«MDFM ist ein Album für jeden und für keinen»

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Many Man, Rapper aus Leidenschaft (Bild: Noah Pilloud)

21. Juli 2017

In der Brasserie Lorraine erzählen Rapper Many Man und Beat Producer Finbugga von ihrem ersten Tape MDFM – Many Drugs for Many und reden über Drogen, Realness und Philosophie.

Beginnen wir mit einer Vorstellungsrunde. Wer seid ihr?

Many Man: Ich bin Many Man und in meiner Freizeit squatte ich sehr gerne und mache Musik. Mehr will ich dazu eigentlich gar nicht sagen.

Finbugga: Ich bin Finbugga aka Max Frisch und mache Beats.

Wofür stehen eure Namen?

Many Man: Einerseits umfasse ich Vieles, trotzdem bin ich aber nur einer von Vielen. Es soll aber auch eine Anspielung darauf sein, dass ich eine multiple Persönlichkeitsstörung habe. Es ist ein Sinnbild für andere Menschen, diese Menschen fliessen aber aus mir.

Finbugga: Mein Name ist ein Akronym: Für immer negativ belastet und gegen gesellschaftliche Abschottung.

Dann reden wir doch gleich über euer Tape. Es ist euer erstes und kam im April dieses Jahres raus, auf Kassette. Warum ausgerechnet dieses Medium?

Many Man: Erstens mal, weil wir real sind. Zweitens hatten wir auch absolut gar keine Lust, eine CD herauszubringen. Zwar hatten wir uns überlegt, es auf Platte zu bringen, das lag dann aber finanziell nicht drin. So blieb uns noch die Kassette.

Finbugga: Kassette kann man auch leicht selbst aufnehmen. Ausserdem ist es ein wirklich schönes Format.

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Many Man und Finbugga im Garten der Brass (Bild: Noah Pilloud)

Wie läuft das ab, wenn ihr zusammen Musik macht?

Finbugga: Normalerweise macht er den Text und ich den Beat. Es kommt aber vor, dass Many mal mit einem Sample angerannt kommt.

Many Man: Das ist beispielsweise so, wenn ich was geschrieben habe und dann irgendeine Vision habe. Dann digge ich eben ein paar Samples und gehe dann zu Finbugga, labere ihn eine halbe Stunde mit meiner Vision voll, bis er dann etwas Brauchbares daraus gemacht hat. Dann wird darüber weiter diskutiert, bis ein Konsens entsteht.

Was ist zuerst da, Beats oder Text?
Finbugga: Meistens hatten wir immer zuerst den Text, danach entstand der Beat.

«Die Drogenthematik ist unser Leitmotiv»

MDFM – Many Drugs for Many. Es geht um Drogen, Sinnlosigkeit und das Kaputtsein. Oder gehts doch um mehr?

Finbugga: Nö.

Many Man: Ich glaube, es handelt sich um ein Tape, das auf vielen Ebenen verstanden werden kann. Kurz gesagt, stellt es schlussendlich das musikalische Äquivalent zu einer Parabel dar. Auch wenn in erster Linie der Inhalt als drogenverherrlichend interpretiert werden kann, versucht der Protagonist eigentlich nur – und das mit viel schwarzem Humor – sich kritisch über die Gesellschaft zu äussern. Es ist aber nicht nur kritisch, sondern sollen die Grenzen der Menschlichkeit aufgezeigt werden und es wird die Frage in den Raum gestellt, was überhaupt Mensch ist. Es wird versucht, aus diesem Konstrukt auszubrechen. Die Drogenthematik ist dabei unser Leitmotiv.

Klingt nach einem sehr konzeptuellen Album.

Many Man: Ja, das ist es auch. Die einzelnen Tracks funktionieren aber auch für sich selber. Es gibt immer wieder Anspielungen auf andere Tracks auf dem Tape. Alles in Allem wird aber dann doch versucht, an einen gewissen Punkt heranzukommen, was man vielleicht aber erst nach mehrmaligem Abspielen versteht.

Was genau versteht der Hörer erst nach mehrmaligem Abspielen des Tapes?

Many Man: Es beginnt mit dem Mythos des Sisyphos mit der Referenz auf Albert Camus Essay dazu. Schlussendlich geht es darum, dass Sisyphos ein erfüllteres Leben hat als Menschen, die die Sinnlosigkeit nicht akzeptieren können. Der Protagonist im Tape versucht nun aus der Sinnlosigkeit auszubrechen. Das Problem dabei ist aber, dass er sich beim Versuch, die Absurdität seiner Existenz zu überwinden, nur kaputt macht.

Hä?

Many Man: Du kannst es dir so vorstellen, dass die äussere Welt an sich keinen Sinn ergibt. Dein inneres Wesen aber sagt dir, dass sie doch einen Sinn ergibt. Das heisst, du projizierst den Sinn deines inneren Wesens nach Aussen. Dadurch lebst du in einer stetigen Absurdität.

«Wir haben kein Zielpublikum»

Ihr fordert von eurem Publikum eine starke Auseinandersetzung mit den Texten.

Finbugga: Nein. Jeder soll selber wissen, was er damit anfangen will. Einfach die Beats zu fühlen ist auch okay. Wir haben kein Zielpublikum. Schlussendlich muss es ja auch unterhaltend sein, sonst hören dich am Schluss drei Leute, die sich die Zeit mit Textanalysen vertreiben. Aber wenn nur ein paar Philosophiestudenten alles verstehen, ist das egal. MDFM ist ein Album für Jeden und für Keinen.

Many Man: Ich glaube auch nicht, dass man es unbedingt auf die heftigste philosophische Art verstehen wollen muss. Klar, es hat immer wieder Anspielungen auf verschiedenste Philosophen. Es wird mit der Frage gespielt, was überhaupt Wahrnehmung ist und was als Realität bezeichnet werden kann. Aber du darfst es natürlich auch sonst einfach hören und toll finden. MDFM ist immer noch mit vielen Hyperbeln und geilen Punchlines gesteckt, und wird von Beats begleitet, die das Ganze wiederum unterhaltender machen. Aber ich verstehe auch Leute, die meinen, dass MDFM drogenverherrlichend ist und die das halt scheisse finden. Schlussendlich ist es sehr vielseitig interpretierbar.

Euer Tape hört sich nicht unbedingt nach der typischen Musikform von und für die Strasse an. Es braucht vor Allem einiges an Vorwissen um dem Text immer folgen zu können. Ist das nicht ein Widerspruch zum Hip-Hop und unreal?

Finbugga: Schon, aber Widersprüche zu machen ist doch auch etwas ziemlich Schönes und das liegt auch im Sinne des Albums. Schlussendlich wurde es nicht für die Leute geschrieben. Aber generell ist eine gewisse Authentizität sicher wichtig.

Many Man: Ich weiss schon, was du meinst. Es sind ja auch sehr komplexe Texte und man muss sich Zeit nehmen dafür. Aber das ist auch ein Anspruch, den ich an mich selbst stelle. Ich hatte das Bedürfnis, etwas zu machen, dass ich selbst noch nicht gehört habe. Es gibt so wenig konzeptuelle Sachen die einen gewissen Tiefgang haben. Darum ist unseres mehr als es scheint und anderes scheint mehr als es ist. Realness ist schon wichtig. Trotzdem drehen wir nicht illegale Sachen wie es in den Tracks erzählt wird. Das wäre ja nicht real. Kokain hat sowieso nichts mit Hip-Hop zu tun.

Im Gegensatz zu anderem Rap, in dem die Aggression meistens nach aussen getragen wird, konzentriert sich die Aggression auf einigen deiner Tracks mehr auf dich selbst, Many Man.

Many Man: Ich spiele sehr gerne mit klassischen Klischees. Normalerweise geht man gegen irgendjemand Anderen. Ich finde aber, dass ich die besten Lines gegen mich selbst verdient habe. Es ist natürlich auch sehr selbstironisch. Das darf man nicht allzu ernst nehmen. So konnte das ganze mit MDFM überhaupt entstehen.

«Was du auf dieser Droge lebst ist nichts anderes als auch ein Bewusstseinszustand.»

In Damit Du Mi Versteisch rapst du: «U hani mini Sprützedosis intus / Landi irä Transzendänz vom metaphysische Solipsismus / U während ig Zentrum vor Galaxie bi /Isches Fakt dass der Mönsch nur e Parasit blibt» Es geht also darum, sein eigenes Bewusstsein durch Drogen überwinden zu können?

Many Man: Das ist jetzt schon etwas banal ausgedrückt. Metaphysischer Solipsismus heisst ja nichts anderes, als dass du das einzig existierende Individuum im Universum bist und dass es nur dein Bewusstsein gibt. Das ist etwas, das du weder verneinen noch beweisen kannst. Hier im Kontext ist die logische Folgerung, dass du durch das Erliegen deiner Droge oder Sucht im Solipsismus landest. Im Grösseren geht es dann darum, dass du gar nicht genau sagen kannst, welches dein wahres Bewusstsein ist. Was du auf dieser Droge lebst ist nichts Anderes als auch ein Bewusstseinszustand. Das wird im selben Track auch noch thematisiert: Heisst wenn du mi im lade spontan triffsch /mi fragsch wiso ig miter Aprikose sprich / Säg i: säubscht weni mini Junkiedosis friss /Vertoui minä Sinne wi dr Aristoteles  – Aristoteles vertraute ja einzig seinen Sinnen und Wahrnehmungen und wollte so auf alles Mögliche schliessen. Ich kehre das Ganze um. Ich sage, dass man das schon machen kann. Aber was man sieht und lebt ist nicht mehr als ein Bewusstseinszustand.

Neben Philosophen werden immer wieder Referenzen zu Literaten, Regisseuren und deren Filme gemacht. Ausserdem habt ihr auch Filmmusik gesampelt.

Finbugga: Wir sind beide sehr filminteressiert. Trainspotting und Clockwork Orange haben uns sicher stark beeinflusst. Das zeigt sich aber nicht nur in den Samples, die wir verwendet haben, man hört das auch aus dem Text raus. Gerade diese zwei Filme sind für uns thematisch sowie musikalisch einfach krass gut.

Many Man: Memento, Trainspotting und Clockwork Orange sind einfach seit Jahren Lieblingsfilme von mir, die ich rauf und runter schaue. Ausserdem ist Christopher Nolan einer meiner Favorites. Das drückt sich dann auch in unserer Musik aus. Ich hole mir meine Inspiration tatsächlich mehr aus Filmen oder Büchern statt von anderen Rappern.

Hört man sich durch euer Tape, sind die zehn Kilo Koks hier und die Ladung Heroin da nicht zu überhören. Warum konsumieren Menschen Drogen?

Many Man: Warum lesen Menschen Bücher? Warum schauen Menschen Filme? Warum machen Menschen dies und das?

Sind Drogen kreativitätsfördernd?

Many Man: Es kann wahrscheinlich schon vorkommen, dass Drogen die Kreativität fördern. Das Tape entstand ohne Hilfe von illegalen Substanzen. Aber es gab sicher schon interessante Erfahrungen. Wir gönnen uns meistens ein paar Zuckerriegel. Das ist auch eine unterschätzte Droge (lacht).

Dann kann es keine Gesellschaft geben, in der Drogen überflüssig sind?

Many Man: Ich würde sagen, dass wahrscheinlich jede Gesellschaft von irgendeiner Droge abhängig ist. Natürlich ist das eine Definitionsfrage. Was sind schon Drogen? Ich bin davon überzeugt, dass jeder Mensch etwas braucht, um aus der Normalität auszubrechen.

Finbugga: Das sehe ich auch so. Kommt darauf an, was wir unter Drogen verstehen.

Was ist eure Droge?

Finbugga: Asbest. Wir leben beide in Asbest-Häusern.

Many Man: Das kann ich unterschreiben. Ausserdem bin ich leidenschaftlicher Imker (lacht).

 

Der erste Auftritt findet am 28. Juli im Kocherpark Bern statt.

Bandcamp: https://tapedeckrecords.bandcamp.com/releases
Soundcloud TDR: www.soundcloud.com/tapedeckrecords
Soundcloud Finbugga: www.soundcloud.com/finbugga
Facebook Many Man: www.facebook.com/manymanbern

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