Kettcars «Sommer ‘89» – Die Macht des Storytellings

und 22. September 2017

«Sommer ’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)» ist mehr als nur ein Lied. Kettcar offenbaren die Macht des Storytellings und verleihen dem Pop wieder gesellschaftliches Gewicht.

Kein deutscher Popsong hatte eine solch explosive Wirkung wie Sommer ‘89 (Er schnitt Löcher in den Zaun) der Hamburger Band Kettcar. Dabei ist die erste Single vom am 18. Oktober 2017 erscheinenden Album Ich vs. Wir etwas, das nur am Rande als tatsächliches Lied bezeichnet werden kann. Denn gesungen wird hier nur der Refrain.

Im Übrigen erzählt Sänger Marcus Wiebusch eine Geschichte. Doch die Art und Weise wie Kettcar Sommer ‘89 präsentieren, ist auch nicht im Spoken Word anzusiedeln. Vielmehr scheint es eine musikalisch untermalte Erzählung zu sein.

So banal dieses Konzept anmutet: es ist mitverantwortlich für die Sprengkraft von Sommer ‘89. Kettcar durchbrechen das klassische Struktur-Korsett des Popsongs. Sie erbringen den längst überfälligen Beweis: Popmusik muss nicht schematisch sein, damit sie Erfolg hat. Doch Sommer ‘89 ist mehr als nur Beispiel für Innovation.

Die musikalische Aufbereitung bildet das Fundament für die Erzählung. Die nahtlose Verzahnung von Story und Musik entfaltet eine bemerkenswerte Wirkung. Sommer ‘89 erzählt von einem Unbekannten, der an der österreichisch-ungarischen Grenze DDR-Bürgern zur Flucht verhilft. Wir wissen nichts über den jungen Mann, der in einer Hamburger WG wohnt. Nicht, woher er kommt. Nichts über die Beweggründe, Löcher in den Zaun zu schneiden.

Und Kettcar beziehen keine Stellung. Sie präsentieren den Hörern die Geschehnisse jenes Sommers als schlichte Gegebenheit und bieten die Möglichkeit, sich in den Protagonisten hineinzuversetzen. Selbst dann, wenn sich in Erzählung Widerstand am WG-Küchentisch aufbaut, bleibt die Band neutral. Die Aktion wird von seinen Kollegen als «menschlich verständlich, aber trotzdem falsch» taxiert. Aus heutiger Perspektive scheint diese Einstellung im Sommer 1989 unheimlich fehlgeleitet, fiel die Mauer doch nur wenige Monate später.

Die historische Geschichte wiederholt sich zwar nicht, doch wenigstens kann die Gesellschaft daraus lernen. Dies ist der Kontext, in den Kettcar ihre Single pflanzen. Dass Argumente gegen die Hilfe von Schwachen selbst dann aufs Parkett gebracht werden, wenn die Zeichen der Zeit schon längst anders stehen. Dass das repressive DDR-Regime eine Fluchtursache war, genauso aber wirtschaftliche Motivation.

Damit öffnen Kettcar das Spannungsfeld zwischen zwei Wertesystemen: Einerseits die politische Rationalität, andererseits die humanistische Moral. Zwischen diesen beiden Idealen gab es jeher eine Kluft. Dass war damals zu DDR-Zeiten so, wie es Kettcar thematisieren. Ebenso gilt es in der heutigen Flüchtlingsthematik, wenn Europa die Krise zu bewältigen versucht, indem sie die Grenzen dicht macht und in der Türkei einen Autokraten unwidersprochen walten lässt.

Die Flüchtlingskrise war vor zwei Jahren das grosse Thema in den Medien. Heute, kurz vor der Bundestagswahl, sind die Flüchtenden den Versprechungen der Politik gewichen. Allerdings verschwindet dieses Problem nicht, nur weil es keine Aufmerksamkeit bekommt. Mit Sommer ‘89 katapultieren Kettcar eine historisch inspirierte Kurzgeschichte ins Rampenlicht und erinnern die Gesellschaft, dass bereits einmal über das Für und Wider gestritten wurde. Dass da Parallelen zum Jetzt bestehen.

Dass Kettcar sich gesellschaftskritisch und politisch zu Wort melden, ist nichts Neues. Mit Der Tag wird kommen hat Marcus Wiebusch als Solo-Künstler die Homosexualität im Fussball behandelt.

Kettcar haben den vielleicht wichtigsten Song des Jahres geschrieben. Bild: Andreas Hornoff

Doch Sommer ‘89 spielt in einer anderen Liga. Die Band demonstriert die Macht des Storytellings. Denn «Storytelling» ist nicht nur blosses Erzählen, sondern knüpft an unser kollektives Gedächtnis an. Es ist eine Strategie, die eine Wirkung beabsichtigt. Man braucht es nicht nur, um eine komplexe Materie wie die Migration einfach zu erklären, sondern spricht auch die Zuhörer auf intensive Weise an. So wirkt Marcus Wiebusch wie der beste Freund, der uns die Geschichte vom Sommer ‘89 erzählt. Das schenkt dem Song eine direkte, intime Kraft. Das Stück kommt uns für einen Popsong ungewohnt nah. Er provoziert Betroffenheit. Ein Gefühl, das wir heute mehr zur Profilierung in sozialen Netzwerken zur Schau stellen, denn es tatsächlich zu umarmen.

Kettcars Sommer ‘89 ist einer der wichtigsten Songs dieses Jahres, wenn nicht gar des Jahrzehnts. Sein Einfluss erstreckt sich über die musikalische, persönliche und gesellschaftliche Ebene. Er ist sozusagen ein umfassendes Werk, das vor zeitgeistiger Relevanz strotzt – so sehr, dass man ihn nicht ignorieren darf.


Dierser Beitrag erschien ursprünglich auf unserem Partnermedium Negativewhite.

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