«Geht, lebt in einer Höhle in Afghanistan!»

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Der WOZ-Journalist Daniel Ryser hat mit der studizytig geplaudert. (Bild: Sam von Dach)

und 30. Mai 2018

Mit seinen aufwendigen Reportagen wie «Die Dschihadisten von Bümpliz» oder dem «Zürcher Kokain-Report» hat sich der WOZ-Journalist Daniel Ryser einen Namen gemacht. Die bärner studizytig hat ihn in Zürich getroffen und sprach mit ihm über das Verhältnis der Medien zur Gesellschaft, Wege in den Journalismus und Biofleisch.

Du hast ja gerade erst in der WOZ einen Artikel über die Schlägerei vor dem Prime Tower zwischen GC- und FCZ-Ultras geschrieben, der ziemlich hohe Wellen geschlagen hat…

…hat man das so mitbekommen?

Ja, beispielsweise in LeserInnen–
-briefen oder auf Twitter.

Hm, es hat aber glaube ich fast keine Aboabmeldungen gegeben, ich war fast ein bisschen enttäuscht (lacht).

Auf jeden Fall wurde dir auch von LeserInnen vorgeworfen, dass du Gewalt verharmlost. Trifft dich solche Kritik?

Man muss da schon vorsichtig sein: Diese Zuschriften sind erst gekommen, als der Text online war, daher kann das auch aus einem weiteren Umfeld kommen. Treffen tut es mich aber höchstens in der Hinsicht, dass die Leute – ich kann es wirklich nicht anders sagen als beleidigend – offensichtlich so irre drauf sind, dass sie so einen Artikel gar nicht mehr genau lesen. Ich meine, in dem Artikel ist es an keiner Stelle darum gegangen, dass die Leute sich entscheiden müssten, ob sie Gewalt gut oder schlecht finden. Es ging darum, dass etwas passiert, das viele Leute verstört und dann um die Frage, wie man damit umgeht, mal ganz banal. Vielleicht auch der Umgang mit Subkulturen allgemein, wo es vielleicht ein Teil ist, dass man sich halt gegen aussen verschliesst. Darum ging es eigentlich.

Das hast du dann auch auf Twitter nochmals versucht klarzustellen.

Ich habe manchmal schon das Gefühl, in die Diskussion eingreifen zu müssen, gerade wenn ich merke, dass Sachen unterstellt werden, die einfach falsch sind. Jetzt zum Beispiel sagen die Leute nur noch: «Hey, da relativiert einer Gewalt.» Oder Leute, die mir vielleicht eher wohlgesinnt sind, sagen: «Na, wenn es diesen Kodex gibt, ist es ja in Ordnung.» Das wollte ich ja auch nicht sagen, ich finde der Staat kann auch nicht einfach Leute einander verprügeln lassen, da öffnet man die Tür zu Nötigung und Selbstjustiz. Man kann es natürlich auch komplett entgleiten lassen, aber dann merkt man, es geht sehr weit weg von dem, was man eigentlich sagen wollte.

Geht es also irgendwie auch darum, die Deutungshoheit über den eigenen Artikel zu behalten?

Nein, man kann den Leuten ja auch nicht sagen, wie sie den Artikel lesen oder verstehen sollen. Also nicht die Deutungshoheit, aber zumindest sagen: «Hey, halt mal, lies doch den Artikel nochmal.» Manchmal geht es schon auch ein bisschen ums Richtigstellen meiner Intention. Der Rest, wenn das ihre Meinung ist, meinetwegen. Ich habe aber sicher nirgends gesagt, ich fände es voll geil und unterstütze es, wenn die Leute sich zusammenschlagen.

«Ich habe überhaupt keine Lust, als Reporter so eine Moralfahne vor mir hertragen zu müssen.»

Du willst also journalistische Verantwortung übernehmen?

Ja, wenn man es pathetisch sagen will. Aber es ginge wohl auch ohne soziale Medien. Manchmal habe ich das Gefühl, fuck it, ich schreibe einfach meine Artikel und wenn es wirklich hart auf hart kommt, dann müssen die Leute halt den Scheiss-Artikel einfach nochmal lesen. Also wenn jetzt wirklich jemand kommt und sagt «Dieser Sauhund, der verherrlicht Gewalt, ich zeige ihn jetzt an», dann muss ja dann irgendjemand am Ende nochmal den Artikel lesen. Von daher gesehen sollte ich vielleicht meinen Scheiss-Twitter-Account einfach löschen, ist wirklich nur Zeitverschwendung. Das einzig wirklich Geile an Twitter ist, dass du vieles mitbekommst aus der Welt, wenn du gute Leute abonniert hast. So Artikel, die geteilt werden, das ist schon geil.

Im Artikel hast du nicht zuletzt die Medien kritisiert.

Natürlich ging es auch um den Umgang mit Medien. Um das Gefühl, man könne gewisse Sachen gar nicht mehr normal schreiben oder nicht mehr normal ergründen, ohne dass gleich der Vorwurf kommt, man rechtfertige diese Sache. Ich habe überhaupt keine Lust, als Reporter so eine Moralfahne vor mir hertragen zu müssen und immer zu sagen: «Davon distanziere ich mich übrigens.» So könnte ich gar nicht mehr arbeiten. Wenn ich nur noch über nette Menschen ohne Probleme schreiben dürfte, wenn ich bei anderen Sachen immer sagen müsste «Aber aus meiner bürgerlichen Schweiz-Gartenhof-Warte ist das übrigens böse.» Das ist kein Journalismus, so bestätigt man nur, wer gut und wer böse ist. Was ist das für eine doofe Auffassung von Gesellschaft? So funktioniert Gesellschaft einfach nicht. Die Gesellschaft hat ja nicht nur eine Seite, Gesellschaft hat tausend Seiten.

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(Foto: Samuel von Dach)

Siehst du denn Schwarz für die Zukunft deiner Branche? 
Geht das Genre der Reportage verloren und es bleibt lediglich eine Von-Oben-Herab-
Berichterstattung?

Ich finde, es werden schon noch Reportagen geschrieben. Aber gerade bei diesen subkulturellen Themen ist der Zugang tatsächlich schwierig: Zu einer Subkultur gehört ja auch, dass man sich eigentlich gar nicht erklären will. Sobald du eine Subkultur sozialarbeiterisch auseinanderzunehmen und zu analysieren beginnst, ist das ihr Tod. Was ich halt oft beobachte, ist eine extreme Von-Oben–Herab-Haltung, die das gesellschaftliche Bild davon, was gut und schlecht ist, formt. Dabei sollten die JournalistInnen sagen: «Ist doch uns völlig egal, ob dies jetzt auf meinem moralischen Kompass richtig oder falsch ist. Ich will einfach, dass die LeserInnen einen Einblick erhalten, wie bei jedem anderen Thema auch.» Das ist bei Subkulturen extrem verloren gegangen, das sieht man auch an dieser Diskussion. Die JournalistInnen kommen mit Schaum vor dem Mund und sagen nur: «Scheisse, scheisse, scheisse! Schlimm, schlimm, schlimm! Neue Dimension der Gewalt, oh mein Gott, alles geht unter!»

Sind solche Berichte vielen Zeitungen heute 
nicht schlicht zu aufwendig?

Natürlich ist das eine Riesenarbeit. Das muss ich auch auf der WOZ immer wieder sagen. Da kommt jemand vorbei und sagt: «Kannst du auf nächste Woche sowas machen?» Zu dem Zeitpunkt habe ich vielleicht ein, zwei Leute getroffen, aber die müssen sich jetzt erst mal zwei Monate überlegen, ob sie mich überhaupt noch mal treffen wollen. Für solche Dinge benötigt man einfach auch einen sehr langen Atem. Als JournalistIn kannst du nicht einfach zu den Leuten gehen und sagen: «Du rede jetzt mit mir, ich habe eine Woche Zeit!» Die meisten Leute sind zwar mediengeil, aber dann gibt es auch noch die, die es nicht sind. Und die, die es nicht sind, musst du auch irgendwie mit demselben Respekt behandeln, oder sogar mit mehr, sonst kommst du einfach nirgends hin.

Wenn wir schon bei langatmiger 
Recherche sind: Wie gewinnst du das Vertrauen von deinen Kontaktpersonen, beispiels-weise bei der Kokain-Reportage?

Bei Subkulturen oder Sachen, die illegalisiert sind, gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder du kommst wirklich selber aus einem ganz bestimmten Milieu. Bei Kokain, wenn du zum Beispiel selbst im grossen Stil Kokain verkauft hast und all die Leute kennst und sie ein enormes Vertrauen zu dir haben und dann wirst du plötzlich Journalist. Da kann ich mir schon vorstellen, dass die Leute sagen würden: «Okay, mit dem einen rede ich jetzt.» Oder du redest jahrelang mit solchen Leuten und führst Hintergrundgespräche. Ich will jetzt keine Szenen nennen, aber es gibt zwei drei, in denen ich seit Jahren Hintergrundgespräche führe, in denen mir die Leute die krassesten Sachen erzählen. Die würden nie mehr mit mir reden, wenn ich auch nur jemals ein Wort davon verwenden würde. Ich führe diese Gespräche jedoch trotzdem, weil ich wissen will, was passiert, und so kann es sein, dass irgendwann die Leute sagen: «So, jetzt sitzen wir zusammen für eine Geschichte.» Gerade in den Szenen, in denen es um so Sachen, um Graubereiche geht, musst du einfach sehr viel mit Leuten hängen und diskutieren und reden. Aber auch immer deine Position klarmachen, also einerseits bist du privat da; was wir reden, bleibt unter uns. Andererseits bist du doch JournalistIn und vertrittst als JournalistIn gewisse Positionen.

«Die Leute sind so hirngefickt von dem 20Minuten-Abschaum, dass sie das Gefühl haben, das sei Journalismus.»

Du bist ja für den Kokainreport ein halbes Jahr abgetaucht und man hat nichts mehr von dir gehört. Hat sich das aber schon vorher abgespielt, wenn du sagst jahrelang?

Ja, das bezieht sich auch auf andere Szenen. Aber ich habe ja diesen Artikel nicht alleine geschrieben, wir waren zu zweit – aber viel mehr kann ich jetzt zu unseren Recherchemethoden nicht sagen. Es war extrem viel Arbeit, es sind auch viele Gespräche, die wir geführt haben, gar nicht in dem Artikel drin. Das Abtauchen hat damit zu tun gehabt, dass ich an meine Kapazitätsgrenze gekommen bin. Mit jemandem ein Interview zu führen, von dem du weisst, dass er für das, was er tut, 5–15 Jahre ins Gefängnis geht, ist relativ aufwendig und schwierig. Du bist ja nicht einfach irgendwo in Guatemala im Dschungel und redest mit irgendeinem Drogenbaron. Du bist hier in Zürich und redest mit einer Person von hier – das wird dann ganz konkret und sehr nahe. Das klingt jetzt so banal, aber du sitzt eben nicht einfach eine Stunde hin und dann gehst du nach Hause und tippst es ab. So ein Interview zu erhalten und das Interview zu führen, bedeutet viel Anstrengung. Schon allein mit so einer Person im selben Raum zu sein, das auszuhalten, das zu wissen – die Verantwortung, die das mit sich bringt, bezüglich Quellenschutz, dem Absichern von allem. Das ist sehr anstrengend.

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(Foto: Sam von Dach)

Zu deinen Recherchemethoden: Bist du manchmal auch auf Widerstand gestossen, hast du jemanden schon mal wütend gemacht?

Ja eh. Mega fest. Das ist mein Leben. Wirklich, ich habe manchmal das Gefühl, es sind alle einfach «dauerhässig». Also so stimmts auch nicht, aber es ist einfach… Ich glaube, dass ich zum Teil auf extremes Misstrauen stosse. Auch verständlicherweise. Also das klingt jetzt so huere arrogant – ich muss aufpassen, was ich sage. Es gibt mega viele Leute in diesem Land, die mega guten Journalismus machen, das muss ich jetzt wirklich auch mal sagen, sonst kommen wieder alle und sagen: «Du hast das Gefühl, du bist der Einzige» – habe ich überhaupt nicht. Was ich meine, wenn ich die Medien kritisiere, ist eher, dass halt die Leute glaub so hirngefickt sind von dem 20Minuten-Abschaum, dass sie das Gefühl haben, das sei Journalismus. Weil das alles so zudeckt. Das deckt all die guten Reportagen oder Texte zu, die eine Daniela Janser schreibt, die ein Christof Gertsch schreibt, Leute, die wirklich gute Arbeit machen, bei der du wirklich sagen kannst «wow». Und die Leute haben das Gefühl, Journalist sein heisst, es kommt einfach schnell einer vorbei und schreibt in SMS-Deutsch irgendeine Meldung, die gar nicht stimmt, Hauptsache Klicks. Und aufgrund dessen stösst man auf so viel Ablehnung und es ist sehr schwierig, das Gegenüber daran zu erinnern, dass Journalismus eigentlich etwas ganz anderes bedeutet. Und ich glaube, wenn du dir viel Zeit nimmst und die Leute merken, dass es deine Absicht ist, nicht einfach vorbeizuschauen und die Leute hereinzulegen, dann nimmt auch irgendwann die Ablehnung ab.

«Heute haben ja alle das Gefühl, Journalismus müsse man studieren. Ich finde, das ist die schlimmste Entwicklung überhaupt.»

Nun noch eine ganz andere Frage: Wie bist du zum Journalismus gekommen? 
Du hast bekanntermassen zuerst eine Lehre als Zigarrenverkäufer absolviert. Das 
liegt nicht gerade in derselben Branche. Wie kam das?

Ich war tatsächlich Zigarrenverkäufer. Neben dem Geschäft gab es eine Lokalredaktion. Und ich wollte immer schreiben – das schon. Ich habe auch immer viel gelesen. Als ich die Lehre als Zigarrenverkäufer gemacht habe, dachte ich, ich müsse etwas machen, bei dem ich nicht viel denken muss. Wieso auch immer. Das war auf jeden Fall die Motivation. Irgendwann hat mir das nicht mehr gereicht. Dann spazierte ich in die Redaktion und sagte, ich würde gerne mit dem Schreiben beginnen. Das funktionierte auch: Die verantwortliche Redaktorin und ihre Kollegin förderten mich extrem. Zuerst fanden sie: «Also gut, junger Mann, dann schreib doch mal einen Artikel.» Danach meinten sie, ich solle noch einen schreiben. Dann kamen sie zum Schluss, ich sei zwar ein Amateur, aber sie wollen mich fördern.

Ganz schön spektakulär.

Das klingt jetzt zwar spektakulär, aber nur, weil das nicht der herkömmliche Weg ist. Heute haben ja alle das Gefühl, Journalismus müsse man studieren. Ich finde, das ist die schlimmste Entwicklung überhaupt. Ich finde, die Leute sollen Zigarrenverkäufer sein, Arabisch studieren oder zehn Jahre in einer Höhle leben. Auf jeden Fall eine gewisse Lebenserfahrung sammeln oder sich ein extremes Wissen auf einem bestimmten Gebiet aneignen. Irgendetwas, bei dem sie danach wissen, wovon sie sprechen, statt irgendein neoliberales Blödsinnskonstrukt zu lernen. Ein Studiengang, in dem Journalismus und Kommunikation praktisch gleichgesetzt werden – das ist Verrat am Journalismus. Ich rate allen, die Journalismus studieren wollen, davon ab. Alle, die JournalistIn werden wollen, sollen sich irgendwo ein Wissen aneignen. Sei es eine Schreinerlehre oder ein Studium der Astrophysik. Am liebsten auch noch viel reisen. Auch irgendwie eine Persönlichkeit werden. Aber sicher kein solch verblödetes Studium, in dem einem das Gefühl vermittelt wird, Journalismus und Kommunikation wären dasselbe. Klar ist es nicht so, dass die Leute, die das machen, dann per se schlecht sind. Es gibt sicher welche von den besten JournalistInnen, die auch einen solchen Weg gegangen sind. Es gibt halt einfach tausend Wege, JournalistIn zu werden, da finde ich meinen gar nicht so aussergewöhnlich. Den Leuten weismachen zu wollen, es gebe nur den einen – das Journalismusstudium – das finde ich falsch. Geht, lebt in einer Höhle in Afghanistan!

Hast du das Gefühl, dass gerade wegen solchen Ausbildungen JournalistInnen heute eher von oben herab berichten, statt auf Augenhöhe?

Das kann sein. Fakt ist aber auch, dass heute jedes Scheiss-Departement seinen Sprecher hat, der dir eine gefilterte Wahrheit verkauft. Da kommst du ja gar nicht mehr an die Leute ran. Da musst du schon ins Polizeidepartement einbrechen, einen Fahnder entführen und auf der Toilette dazu zwingen, mit dir ein ehrliches Gespräch zu führen. Weil du sonst nur eine durch sieben Stellen gefilterte Realität bekommst. Wenn du mit einem Fahnder off the record einen Kaffee trinken gehst, kriegst du ein ganz anderes Bild. Die Polizei in Bern hat ja auch immer das Gefühl, wir stellen sie schlecht dar: «Daniel Ryser – so schlimm, wie er uns dargestellt hat!» Ey, ich habe wochenlang versucht, mit den Berner Polizisten zu sprechen. Aber da wirst du einfach abgeblockt von irgendwelchen vollretardierten Kommunikationsheinis, die dir nur Mails schreiben. Natürlich habe ich dann ein entmenschlichtes Bild dieser Institution. Wenn die mir einen Typen vorbeischicken würden, der sagt, er sei dabei gewesen bei der Hausdurchsuchung und wir sollten zusammensitzen, weil er das etwas anders sieht, ich glaube, dann wäre mein Artikel ganz anders herausgekommen. Wenn du aber auf der einen Seite Leute hast, die reden, die Opfer sind von Polizeigewalt und auf der anderen Seite einen anonymen Kommunikationsapparat, ist völlig klar, wie mein Artikel herauskommt: Auf der einen Seite habe ich Menschen, auf der anderen ein Email. Diese Entwicklung ist ein Riesenproblem, das auch in den Journalismus einfliesst.

«Wenn immer gesagt wird ‹eigentlich könnte man euch auch abschaffen›, kann eine ReporterIn gar nicht mehr als Respektsperson, die etwas zu sagen hat, daherkommen.»

Ist unter diesen Bedingungen 
in der Schweiz Qualitätsjournalismus noch möglich?

Es gibt bei der «NZZ am Sonntag», beim «Tagi-Magi», bei der «WOZ», bei der «Republik» tolle ReporterInnen. Auch die «Schaffhauser AZ» macht mega geiles Zeug, das «St. Galler Tagblatt» wahrscheinlich punktuell auch. Und natürlich verfolgt man auch nicht alles. Es gibt eine Menge guter Leute, sie stehen aber unter ökonomischen Zwängen, die ihnen die Hände binden. Es gibt aber nach wie vor noch sehr guten Journalismus. Es geht einfach völlig unnötigerweise sehr viel verloren. Das hat auch mit dem Selbstbewusstsein zu tun: Wenn immer gesagt wird «eigentlich könnte man euch auch abschaffen», kann eine ReporterIn gar nicht mehr als Respektsperson, die etwas zu sagen hat, daherkommen. Das empört mich übrigens auch an diesen Diskussionen über Gewalt: Es ist so einfach zu sagen, Gewalt sei schlecht. Aber werden JournalistInnen überhaupt noch ernst genommen, wenn dies das Einzige ist, was sie zu sagen haben? Ist es nicht genau unsere Aufgabe, solche Dinge dreimal weiter zu denken? Einen überraschenden Zugang zeigen, etwas, das einen zum Nachdenken, zum Diskutieren und Debattieren bringt? Man kann schon schreiben: «Das ist das Hinterletzte und das neue Stadion gefährdet es auch noch!» Dann können wir uns auch einfach an den Stammtisch setzten und sagen: «So ist es!» Wirklich weiter gekommen sind wir dann aber nicht. Wir müssen im Journalismus wahnsinnig aufpassen, dass nicht solche Figuren verloren gehen. Figuren, von denen wir sagen: «Das interessiert mich, was die zu sagen hat.»

Du bist unter deinem Alias Göldin ja auch musikalisch unterwegs. Beim Reinhören 
ist uns aufgefallen, dass du 
viele Themen sowohl in deiner Musik als auch in deinen journalistischen Texten ver-
arbeitest. Kann man Göldin und Dani überhaupt trennen?

Vielleicht je länger, je weniger. Ich habe mich jedoch nun zwei Jahre lang überhaupt nicht mehr mit der Musik beschäftigt, weshalb es für mich schwierig ist, etwas darüber zu erzählen. Ich schreibe jedoch meine Texte darüber, was hier in meiner Lebensrealität vor sich geht. Und da ich mich in dieser Stadt bewege, prägt das meine Wahrnehmung und meine journalistische Arbeit. Den Kokain–Report habe ich beispielsweise geschrieben, weil in Zürich so viel Kokain konsumiert wird. In dem Sinn sind die Betrachtungen in meiner Musik sehr ähnlich: Man läuft durch die Stadt und sieht Dinge passieren. In der Musik kann ich da etwas subjektiver sein. Wie wenn ich einen Blog hätte.

«Die Stadt ist verkehrsberuhigt, aber unbezahlbar und überall gibt es Bioprodukte, die sich niemand mehr leisten kann.»

Was hast du eigentlich gegen Bioprodukte? In deinen Liedern findet man Zeilen wie: «Züri brännt nüm, Züri verchauft itz Biofleisch.»

Ich geh einfach gerne zu McDonald’s (lacht). Nein, Spass beiseite. Ich kann dir sagen, was ich gegen Biofleisch habe. Ich kann dir auch sagen, was ich gegen eine Verkehrsstillegung der Stadt habe. Oder was ich gegen Fussgänger mit Kinderwagen habe. Ich wohnte einst an der Weststrasse, als sie die befahrenste Strasse war – ein echtes Höllenloch. Da wollte man wirklich nicht wohnen. Und natürlich wollen die Hausbesitzer, die das Haus 30 Jahre lang nicht vermieten konnten, nun richtig schön Cash machen. Das Problem ist jedoch, wenn eine ganze Stadt begrünt und verbioisiert wird, ohne dass diese Entwicklung an eine Idee des sozialen Zusammenlebens gekoppelt wird, dann heisst das am Ende: Die Stadt ist verkehrsberuhigt, aber unbezahlbar und überall gibt es Bioprodukte, die sich niemand mehr leisten kann. In diesem Sinn werden die ganzen extrem teuren Bioläden zu einem Symbol für etwas. Natürlich kann man sagen, dass es irre ist, in einer Welt zu leben, in der fair produzierte Produkte fast nicht bezahlbar sind und gleichzeitig ein Symbol der Stadtsäuberung darstellen. Dann bist du plötzlich in einer -Zwickmühle und sagst: «Wenn jetzt auch noch die Langstrasse verkehrsberuhigt wird, werde ich mich vehement dagegen einsetzen.» Ich glaube, es gibt inzwischen sehr viele, gerade aus der AL oder so, die das voll unterstützen würden. Denn wenn all die Bestrebungen, einen lebenswerten Raum zu schaffen, nicht gekoppelt werden an einen städtischen Wohnungsbau zum Beispiel, dann läuft es auf einen Austausch der Bevölkerung hinaus: Erst gab es eine dreckige Stadt für Leute ohne Geld und sobald sie schön begrünt ist, wohnen nur noch die Reichen da und die Armen in Schlieren. Das meine ich, wenn ich sage: «Züri brännt nümm, Züri verchauft itz Biofleisch.» Es ist eigentlich ein Bild für etwas, ohne dass ich es werten will. In dem Moment steht Biofleisch tatsächlich dafür, dass alles gesetzter, sauberer und teurer wird. Das mag etwas undifferenziert sein. Es ist aber auch undifferenziert zu glauben, durch eine Begrünung werde alles besser und schöner.

Im Artikel über die Ultras 
hast du die Angst vor dem Anderen und die Entwicklung in Richtung Säuberung 
der Gesellschaft angesprochen. Spiegelt sich das auch 
in der Stadtplanung wieder?

Es ist eine allgemeine Tendenz, eine Entwicklung, die sich nicht zuletzt in der Architektur ausdrückt: Es werden Orte gebaut, wo Leute nicht mehr sitzen und verweilen können. Es werden extrem teure Orte gebaut, die sich praktisch niemand mehr leisten kann und die ab 20 Uhr mit Lärmklagen zugeklagt werden, damit sich auch ja niemand mehr dort bewegt. Das geht schon damit einher, dass urbane Räume – beworben als Orte, an denen etwas geschieht – komplett lahmgelegt und stillgelegt werden. Wenn ich die Medien konsumiere, empfinde ich das schon als Säuberung. Dieser vorherrschende Polizistenton, der sagt, dass es nur einen ganz kleinen Teil der Gesellschaft gebe, der in Ordnung sei und alles, was davon abfällt und alle, die damit nicht mehr klarkommen, seien schon mal zu verurteilen. Das hat auch mit meiner persönlichen Realität nichts zu tun. Ich kenne persönlich Leute, die echt Schwierigkeiten damit haben, finanziell über die Runden zu kommen, die mit der Steuererklärung nicht klarkommen, die Depressionen haben. Das passiert ja alles in deinem Umfeld. Ich kann ja als Journalist nicht so tun, als stünde ich auf der anderen Seite. Das sind ja meine Leute, also ist es als Journalist meine Aufgabe, für das Bewusstsein zu sorgen, dass das alles Teil unserer Normalität ist. Dass es extrem viele Leute gibt, die nicht mehr klarkommen. Dass es absolut nicht nicht normal ist, nicht normal zu sein. Mit dem hysterischen Boulevardton findet etwas statt, das letztlich auch auf mich abzielt. Ich finde, das kann schon mit dem harten Begriff der Säuberung beschrieben werden. Das zeigt sich ja auch bei den Reaktionen, die ich auf diesen Fussballartikel erhalten habe. Wenn ich nur schreibe: Offensichtlich passiert etwas in dieser super-gentrifizierten Stadt; ein Video taucht auf, auf dem ein extremer Gewaltausbruch dokumentiert ist. Wenn du da schon nur nicht einen Artikel schreibst, in dem du sagst, wie schlimm das doch sei, sondern schreibst: «Ok, das passiert. Das ist offensichtlich Realität und offensichtlich passiert es nicht nur einmal, sondern sehr häufig. Was heisst das nun?» Schon nur dann kommt ein riesiger Sturm Leute, die sagen, das dürfe man nicht schreiben, das sei zu verurteilen. Dagegen wehre ich mich. All das gehört auch zur Säuberung. Was darf man noch schreiben? Womit darf man sich überhaupt noch auseinandersetzen? Heisst jemandem eine Stimme geben schon, sich mit der Person zu solidarisieren?

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Chrigel
3. Juni 2018 12:10

Top, alles. Danke.

Mafalda
4. Juni 2018 20:15

Was für ein Blödsinn. Hooligans sollen Subkultur sein? Hahahaha. Ja klar. Dann ist Biofleisch aber au Subkultur.

AZF
6. Juni 2018 14:26

Mafalda? Du hier? Was ne Legende!

Zur Sache – was soll denn die Fan/Ultra/Hooligan-Kultur sein, wenn keine Subkultur? Duden meint Subkultur sei eine «innerhalb eines Kulturbereichs, einer Gesellschaft bestehende, von einer bestimmten gesellschaftlichen, ethnischen o. ä. Gruppe getragene Kultur mit eigenen Normen und Werten» Gerade der Werte- und Normenkonflikt mit den Mainstreammedien spricht doch für die Bezeichnung als Subkultur? Biofleisch hat höchstens im Gemüseregal eigene Werte.

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