«Nein, ihr Wixxer, ich mache ein Rapalbum»

Tommy Vercetti

Simon Küffer alias Tommy Vercetti. Bild: Sam von Dach

und 27. Mai 2017

Simon Küffer alias Tommy Vercetti plöiderlet beim Picknick im Breitschpärkli über die Gerechtigkeit im Gym und das Problem von Rutschbahnen am Arbeitsplatz.

Du hast als Treffpunkt für dieses Gespräch die UBS im Breitsch vorgeschlagen. Ausgerechnet vor der UBS?

Ich wohne dort in der Nähe, da steckt keine versteckte Botschaft dahinter. Es hat übrigens Vorteile bei der UBS zu wohnen: Das ist der sicherste Ort im Quartier.

Ausser wenn Vandalierende vorbeigingen und Scheiben einschlugen.

Das wäre easy für mich.

Als wen möchtest du interviewt werden? Als Musiker Tommy Vercetti oder als politische Person des öffentlichen Lebens Simon Küffer – oder sind diese Figuren identisch?

Ich bin nicht so der Typ mit einem alter Ego. Aber in der Öffentlichkeit bin ich schon hauptsächlich Tommy Vercetti. Dann kann ich mich im Privaten ein bisschen zurückziehen. An die Uni komme ich jeweils ohne Lederjacke, dann erkennen mich die Leute nicht.

Gut, dann steigen wir gleich 
mit Musik ein. In deinem Song «La Calavera Viviana» rapst du: «Doch im Momänt simer nume Seiltänzer überem Abgrund, nur gradusloufe egau wome achunt, nüt dänke, nüt bezwiifle, weder linggs no rächts, stang stiu e chli zviu e chli z lang – dis Päch.» Die Metapher des Seiltänzers ist ein zentrales Motiv bei dir.

Schön sprecht ihr mich darauf an! Manchmal ist man sehr stolz auf eine Stelle, aber niemand spricht dich je darauf an. Dann denke ich «What the fuck, ist das völlig untergegangen? Oder hat’s niemand gecheckt?» Das Bild des Seiltänzers entstand zuerst in der Crew und war auch selbstverherrlichend gemeint: Wir hatten zu dieser Zeit Raphype und Battletexte, waren auf der Strasse beliebt und kamen gleichzeitig auch bei den Politischen und Intellektuellen an – wir konnten da so ein bisschen seiltanzen eben. Aber das Bild des Seiltänzers lud sich immer mehr mit Bedeutungen auf. An der Stelle im Album, wo die Passage auftritt, geht es ans Eingemachte: Du stirbst und fragst dich, was hast du eigentlich in deinem Leben gemacht. Nach meinem Glauben hat man ein einziges Leben. Dieses könnte man mit seiner Familie, seinen Freunden verbringen, damit, schöne Dinge in der Welt zu sehen, man könnte Sex haben oder fein essen. Aber einen Grossteil davon verbringen wir mit der Arbeit, also mit etwas, das wir gar nicht unbedingt machen möchten. Und das auf einem globalen Produktionsniveau, wie es schlicht nicht nötig wäre! Aber das überlegen wir uns gar nicht und genau darum geht es beim Seiltänzermotiv: Du hast einen vorgegebenen Weg und diesen musst du gehen. Das Risiko runterzufallen ist nämlich kleiner, wenn du dich bewegst. Wenn du stillstehst und dir überlegst «was mache ich hier?», dann beginnst du zu schwanken. Wir müssen nach vorne schauen, nach vorne gehen, ständig. Wer still steht, nach rechts oder links schaut, sich nach Alternativen umsieht oder zurückwill, der fällt.

«Man könnte Sex haben oder fein essen. Aber einen Grossteil unserer Zeit verbringen wir mit arbeiten.»

Im Lied geht es um den Tod. Macht der Tod das Leben bewusster?

Absolut. Wenn dieses Leben das einzige ist und nachher nichts mehr kommt, dann ist das auch der einzige Raum für deine Liebsten, deine Kinder, deine Freunde etc. Wenn die definitive Endlichkeit in der Gesellschaft bewusster wäre, würde man wahrscheinlich auch bewusster mit dem Leben umgehen.

Ist der Tod ein Tabuthema in unserer Gesellschaft?

Ja! Schon die Medien vermitteln quasi das Bild: Wir sind immer jung und leben ewig. Und wir verhalten uns, treffen Entscheidungen und handeln so, als würden wir ewig leben.

Was ist denn mit dem YOLO-Hype? You only live once – 
ist das nur eine Farce?

Ein Vorgang, den ich seit längerem sehr krass beobachte ist, dass sich linke oder emanzipierende Denkfiguren halt auch drehen oder vereinnahmen lassen. Ich habe mal eine Kolumne zu diesem Thema geschrieben. Dafür habe ich mir zahlreiche Slogans angeschaut und mir vorgestellt, wie es wäre, wenn ich vor einem Einkaufsregal stünde und mir überlegte: «Kaufen oder nicht kaufen?» Und dann käme jemand und würde zu mir sagen: «Just do it.» (Nike) «Risk everything.» (Nike), «Don’t be maybe.» (Marlboro) oder eben «You only live once.» Es funktioniert alles super. YOLO ist eine authentische Forderung der Menschen und eine Einstellung, die ich unterschreiben würde. Aber sie wird instrumentalisiert für Werbung und Image. Denn die Folgerung könnte ja auch sein: Lies Dostojewski oder verbring Zeit mit deiner Grossmutter.

Du kannst enorm geschickt 
mit Sprache umgehen 
und hast starke Prinzipien. Trotzdem hast du in deinen Texten teilweise ziemlich primitive und sexistische Passagen. Wie lässt sich das vereinbaren?

Oh nein, dieses Thema! Dazu möchte ich zwei wichtige Klammern anfügen, eine selbstkritische und eine rechtfertigende. Erstens kann ich mich aus dieser Sache nicht herausreden. Ich habe darauf keine vollständig rechtfertigende Antwort und finde es selbst widersprüchlich und ja, auch heikel.
Die rechtfertigende Antwort: Ich behaupte, niemand von uns kann sich zu einem ahistorischen Subjekt machen. Sagen wir, ich hätte eine Affinität für billige Pornos mit herabwertend dargestellten Latinas. Nun komme ich eines Tages zur Erkenntnis, dass das sexistisch sei. Aber obwohl ich das nun weiss, ich werde das in der Woche darauf immer noch geil finden. Das ist jetzt sehr dumm ausgedrückt, aber ich kann mich nicht nur durch eine Erkenntnis zu einem anderen Menschen wandeln. Du bist halt trotzdem immer noch dieselbe Person mit deinen Widersprüchen, deiner Vergangenheit. Und ein grosser Teil von diesen Dingen ist halt in mir drin und kommt auch so raus. Aber ich versuche beim Schreiben jeweils ein Gleichgewicht zu halten zwischen dem kritischen Umgang und dem Ich-Sein. Ich möchte nicht die ganze Zeit beim Schreiben ein Über-Ich haben, das mir sagt: «Nein, das kannst du nicht sagen, das ist moralisch nicht in Ordnung.» Ich kann nicht allen Ansprüchen gerecht werden. Sonst mache ich am Schluss Musik wie Hansi Hinterseer. Ich sage nicht, man müsse als Rapper bis 40 ein pubertäres Vokabular beibehalten, aber die Anstössigkeit muss man bewahren. Rap ist, obwohl seit Jahren existent, immer noch Subkultur geblieben. Die Radios spielen die Musik nicht, die Leute stören sich daran, die Zeitungen bringen nur Rezensionen mit Phrasen wie «fern von Rapklischees». Als wäre das gut… aber nein, ihr Wixxer, ich mache ein Rapalbum – 
warum soll es nicht wie Rap klingen? Ich will mich davon nicht distanzieren!

«Beides ist relevant: Die grosse Revolution, aber auch, dass im Quartier eine neue 20er-Zone geschaffen wird.»

Apropos Subkultur: Deine Texte sind radikal und du hast ein relativ grosses junges Publikum. 
Wächst hier eine radikale Generation heran?

Stell dir vor, wie einfach die Welt wäre, wenn alle, die mich hören, linksradikal würden. Wir, die ganze Crew, machen alle sehr durchmischte Musik und ich denke, die Hörer picken sich heraus, was ihnen gefällt. Vielleicht erinnert sie «Brief a mi säuber» ein bisschen an ihre Beziehung, aber sonst hören viele vor allem die EFM-Halligalli-Sachen. Ausserdem kannst du jemanden cool finden, ohne dich mit dieser Person politisch zu identifizieren. Ich liebe 50Cent, wir teilen aber höchstwahrscheinlich nicht die gleiche politische Einstellung. Und dann gibt es natürlich auch einfach Verständnisschwierigkeiten. Es haben mir schon offensichtlich Rechte geschrieben, sie würden «Seiltänzer» feiern. Da dachte ich, na gut, dann habt ihr wohl zwei, drei Aussagen verpasst, oder es ist euch einfach egal, das respektiere ich auch. Aber trotz der Gefahr, falsch verstanden zu werden, bin ich der Meinung, dass Kunst eine gewisse Mehrschichtigkeit beibehalten sollte. Kunst hat eine andere Aufgabe als Politik. Du darfst dir eine grössere Komplexität erlauben, du kannst tiefer gehen. Du hast nicht bloss ein Thema und eine Aussage pro Lied. Auf «Seiltänzer» habe ich ein, zwei Lieder, die mir aus heutiger Sicht zu fest in diese Richtung gehen. Die klingen dann eher wie ein Parteiprogramm.

Welche?

Äh fuck. Zum Beispiel «Blasses Rot». Das ist ein bisschen zu explizit. Oder auch «Dritti Hand», in dem es um die Medien geht. Heute würde ich das nicht mehr so schreiben. Heute wären das vielleicht Notizen zu einem Song.

Gibt es auch Songs, die du bereust?

Bereuen ist das falsche Wort – 
man kann sich selber nicht voraussein. Aber es gibt schon Songs, die ich heute nicht mehr so machen würde. Das sind aber nicht einmal die primitiven Sachen, ich finde die haben ihre Berechtigung –
ausserdem haben sie auch Spass gemacht. Ich denke mehr an Songs, bei denen ich mich zu eindimensional oder zu plakativ ausdrücke. Schlussendlich ist das aber immer eine Verhältnisfrage. Man muss sich fragen: Für wen mache ich meine Kunst überhaupt und wer soll sie verstehen?

Wie beantwortest du diese Frage für dich?

Ich weiss nicht genau. Gewissermassen kommt da wieder das Seiltänzer-Bild: Es ist eine Gratwanderung, ein Balanceakt. Man kann es nicht allen recht machen, aber ich bin überzeugt, du kannst ein Level haben, auf dem die Gebildeten immer noch amüsiert sind und du gleichzeitig die, die nicht alles auf Anhieb schnallen, nahe genug hast, um sie raufzuziehen. Es gibt doch diese Textschwierigkeit, bei der einem sofort die Freude vergeht – ich lese Hegel und nach 20 Seiten denk ich: «Leckt mich am Arsch». Und es gibt Texte, die man vielleicht nicht auf Anhieb versteht, die aber herausfordern und die man vielleicht in drei Jahren oder mit dem Fremdwörterduden daneben nochmal zu lesen versucht. Aber man kann auch mit einfacher Sprache viel machen. Gerade Brecht ist ein gutes Beispiel dafür: Er hat extrem intelligente Dinge geschrieben, aber ist sprachlich immer einfach geblieben.

«Es gibt schon Momente, in denen mich ein leichter Wind von Fatalismus anhaucht.»

Du hast in den letzten Jahren eine gewisse Nähe zur Realpolitik entwickelt. Letztes Jahr hast du für die «Partei der Arbeit» (PdA) für den Berner Stadtrat kandidiert und mit deiner Kolumne bei «Journal B» hast du neben der Musik 
einen neuen Pfad erschlossen. Ausserdem gibst du auf Facebook Abstimmungs
empfehlungen…

… schön beobachtet.

Woher kommt das?

Ganz sicher ist da eine zeitliche Komponente. Dadurch, dass die Musik immer besser läuft und ich mich auch in akademischer Richtung entwickeln kann, habe ich mehr Zeit zum Lesen und Schreiben. Andererseits habe ich es mir früher auch einfach gemacht und gesagt: Das Tagesgeschehen geht mir irgendwie halt am Arsch vorbei und die Realpolitik sowieso. Ich interessierte mich für die grösseren Zusammenhänge. Damals habe ich vor allem Philosophie und Literatur gelesen. Und dann kommt irgendwann der Moment, in dem einem klar wird, dass es vielleicht doch nicht so einfach ist. Beides ist relevant: Die grosse Revolution, aber auch, dass im Quartier eine neue 20er-Zone geschaffen wird. Und dann habe ich gerade nach «Seiltänzer» auch gemerkt, dass ich zu einer Einflussgrösse wurde. Die Jungen hören auf mich, damit kommt auch eine gewisse Verantwortung. Gerade bei den Abstimmungsempfehlungen habe ich ein Interesse, dass in der Sache richtig abgestimmt wird. Und irgendwie glaube ich halt auch, ein Künstler sollte sich politisch positionieren oder exponieren.
Ich muss aber sagen, dass mir das Ganze in letzter Zeit etwas zu viel wurde. Meine «Journal B»-Kolumne werde ich nicht weiterführen. Auch die PdA-Kandidatur war ein Solidaritätsakt, ich habe versucht, das so zu kommunizieren. Die Musik will ich weiterführen, auch weil es mir Spass macht. Dafür muss ich mir aber auch eine gewisse Unabhängigkeit bewahren. Ich kann nicht als Minnesänger der PdA oder der JUSO auftreten.

Im Song «Blasses Rot» sagst du: «Drum isch die ganz scheiss Politik es Schiintheater, legitimiert d Handlige vomne chlyne Ateil, vor Bevölkerig wo Gäud het (…)». Sieben Jahre später kandidierst du für die PdA. Hat sich deine Meinung zum Parlamentarismus gewandelt?

Ich war nie Anti-Parlamentarismus. Schon vor «Seiltänzer» ging ich in die Reitschule und setzte mich in Diskussionen fürs Wählen ein. Ich war z.B. auch immer der Meinung, man sollte abstimmen gehen. «Blasses Rot» ist halt Musik und lebt von einer gewissen Überspitzung und Radikalisierung. Gerade dieser Song ist sehr plakativ. Aber das gehört halt auch zu Rap: Ein Song hat vielleicht drei Strophen und ist kein Buch von 300 Seiten. Du kannst gewissen Argumentationen auf so engem Raum gar nicht gerecht werden. Wie gesagt, ich bin nicht anti-parlamentarisch, aber ich denke der Parlamentarismus hat seine sehr engen Grenzen. Ich finde, die sollten wir ausloten, gleichzeitig bin ich aber überzeugt, dass man gewisse Probleme nicht parlamentarisch lösen kann.

«Eine Krankenschwester, die sich totarbeitet und gopferdami nichts verdient, ist genau gleich wie ein Bankmanager, der 40 Millionen im Jahr verdient»

Der slowenische Psychoanalytiker Slavoj Žižek hat einmal gesagt: «Die schlimmsten Sklaventreiber sind jene, die ihre Sklaven gut behandeln». Damit würde der grosse Umbruch verhindert, weil diese Hilfe im Kleinen die tatsächlichen Verhältnisse überdeckt. Wenn der WWF Bäume pflanzt, dann sieht man irgendwann nicht mehr, dass der Wald eigentlich gerodet wird. In einer «JournalB»-Kolumne belächelst du aus dem gleichen Grund den «kumpelhaften-Chef»: Der Chef, der nett zu seinen Angestellten ist, verschleiere die faktischen Machtverhältnisse. Ist eine gute Führungsperson böse zu seinen Angestellten?

Das ist ja kein Vorwurf an diese individuelle Person. In den westlichen Industrieländern hat man in gewissen Branchen das Problem, dass die Macht nicht mehr böse, repressiv und disziplinierend daherkommt, sondern nett, lächelnd und motivierend. Doch dadurch geht vergessen, dass unter der Maske immer noch Macht ist. Google ist womöglich das mächtigste Unternehmen auf der Welt, mit einer Machtfülle an Daten und Kapital, die jedes Reich, das je existierte, übertrifft. Aber wenn man an den Unternehmenssitz geht, dann hat es eine Rutschbahn vom zweiten in den ersten Stock und man kann Ping-Pong spielen. Das ist ein Problem. Man kommt nicht mehr mit der Peitsche, sondern mit dem Zuckerbrot, mit Spass und Unterhaltung. Dabei geht vergessen, dass man sich in einem Ausbeutungsverhältnis befindet, dass man immer noch Machtstrukturen unterworfen ist. Das ist dann auch ein perfekter Demokratie- oder Partizipationsersatz. Man sagt dir: «Schau, du kannst zwar nicht mitbestimmen, aber es ist ja sowieso cool.» Das ist ein Problem und dort bin ich auch voll und ganz mit Žižek. Schon in seinen älteren Texten unterschied er verschiedene Formen von Macht. Macht kann mit Gewalt durchgesetzt werden, mit Bezug auf eine höhere Macht oder, und das ist die gefährlichste Form, indem man die Leute glauben macht, dass sie etwas selber wollen.

In einer anderen Kolumne machst du dir Gedanken über die Gerechtigkeit und stellst dabei eine Theorie zum Fitnesshype unserer Zeit auf. 
Du schreibst, dass das steigende Bedürfnis ins Gym zu gehen, einem Mangel an Gerechtigkeit im Kapitalismus entspringe. 
Ist diese Erklärung nicht zu romantisch? Sind wir nicht einfach oberflächlich geworden?

Mir ging es darum, nicht von dieser Seite an das Problem heranzutreten. Ich habe viel über diesen Gym-Hype nachgedacht. Gerade für mich, der noch aus einer anderen Generation kommt, 
ist es wirklich ein krasser Hype. Es gibt einen Haufen Leute, die nicht nur ein, zweimal pro Woche ins Gym gehen, sondern ihre ganze Tagesstruktur und ihre Essgewohnheiten dem Training anpassen. Es ist natürlich einfach, verächtlich über diese Leute zu reden. Aber ich denke nicht, dass es nur darum geht, gut auszusehen. Natürlich gibt es diese Leute. Auch ich mache jeden Morgen meine Liegestützen, damit meine Freundin nicht irgendwann denkt: «Den Wixxer will ich nicht mehr». Das ist ja irgendwie auch normal. Ich finde aber, dieser Hype hat ein neues Level erreicht. Die Erklärung mit der Oberflächlichkeit reicht nicht mehr.

Tommy Vercetti 2

«Auch ich mache jeden Morgen meine Liegestützen, damit meine Freundin nicht irgendwann denkt: ‹Den Wixxer will ich nicht mehr›». Bild: Sam von Dach

Wo siehst du den Konnex 
zum Kapitalismus?

Wir alle sind mit der Idee der Leistungsgesellschaft aufgewachsen. Uns wurde gesagt: «Wenn du dich anstrengst, erreichst du etwas». Faule Säcke bekommen nichts und Leute, die sich reinknien, werden belohnt. Diesem Gedanken bin ich gar nicht so abgeneigt. Ich finde, wer sich Mühe gibt, kann auch in irgendeiner Art belohnt werden. Nur funktioniert halt unser System überhaupt nicht so – in keiner Art und Weise. Vielleicht kann man sich bei Jobs im Mittelfeld der Gesellschaft mithilfe von Leistungen zwei, drei Stellen nach oben bewegen. Aber eine Krankenschwester, die sich totarbeitet und gopferdami nichts verdient, ist genau gleich wie ein Bankmanager, der 40 Millionen im Jahr verdient, komplett von diesem Leistungsgedanken losgekoppelt. Das Gym hingegen gibt dir einen Raum, in dem das Leistungsideal noch gilt. Wenn ich jeden Tag ins Gym gehe und meine hundert Übungen mache, dann wird mein Bizeps tatsächlich per Gesetz wachsen. Alle die Posts und Instagram-Bilder, die ich sehe, sprechen genau darüber. «No pain no gain» etc. Man wird belohnt für Leistung.

Stimmt dich diese Entwicklung optimistisch? Gewissermassen ist der Gym-Hype dann 
ja das Zeichen eines intakten Gerechtigkeitssinns der Menschen.

Ich habe grundsätzlich ein optimistisches Menschenbild, aber es gibt schon Momente, in denen mich ein leichter Wind von Fatalismus anhaucht. Der Kapitalismus hat sich als sehr anpassungsfähig und als sehr effizient erwiesen. Und leider gibt es in der Welt eine Ressourcenlogik: Wenn die Karten ungleich verteilt sind und sich die Situation ändert, dann werden immer jene mit den besten Karten am meisten profitieren.
Dann bin ich aber auch wieder optimistisch, wenn ich sehe, dass der Kapitalismus dauernd seine eigenen Widersprüche produziert. Wenn man will, dass die Menschen coole Konsumenten sind und sich einem reichen Marktangebot bedienen, dann muss man ausdifferenzieren und irgendwann intelligente Bücher verkaufen oder intelligente Serien produzieren. Dann beginnen die Menschen auch zu denken. Ohnehin ist heute schon mehr möglich als noch vor ein paar Jahren. Man kann zum Beispiel einen Abend zur Idee des Kommunismus veranstalten und es kommen tatsächlich Leute.

Gibt es eine Line aus einem deiner Songs, die dir so wichtig ist, dass du sie am Ende dieses Interviews lesen möchtest?

Dr Troum vo Amerika, vor Cumulus- zur Kreditcharte, doch mir nur die zerquetschtä Trubä ir Veritas vo Derivat.

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9. Juni 2017 16:16

Reine Werturteile ohne Bezug zum Artikel werden gelöscht. Bitte bleibt sachlich.

Anonym
9. Juni 2017 21:19

Bei dieser Titelwahl der Autoren hier eine sachliche Diskussion zu fordern erscheint mir doch etwas fragwürdig.

10. Juni 2017 17:56

*AutorInnen

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