheitert. Ich meide Vorlesungen bewusst und nehme mir nichts vor. Warum? Die Gründe sind vielseitig und ich zeige bestimmt nicht mit dem Finger auf jemanden, ohne nicht auch mich selbst in die Verantwortung zu nehmen. Ist es Bologna? Eher nicht. Im Jura-Bachelorstudium gibt es keine Kosten-Nutzen-Rechnungen bei der Kurswahl, denn der Studienplan ist starr wie eine gefrorene Karotte. Liegt es vielleicht daran, dass es sich dabei um ein Massenstudium handelt? Schon eher. Studieren, zumindest in meinem Studium, das heisst in erster Linie lernen, nicht denken. Zum Denken ist kaum Platz, dafür ist das Betreuungsverhältnis zu schlecht und es gibt zu viele Studis, die ihr Studium als Steigbügelhalter für den Aufstieg in die erstbeste Zürcher Wirtschaftskanzlei betrachten, für sie hat es keinen Selbstzweck (ich weiss, das ist ein übles Klischee). Natürlich gibt es auch im Jurastudium einige Rosinen. Die Wahlfächer im dritten und vierten Semester bilden ein dringend notwendiges (aber nicht hinreichendes) Gegengewicht zum einfältigen Wälzen der dünnpapierigen Gesetzestexte. Aber wie war das nochmal mit dem Fingerzeigen? Ach ja, die Selbstverantwortung. Natürlich liegt es nicht nur an der Uni, uns ein gutes Studium zu bieten. Sie macht zwar das einförmige Studienprogramm und pfercht zweihundertfünfzig Studierende in einen Saal. Aber sie verbietet keine kritischen Fragen oder das Engagement während der Stunde. Es mag schwierig sein unter den gegebenen Umständen das Lernen zum Denken werden zu lassen. Trotzdem haben wir Studierenden es teilweise in der Hand. Wir können zwar nicht alleine Segel setzen, aber wir können das Schiff einwassern und mit etwas Glück, gelangen wir in eine gute Strömung.

Ich weiss eigentlich nicht viel über mein Studium. Wenn ich mit Komilitoninnen und Komilitonen spreche, dann fühle ich mich oft nicht zugehörig, denn ich friste an der Uni ein Schattendasein.

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divater
17. August 2017 9:28

ich fand die metapher mit der gefrorenen karotte schön

Prinz Rupert
22. August 2017 17:49

Das ist eine Analogie, keine Metapher. Dennoch schöner Artikel einer schönen Serie!

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