Bussana Vecchia – Ein Spaziergang durchs «villagio degli artisti»

18. Oktober 2017

Eine internationale Gemeinschaft von Kunst­schaffenden und eine autonome Zone – das verspricht das Ruinendorf Bussana Vecchia. Als einzige Ortschaft Italiens, neben Venedig, gibt es dort auch virtuelle Spaziergänge via Google Street View. Bereits Walter Benjamin besuchte Bussana Vecchia und 70 Jahre später Michail Gorbatschow. Was hat es mit diesem kleinen Dorf auf sich?

Vorbei an den teuren Villen der italienischen Riviera schlängelt sich die Strasse Richtung Berggipfel. Die pompösen, von hohen Hecken umgebenen Bauten suggerieren, dass es hierhin wohl eher die etwas besser Betuchten verschlägt – Meeresblick garantiert. Je weiter man der Strasse jedoch nach oben folgt, desto häufiger muss man Schlaglöchern ausweichen. Das Bild von einer reichen Gegend beginnt allmählich zu bröckeln. Auf einer alten Villa, sicherlich seit Jahren verlassen, steht «Vendesi», zu verkaufen, die Telefonnummer dazu wurde direkt an die Hauswand gesprüht. Hinter der nächsten Kurve öffnet sich die Sicht und gibt den Blick auf das Ruinendorf Bussana Vecchia frei, das in der Ferne über der Landschaft thront.

Nähert man sich dem Dorf, stösst man auf eine kilometerlange Autokolonne am rechten Strassenrand, während am linken nur eine schmale Mauer aus rotem Backstein vor dem Fall in den Abgrund schützt. So wird in Bussana Vecchia parkiert. Neben den teuren deutschen Sportwagen – nicht selten mit deutschem Nummernschild – stehen die billigeren Fiats, denen oft schon ein Rückspiegel fehlt. Anhand der Autos lässt sich schnell erahnen, wer hier bloss zu Besuch ist und wer hier wohl schon länger lebt.

Hat man mit etwas Glück einen Parkplatz nicht allzu weit vom Dorf entfernt gefunden, wird man nach einem kurzen Fussmarsch vom Restaurant «La Casaccia» begrüsst. Die halbe Strasse einnehmend, bieten die Tische eine wundervolle Aussicht auf das Meer und die umliegenden Hügel. Am Abend werden hier «Rostelle», Spiesse aus Ziegenfleisch, auf dem Grill zubereitet und serviert. Hier ohne Reservation einen Tisch zu bekommen, wird schwer.

Entstehungsmythos und der Staat

Vermutlich in jedem ligurischen Reiseführer zu finden, strömen jährlich tausende Reisende nach Bussana Vecchia, um zu sehen, was es mit diesem «villaggio degli artisti», wie es auf dem Wegweiser beschrieben ist, auf sich hat. Dabei war Bussana Vecchia lange Zeit ein ganz normales Dorf in den Bergen Liguriens, bis es 1887 von einem Erdbeben heimgesucht wurde. Laut der Legende, die man sich heute im Dorf erzählt, rannten die Gläubigen in die Kathedrale in der Mitte des Dorfes, um ihre Rettung bei Gott zu finden. Doch das Dach stürzte ein und all die Betenden wurden verschüttet. Nur der Pfarrer, der sich unter einer schützenden Kuppel beim Altar befand, überlebte den Einsturz. Die Nichtgläubigen flüchteten auf das anliegende Feld und überlebten das Erdbeben.

Anstatt das Dorf wiederaufzubauen, siedelte der Staat die Opfer näher zum Meer um. So kam es, dass Bussana für Jahrzehnte leer stand. Die Überlebenden wohnten von nun an im neu erbauten Bussana Nuova, während das Original den Bei­namen «Vecchia», italienisch für alt, erhielt.

Eine der vielen Gassen, die zum Flanieren einladen.

Anfangs der 1960er-Jahre wurde dem verlassenen und verschütteten Dorf neues Leben eingehaucht. Im Zuge des Zeitgeistes von «Flower-Power» und der Suche nach alternativen Gesellschaftsformen, trieb es zahlreiche Kunstschaffende aus ganz Europa in das kleine Dorf, die einen neuen Lebensraum suchten. Sie verfolgten die Vision einer durch die Kunst verbundenen Gemeinschaft. Die Häuser wurden wiederaufgebaut und Ateliers errichtet – die inoffizielle Gemeinde von Artistinnen und Artisten war erschaffen.

Erstmals ins Licht der Weltöffentlichkeit geriet Bussana Vecchia im Jahr 1968. Die italienischen Behörden hatten den Auftrag, das Dorf von den Besetzenden zu räumen. Um diesem Schicksal zu entgehen, wandte sich die Dorfgemeinschaft an die internationale Presse, die das Geschehen dokumentieren sollte. Weil sich der italienische Staat vor negativer Berichterstattung durch eine gewaltvolle Räumung fürchtete, wurde das Unterfangen abgebrochen; die Besetzenden blieben. Seither gab es weitere Räumungsbefehle – den letzten im Jahr 1999 –, die jedoch stets ohne Folgen blieben. Die Besitzrechte sind bis heute nicht geklärt.

Wovon das Dorf heute lebt

Nach einem kühlen Aperol Spritz vor der «Casaccia» kann es weitergehen. Man kommt am «Turning Point» vorbei, wo die Taxis halten und die Autos drehen können. Jenseits der «Campagnetta», der Dorfwiese, öffnet sich das Dorf nun dem Besuchenden. Zahlreiche Ateliers und Geschäfte zieren die engen Gassen, die Bussana durchziehen. Maler, Bildhauerinnen, Kunstschmiede, Musikerinnen; kurz: Kunstschaffende aller Art bringen diesen Ort zum Leben. Mit Leichtigkeit verliert man sich und landet in der «via degli archi». Neben den Workshops, in denen die Kunstschaffenden die Früchte ihrer Arbeit zu verkaufen versuchen, gibt es zahlreiche Ausstellungen und Projekte, die unentgeltlich gezeigt werden. Die Galerie ­«Laboratoria Aperto» bot zum Beispiel diesen Sommer sechs russischen KünstlerInnen eine Plattform, um ihre Werke zu zeigen. Über das ganze Dorf verteilt konnte man sich einer Ausstellung von Schwarzweissfotos aus dem Alltag russischer Kleinstädte ergötzen. Trotz der grossen Anzahl von Besuchenden wirkt das Dorf nicht sonderlich touristisch: Es gibt keine «I Love Bussana Vecchia»-Shirts oder bunte Postkartenständer. Dafür gibt es mittlerweile Angebote auf Airbnb, bei denen Gäste eine ganze Wohnung für ein paar Nächte mieten können.

Die Bewohnerinnen und Bewohner sind nach wie vor nicht Eigentümer der Häuser und bewegen sich deshalb in einer rechtlichen Grauzone.

Da sich viele Bewohnerinnen und Bewohner mit dem Kunstverkauf allein nur mit Mühe über Wasser halten können, besitzen die meisten mindestens einen Zweitjob. Rinnt das Dach, ist Eigeninitiative geboten, da für Reparaturen an den oft baufälligen Gebäuden selten Geld vorhanden ist. Die Bewohnerinnen und Bewohner sind nach wie vor nicht Eigentümer der Häuser und bewegen sich deshalb in einer rechtlichen Grauzone. Durch das enge Zusammenleben mit wenigen Regulationen kommt es auch immer wieder zu Streitigkeiten zwischen Ansässigen. Überhören kann man diese kaum. «Che cazo voi!» hallt es von den Wänden der Gassen wider und nimmt spielend den kleinen Radius des Dorfes ein. Arten diese Streitigkeiten aus, kommt es nicht selten vor, dass die Polizei bis hoch ins Dorf vordringt und eine schlichtende Rolle übernehmen muss. Lässt sich denn das heutige Bussana Vecchia überhaupt noch mit dem ursprünglichen Ideal einer autonomen Künstler­Innengemeinschaft in Einklang bringen?

Begegnung in der «Osteria»

Seit das Dorf wiederaufgebaut wurde, ist die «Osteria» der Treffpunkt schlechthin. Durch die Lage im Herzen des Dorfes und trotzdem mit Sicht auf das Meer, ist sie ein beliebter Treffpunkt. An manchen Tagen wird hier sogar Live Musik gespielt.

Bei einem Gin Tonic erzählt Marie-Eve ihre Sichtweise der Dorfentwicklung. Geboren in Paris, verbrachte sie als Kind so manchen Urlaub in Bussana Vecchia. In den 1990er Jahren – als sie 25 Jahre alt war – entschloss sie sich, in das kleine Dorf zu ziehen, und wurde so Teil der Gemeinschaft. Künstlerisch ist sie als Skulpteurin, Kostümbildnerin und Malerin aktiv. «Bussana ist eine Leinwand, auf die jeder das projiziert, was er sehen will», sagt sie. Das Dorf rege die Fantasie an und lasse träumen. «Die Realität ist jedoch oft bitterer.» Marie-Eve erzählt von Leuten, die voller Energie und mit grossen Plänen ankamen. «Nach ein paar Jahren Bussana wurde ihnen jedoch bewusst, dass ihre Vorstellungen und Erwartungen doch nur ­Illusionen waren. Der Fall war dementsprechend tief.» Wie so oft, fehlte es am Geld: Italien unterstützte zwar die Erhaltung alter Kulturgüter, für die Förderung zeitgenössischer Künste blieb jedoch wenig übrig. Marie-Eve sieht jedoch auch eine positive Seite: «Bussana kann nicht die Möglichkeit für den Durchbruch bieten, aber die Erfahrung wirkt bereichernd für die künstlerische Entwicklung. Viele, die hier scheiterten, haben anderorts erfolgreiche Projekte gestartet.»

Für sie ist klar, dass das Ideal einer Gemeinde von KünstlerInnen nicht mehr existiert. Die Vorstellungen und Ansprüche der Ortsansässigen an die Gemein­schaft seien so divers wie ihre Nationalitäten – und Bussana sei in dieser Hinsicht ein kleines Europa. Die Kunst sei präsent, jedoch lasse sich kaum von einer Gemeinschaft sprechen, die durch sie verbunden ist. «Viele haben eine ganz andere Vorstellung von dem, was Kunst ist.» Kooperation sei deshalb begrenzt und der Schaffensprozess eher individualistischer Natur. Obwohl der Kern des Dorfes noch aus Kunstschaffenden bestehe, seien heute längst nicht mehr alle in diesem Bereich tätig.

Alternative Geschichts­schreibung

Dadurch, dass Marie-Eve seit Jahren ein eigenes, kleines Archiv über Bussana Vecchia führt, kann sie auch weitaus mehr über die Geschichte erzählen als sonst wo zu finden ist. So lässt sich in keiner der verfügbaren Schilderungen etwas über die Geschichte unmittelbar vor der Besetzung der Künstlerinnen und Künstler finden. In den 1950er Jahren fand eine grosse Abwanderung vom Süden Italiens in den wirtschaftlich stärkeren Norden statt. Neuankommende liessen sich in Bussana Vecchia nieder, wohnten kostenfrei, und arbeiteten für die Blumenindustrie, die nach wie vor in Ligurien präsent ist. Während der Staat die erste, romantischere Besetzung halbwegs duldete, wurden die Zugezogenen mit allen Mitteln vertrieben. Höhepunkt dieser Entwicklung war die Zerstörung einiger Teile des Dorfes, um es unbewohnbar zu machen. Das Erdbeben war über die Zeit hinweg nicht die einzige destruktive Kraft in Bussana Vecchia.

In den 80er Jahren setzte eine neue Entwicklung ein. Marie-Eve berichtet von einem zunehmenden Immobilienhandel im Dorf. «Die Lire war damals eine schwache Währung. Leute aus dem Ausland nutzten diese Chance, um erschwingliche Häuser zu erwerben.» In keinem ­Immobilienbüro zu finden, lief der Ankauf der Häuser primär über Beziehungen. «Der Zusammenhalt in der Gemeinschaft wurde immer schwächer, denn viele der Käufer widmeten sich ganz anderen Sachen und nutzten ihren Sitz in Bussana bloss als Feriendomizil.» Zweithäuser bedeuten jedoch nicht zwingendermassen Urlaub: Es kamen auch neue Kunstschaffende in das Dorf, die noch heute Zeit in ihrem Haus verbringen, um etwa die nötige Ruhe und Inspiration für eines ihrer Projekte zu ­finden. Das sorgte jedoch für eine ganz andere Dynamik. Lebt und wirkt jemand an einem Ort, unterscheidet sich seine Perspektive von einer Person, die zwar von Zeit zu Zeit dort verweilt, jedoch ein ganz anderes Zielpublikum hat.

«Es sind gerade die Kunstschaffenden von ausserhalb, die vielleicht einen Teil ihrer Kunst in Bussana produzieren, jedoch für einen anderen Markt, die von ihrer Kunst leben können.» Marie-Eve nennt einen ortsansässigen Künstler, der seine Werke in London verkauft. Auch Leute aus dem Theaterwesen hätten Standbeine in Bussana Vecchia, seien aber auch in anderen Teilen Europas tätig. Darunter in Turin, Paris, am berühmten Theaterfest in Avignon, oder sogar im Kanton Bern.

Bevor Marie-Eve sich verabschiedet, erwähnt sie eine kleine Anekdote, wie ihr beim Rausbringen des Mülls Michail Gorbatschow und seine Frau begegneten. Als ihr ein Freund euphorisch zurief, der russische Staatsmann sei auf dem Weg nach Bussana Vecchia, schüttelte sie nur ungläubig ihren Kopf. Erst als sie dann die schwarzen Limousinen anfahren sah, glaubte sie seinen Worten. Obwohl es bei einem kurzen Besuch blieb, war es für sie doch ein kleines Zeichen der Anerkennung. «Eine kleine Geste, welche die Existenz Bussana Vecchias bejahte.»

Blick in die Zukunft

Der Weg führt durch eine enge, steile Gasse weiter ins Herz des Dorfes. Bald trifft man auf die kleine Kirche «San Giovanni Battista». Durch ein Eisentor sieht man hinein. Auch hier ist das Dach durch das Erdbeben eingestürzt und die Natur im Begriff, das Kirchenschiff zurückzuerobern.

Während sich ein Teil der Ansässigen für Ordnung und Stabilität ausspricht, halten andere umso stärker an der Vorstellung eines autonomen Gebietes fest. Das erschwert es den Bewohnerinnen und Bewohnern gegen aussen als Einheit aufzutreten. Dieses Ringen der Ideologien könnte sich jedoch bald von selbst lösen: Der italienische Staat gab nämlich der Nachbarstadt Sanremo den Auftrag, Bussana Vecchia in ihre Verwaltung einzugliedern. In der Folge würde die rechtliche Lage geklärt werden. Zusätzlich wären zahlreiche Eingriffe in Bereichen wie Sicherheit oder Infrastruktur durchzuführen. Das kostet aber und Sanremo fehlt es an Geld.

Für eine allfällige Klärung der Rechtslage müssten viele Fragen beantwortet werden: Grundstücke mit Meersicht werden hoch gehandelt. Stehen diese nun den Besetzerinnen und Besetzern zu, welche die Häuser selber wiederaufgebaut haben und schon seit Jahrzehnten bewohnen? Oder wird Sanremo diese an den Höchstbietenden verkaufen, um die Legalisierung zu finanzieren, und damit die bisherigen Bewohnerinnen und Bewohner auf die Strasse setzen? Wird unterschieden werden zwischen Ansässigen mit italienischer Staatsbürgerschaft und jenen aus anderen Nationen? Ob es ein Zweithaus oder der erste Wohnsitz ist? Was ist mit Steuern? Kurz: Wie geht ein moderner Staat mit einem alternativ organisierten Dorf wie Bussana Vecchia um? Die Zeit wird zeigen, ob das Dorf, wie bisher immer, seine Autonomie behalten darf. Bis etwas geschieht, geht alles nach dem Alten.

«La Barca»

Ein paar Schritte neben der kleinen Kirche stösst man auf einen sehr ausgefallenen Garten. Erst vor ein paar Jahren aufgebaut, versuchen die Besitzer, den Geist der ersten BesetzerInnen weiterleben zu lassen. Durch ein offenes Holztor, das links und rechts mit Götzenmasken, Wandtrophäen und weiterem Firlefanz geschmückt wurde, tritt man hinein. Über dem Eingang prangt ein Schild mit der schnörkeligen Inschrift «La Barca». Inmitten freilaufender Hühner und Gänsen bietet sich den Besuchenden ein Platz der Begegnung. Sessel in den verschiedensten Kunststilen, skurrile Objekte aller Art, ohne scheinbaren Zweck, und Gespräche in den unterschiedlichsten Sprachen charakterisieren diesen Ort. Hier kann man hinkommen, Wein trinken, musizieren, oder auch einfach nur entspannen – ganz ohne Zwang. Bezahlt wird nach eigenem Ermessen in eine Kollekte.

Der Weg zurück zum Auto führt entlang der kleinen Kirche über die «Campagnetta» und an der «Casaccia» vorbei talwärts. Wer sich angesichts des erhöhten Alkoholpegels die kurvige Strasse Richtung Bussana Nuova nicht mehr zutraut, muss sich keine Sorgen machen. In der «Barca» gibt es einen Schlafplatz für alle.

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