Lieber Experte #12

Illustration Experte

Illustration: Tobias Bolliger, www.tobiasbolliger.ch

30. Mai 2018

Was sind eigentlich gleichlange Spiesse und weshalb werden sie nicht nach dem Giesskannenprinzip verteilt?

Lieber David

Als Vertreter der Fonduekultur fühle ich mich von der Problematik der gleichlangen Spiesse natürlich besonders angetan. Im gesellschaftlichen Happening des gemeinsamen Käserührens manifestiert sich sodann das, was nadelgestreifte SchlipsträgerInnen als Chancengleichheit benamsen: Alle haben gleichlange Spiesse, aber wer schneller rührt, bekommt auch mehr Käse. Das ist abendländische Leitkultur par excellence. Gleichzeitig ist mir nicht entgangen, dass du, lieber David, hier dem Experten ganz luziferisch ein Schnippchen schlagen willst. Denn sind gleichlange Spiesse überhaupt vorstellbar, wenn sie nicht nach dem Giesskannenprinzip – also gleichmässig – verteilt wurden? Da braucht es schon einen ganz wahnsinnig raffinierten logischen Kniff, um dieses Schlamassel noch als Sieger zu verlassen. Dieser ganz wahnsinnig raffinierte logische Kniff könnte darin bestehen, sich plärrend auf den Boden zu werfen und wie wild zu strampeln – der klassische Opfertrick, der im Gegensatz zum Enkeltrick ganz hervorragend funktioniert. Anders kann ich mir jedenfalls nicht erklären, dass gewisse nicht näher zu bezeichnende Bauernparteien und ihr Klientel deutlich gleichlängere Spiesse haben als andere. Daraus schliesse ich, dass das Giesskannenprinzip hierzulande ausschliesslich im Garten zur Anwendung gelangt.
Aber Achtung: Ich will dir hier keinesfalls ein Loblied auf das besagte Prinzip vorglucksen. Das historische Erbe der Pfahlbauer lehrt uns, dass sich auf unebenem Grund mit gleichlangen Pflöcken kein gerades Haus bauen lässt. Wir kommen also nicht weit, wenn wir Spiesse wie das Schlangenbrot beim Bräteln verteilen und deshalb hat dein Experte für solche abenteuerlichen Ideen nur zwei hochgezogene Mundwinkel und eine verächtliche Drehung um 180 Grad übrig. Stattdessen gilt: Andere Menschen, andere Bedürfnisse. Hierzulande ist das so auszulegen, dass wer viel Geld hat, auch viel ausgibt und deshalb finanziell unterstützt werden muss. Reich sein ist eben nicht billig. «Auch die Pauschalsteuer ist zu teuer», lautet ein recht einfältiges Bonmot, das BewohnerInnen der Goldküste für unheimlich schlau halten und sich gerne als Morgengruss über den Gartenzaun zurufen:
«Hoi Bruno, heute schon die Bilanz getürkt?»
«Klaro Housi, auch die Pauschalsteuer ist zu teuer!»
Falls du, lieber David, zu den weniger gutbetuchten Menschen in diesem Ländle gehörst, dann kann dir nur folgender Gedanke Trost spenden: In Giesskannen befindet sich – gemäss Erhebung deines Experten – meistens nur Wasser und wer nichts hat, zahlt auch keine Pauschalsteuer.

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