Die Recyclingprofis am Fusse des Muqattam

Foto: Noah Pilloud

15. Oktober 2018

Fast die gesamte Bevölkerung eines Quartiers im Westen Kairos bestreitet ihren Lebensunterhalt mit dem Einsammeln, Trennen und Wiederverwerten von Abfall. Wie sieht ein solches Quartier aus und wie lebt es sich da? Ein persönlicher Erlebnisbericht.

Es ist kurz nach zehn Uhr. Von der Kirche St. Samaa – der grössten Freiluftkirche der Welt – führt der Weg über geteerte, für die Tourist*innen aus aller Welt immer aufs Neue gekehrte Strassen durch einen hohen Torbogen ins Quartier Manshiyat Nasir. Unvermittelt weicht der Asphalt einfacher Erde, die zusehends matschiger wird, je weiter wir uns ins Viertel vorwagen. Wer durch die Gassen des Manshiyat Nasir geht, findet so manches wieder, das auch anderswo in Kairo anzutreffen ist: Hier an der Ecke gibt es Kushari zu kaufen (Ägyptens beliebtestes Streetfood-Gericht), gegenüber vom Café, wo alte Männer vor ihren Teegläsern sitzen, werden Limonaden und Süssigkeiten angeboten, weiter hinten liegt der Duft von in Öl brutzelnden Falafel in der Luft. Doch überall dominiert der beissend säuerliche Geruch einer Müllhalde. Genau um eine solche handelt es sich auch: Das Quartier ist belebtes Wohngebiet und Müllhalde in einem. Daher trägt es auch den Übernamen Garbage City. Grund dafür: Die 60’000 mehrheitlich koptischen Einwohner*innen des Manshiyat Nasir verdienen ihren Lebensunterhalt damit, Abfall zu trennen und für die Wiederverwendung aufzubereiten. Dabei sind sie weitaus effektiver als manch hochtechnisierte Recyclinganlage Europas.

Die wahren Recycling-Weltmeister*innen

Die Vorfahren der Zabbaleen, wie die Bewohner*innen von Garbage City genannt werden, kamen in den Vierzigerjahren aus den ländlichen Gebieten Oberägyptens in die Metropole. Sie liessen sich am Fusse des Muqattam-Felsens nieder und begannen auf der Suche nach einer Einnahmequelle damit, Müll zu sammeln, zu sortieren und zu verkaufen, was davon brauchbar war. Aus dieser Zeit rührt denn auch der Name Zabbaleen her, der wörtlich «Müll-Leute» bedeutet. So hat sich das Manshiyat Nasir bald zu einer Recycling-Maschinerie entwickelt. Heute werden laut eigenen Angaben bis zu 80 % des Abfalls, den die Zabbaleen in der gesamten 9-Millionen-Stadt Kairo einsammeln, 
rezykliert. Die Schweiz – landläufig oft als Recycling-Weltmeisterin bezeichnet – erreichte 2016 eine Quote von 52 %.

Foto: Noah Pilloud

Zwischen Abfallsäcken, Entwicklungsprojekten und Tourist*innen

Die hohe Wiederverwertungsquote hat aber ihren Preis. Die Arbeit verursacht bei vielen Leuten Rückenprobleme und die Luft ist vom Abfall im ganzen Quartier schwer belastet. Das Manshiyat Nasir ist zudem weitgehend selbstverwaltet, was in manchen Bereichen zu funktionieren scheint, in anderen aber nicht. Der Zugang zu Bildung ist oft nicht gewährleistet. Seit einiger Zeit versuchen jedoch NGOs wie die 1984 ins Leben gerufene Association for the Protection of the Environment (A.P.E.) die Lebensbedingungen der Zabbaleen zu verbessern, indem sie sich für mehr Sicherheit einsetzen, Schulen gründen und mit dem Verkauf von Produkten aus wiederverwendetem Abfall, wie etwa Brieftaschen aus Getränkedosendeckeln, versuchen, das Einkommen der Zabbaleen zu erhöhen. Um mögliche Spender*innen zu gewinnen, bietet die APE Führungen durch das Quartier an.

Heute werden laut eigenen Angaben bis zu 80% des Abfalls, den die Zabbaleen in ganz Kairo einsammeln, rezykliert. Die Schweiz erreichte 2016 eine Quote von 52%.

No photo please!

Wie jeden Morgen sind auch am Tag unseres Besuches die Lieferwagen früh ausgeschwärmt, um in der gesamten Stadt Kairo Abfall einzusammeln. Nun liegt der Unrat der Millionenstadt ausgebreitet vor den Häusern, in den Innenhöfen und Seitengässchen, um von den fleissigen Bewohner*innen zerteilt und sortiert zu werden. Wo immer wir vorbeigehen, winken uns die Leute fröhlich zu, lächeln uns freundlich an oder begrüssen uns mit einem «sabah al khair» (guten Morgen!). Nur unsere Kameras werden stets kritisch beäugt und es dauert nicht lange, bis wir angehalten werden, fortan das Fotografieren zu unterlassen. Daraufhin versorgen wir unsere Apparate in den Taschen.

Die Nebengassen 
von Garbage City

Wir ziehen weiter. Die Strassen in der Breite von Tourist*innenbussen weichen schmalen Gässchen mit immer matschigerem Grund. Je tiefer wir in die Nebenarme des Quartiers vordringen, desto mehr fällt mir eine Veränderung auf: Die überschwängliche Freundlichkeit und Fröhlichkeit weicht allmählich skeptischen Blicken. Noch immer werden wir freundlich gegrüsst, doch es scheint, als würden sich nicht oft Menschen von ausserhalb des Quartiers hierhin verlaufen. Ansonsten ergibt sich auch hier ein ähnliches Bild wie in den stärker frequentierten Teilen des Quartiers: Junge und alte Leute sitzen Wertstoffe trennend vor ihren 
Häusern, überall türmt sich Abfall, hie und da dringt der Lärm einer Schrottpresse auf die Strasse und überall dazwischen nimmt das alltägliche Leben seinen Lauf.

Das Quartier ist belebtes Wohngebiet und Müllhalde in einem.

Die Arbeit der Zabbaleen muss legalisiert werden

Auch wenn sich die Zabbaleen mit ihrem Schicksal arrangiert haben und ein mehr oder weniger zufriedenes Leben zu führen scheinen, waren die Zeiten schon besser in Garbage City. Ein besonders einschneidender Moment war im Jahr 2009. Präsident Mubarak entschied im Zuge der globalen Aufregung um die Schweinegrippe (die Ägypten zu dem Zeitpunkt noch nicht erreicht hatte), alle Schweine im Land töten zu lassen. Dies traf die Zabbaleen besonders hart, denn die rund 300’000 Paarhufer waren ein zentraler Bestandteil ihres Recyclingsystems: Sie frassen die organischen Abfälle, produzierten Dünger, den die Zabbaleen an Bauern weiterverkauften, und dienten nicht zuletzt als Nahrungsquelle für die Kopten von Garbage City sowie für weitere Christen Kairos. Seit Beginn des Jahrtausends stehen die erfahrenen Mülltrenner*innen zudem unter Konkurrenzdruck. Um die Abfallentsorgung Kairos zu modernisieren, schloss die Regierung Millionenverträge mit multinationalen Unternehmen ab. Obwohl sich diese aufgrund der vielen engen Gassen momentan noch schwer tun, ihren Auftrag auszuführen, sind sie es, die über Lizenzen verfügen, während die Zabbaleen ihre Arbeit illegal verrichten. Gelänge es stattdessen, die Menschen des Manshiyat Nasir, die täglich für die wohl höchste Recyclingquote der Welt sorgen, in den offiziellen Entsorgungsapparat Kairos einzubinden, könnten davon die ganze Stadt und besonders die Zabbaleen profitieren. Vorausgesetzt natürlich, sie werden für ihre Leistung entsprechend entlohnt.

Hinterlasse einen Kommentar


wpDiscuz