Mein Schattenplatz #2

mein_schattenplatz

Illustration: Moritz Koller

15. August 2017

Wer mich an meinem Schattenplatz besuchen will, sollte sich warm anziehen, denn Wärme ist dort so was von gestern.

Ich mag den Sommer wirklich. Ich mag es, mir beim Rausgehen keine Jacke umwerfen zu müssen. Ich mag es, draussen die vielen frohen Gesichter zu sehen, beim Anstehen in der Eisdiele, beim Flanieren in den Strassen und Gassen, beim Lesen in den Pärken. Ich mag es, mich sowohl in stillen als auch in fliessenden Gewässern abzukühlen. Und doch bin ich kein Sommermensch. Denn obwohl ich sie mag, passe ich nicht in diese Jahreszeit. Die meisten Leute atmen auf, sobald die Sonnenenergie das Quecksilber im Glasröhrchen über die 25 Grad-Marke steigen lässt, denn dann strömt das Leben zurück in ihre Gliedmassen und taut die von Winter und Kälte klamm gewordenen Fingerspitzen auf. Ich hingegen verfalle in eine hitzebedingte Lethargie; der Sommerschlafmodus stellt sich ein. Die Hitze macht mich träge, während sich meine Mitmenschen in einen schier manischen Aktivitätsrausch steigern. Eine solche Sommereuphorie teilnahmslos von aussen betrachten zu müssen, führt natürlich unweigerlich zu Verbitterung. Um nicht vollends zum Sommerzyniker zu mutieren, bleibt mir also nur die Flucht an einen Ort, der mit Schutz bietet, von der Hitze der Sonne wie auch von den nicht minder ermüdenden Sommervibes, die Flucht an einen Schattenplatz.

Meinen Schattenplatz finde ich, wenn all die kleinen Schattenplätze anwachsen, um sich schliesslich zu einem grossen Schattenplatz zusammen zu schliessen: die Nacht. Die milde Kühle der Sommernächte bringt nicht nur die Lebenskräfte zurück, sie wird auch von einer gewissen Nüchternheit begleitet. Im langen Schatten der Nacht fällt die Euphorie der Sommertage von einem ab und die Gedanken werden klarer. Deshalb verbringe ich manchen Sommertag im Schutz der kühlen Häuser um abends im Freien zu erleben, wie meine Lebensgeister langsam erwachen und so manches Gespräch unter Freunden zu geniessen, oder die Zeit zu nutzen um einen klaren Gedanken zu fassen. Bevor uns die Euphorie der Sommertage wieder blendet.

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